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Die unbequeme Wahrheit der Gillian Anderson

Hollywood feiert eine "grüne Premiere" mit dem Umweltdrama "The Age of Stupid". Prominente wie Kofi Annan machen klar, dass es beim Klimaschutz um das Überleben der Menschheit geht. Hollywoodstar Gillian Anderson ("Akte X") sprach mit stern.de darüber, warum sie sich engagiert, anstatt den Glamour zu genießen.

Frau Anderson, warum halten Sie für "Age of Stupid" Ihr Gesicht in die Kameras? Sie spielen doch gar nicht mit?
Als ich den Film (siehe Kasten) das erste Mal gesehen habe, hat er mich so tief bewegt, dass ich nicht nur über das nachgedacht habe, was ich gesehen habe, sondern auch angefangen habe, mein Leben zu ändern. Im Kleinen wie im Größeren. Damit meine persönliche CO₂-Bilanz und die meines Haushalts geringer ausfällt.

CO₂-Emissionen von Fliegern gehören zu den größten Verursachern des Treibhauseffekts. Ein Transatlantik-Flug erzeugt etwa sechs Mal soviel CO₂ wie ein Erdenbürger im Jahresdurchschnitt. Sie sind Hollywoodstar. Wie wollen Sie verhindern zu fliegen?


Es gibt viele kleinere Dinge, an denen ich etwas ändern kann, Fliegen ist aber kompliziert. Wir haben in diesem Jahr schon ein paar Reisen aus eben diesem Grund abgesagt, weil es Flüge gewesen wären, die nicht unbedingt nötig waren. Andere Flüge muss ich wegen meines Jobs nehmen. Da kann ich leider nicht viel tun. Die Hoffnung ist, dass bald Flugzeuge gebaut werden, die einen geringeren CO₂-Ausstoß haben, als es heute der Fall ist. Bis dahin müssen wir versuchen, das Fliegen so weit wie möglich einzuschränken.

Wann haben Sie das erste Mal realisiert, dass für die Menschheit die Uhr tickt?
Nachdem ich diesen Film gesehen habe. Auch Al Gores "Eine unbequeme Wahrheit" hat mich bewegt, wenn er auch nicht die gleiche Wucht hatte wie "The Age of Stupid". Es ist wichtig, dass sich all die Menschen, die auch nur ein bisschen daran interessiert sind, was uns bevorsteht, die eineinhalb Stunden Zeit nehmen und diesen Film sehen. Und ich hoffe, sie werden es live sehen. Ich weiß, dass es in Deutschland viele Vorführungen gibt. Nur wenn viele Menschen zum Live-Screening kommen, sehen die Politiker, dass es den Leuten etwas bedeutet. Teil des Problems ist ja, dass es so aussieht, als wäre es den meisten Menschen egal. Deshalb kommen Regierungen damit durch, nicht wirklich etwas zu unternehmen. Die Kritik ist nicht laut genug. Es reicht nicht, wenn wir nur in unseren vier Wänden an die Zukunft unserer Kinder denken. Wir müssen das auch draußen so laut wie möglich verbalisieren, klar machen, dass wir es ernst meinen.

Es bleibt nicht viel Zeit, bevor die klimatischen Veränderungen unumkehrbar werden. Glauben Sie wirklich daran, dass die Menschen sich ändern können?


Wir müssen daran glauben! Wenn wir es nicht tun, können wir gleich aufgeben. Wir müssen einen Blick auf die Emissionen haben. Und jeder Einzelne kann etwas tun. Sie können gleich damit anfangen: Es gibt die großartige Kampagne "Ten in Ten". Dabei geht es darum, die eigenen Emissionen bis 2010 um zehn Prozent zu senken. Das ist eine sehr effektive Kampagne, an der bereits viele Leute und auch Konzerne teilnehmen. Aber noch wichtiger ist die Beteiligung von Regierungen, damit es Gesetze gibt! Wir Menschen sind wie unartige Schulkinder, die hoffen, dass sie nicht erwischt werden, und dass wir uns nicht zu sehr ändern müssen. Wir brauchen einen Lehrer oder Eltern, die die Entscheidungen für uns treffen, weil wir es offenbar nicht selbst können. Ich meine, wir reden hier davon, dass wir unseren Planeten vor einem Desaster retten müssen!

Aber wie der Filmtitel schon sagt, sind Menschen ziemlich dämlich.


Das ist natürlich ein sehr provokatives Wort. Letztlich geht doch um die Unbequemlichkeit. Die Menschen - und da schließe ich mich zum Teil mit ein - wollen es einfach nicht wissen, weil es zu beschwerlich ist, sich zu ändern. Und manche Leute sind einfach sorglos. Vielleicht sorgen sie sich um ihre Kinder. Aber die Kinder ihrer Kinder, das liegt zu weit in der Zukunft. Es gibt viele Wege, Nichtstun zu rechtfertigen, die Realität, die vor uns liegt, nicht zu sehen. Wir sind eine Generation der Stubenhocker, die Reality-Shows gucken und einkaufen gehen. Konsumieren ist einfach, aber sich zu ändern, das bedeutet Arbeit. Das ist unbequem, und natürlich wollen wir das nicht hören.

Haben Sie jemals aufgeben wollen, gedacht, dass die Menschen eben nicht gut sind?


Ja, denn wir kriegen es immer wieder gezeigt. Ich glaube nicht, dass Menschen schlecht sind, aber dass es offensichtlich eine zu große Bitte ist. Sie glauben es nicht, denken, die Wissenschaftler haben einen Fehler gemacht, dass es so schlimm nicht sein kann. Das ist einfacher, als sich der Ansage zu stellen, dass es keinen Fehler gibt, sondern dass wir unsere Hintern hochkriegen und etwas ändern müssen.

Das Verrückte ist, dass die Stürme, Hitzewellen und Überschwemmungen schon da sind, aber häufig kleingeredet werden.


Ja, denn "das ist ja schon immer passiert. Früher war das auch so. Es wird immer so sein. Das hat nichts mit dem Klimawandel zu tun." So reden die dann.

Vielleicht hat die Menschheit einfach ein Verfallsdatum, und unsere Zeit ist um.


Es gibt da eine Theorie, über die ich allerdings nicht genug weiß, die heißt Gaia-Theorie: Demnach sind wir Menschen die Parasiten der Erde, und die Erde wird mit Absicht immer heißer, um uns loszuwerden, weil wir zu viel Zerstörung anrichten. Ich kann nicht behaupten, dass das nicht irgendwie plausibel klingt. Wäre ich Mutter Erde und da wären diese kleinen Dinger, die über mich kriechen und alles kaputt machen, die zeigen, dass sie kein Interesse daran haben, dass ich weiterlebe, ...

... würde ich vielleicht auch Fieber kriegen, um sie loszuwerden und neu anzufangen.

Glauben Sie wirklich, dass ein Film helfen kann, den Menschen bewusst zu machen, wie ernst es ist?


Ich weiß um den Einfluss, den "The Age of Stupid" bereits auf mein Leben hatte, und habe es auch bei anderen Leuten erlebt. Ich denke, ein Film kann etwas ändern. Wenn man sich die Firmen anguckt, die bereits für die die "Ten in Ten"-Kampagne unterschrieben haben - und das innerhalb von 24 Stunden - macht das einen Unterschied.

Sie sind Hollywoodstar, aber sozial und im Umweltschutz sehr engagiert. Wie vereinen Sie die falsche Welt des Glamours mit der immer wieder brutalen Realität?


Ich stehe im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber mein alltägliches Leben hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich bin nur wegen meines Jobs von öffentlichem Interesse, was für mich mein Handwerk ist, das ich liebe. Und diese Liebe hat diese Aufmerksamkeit mit sich gebracht. Eine der wenigen Möglichkeiten für mich, die Falschheit und den protzigen, illusorischen, unechten Aspekt auszubalancieren ist es, genau das Gegenteil zu tun. Dinge, die wichtig sind, die Gewicht haben, die von Bedeutung sind.

Haben Sie den Glamour satt?


Es wurde mir zu viel, als ich in Los Angeles gelebt habe. Deshalb bin ich nach London gezogen. Ja, ich hatte ihn satt, und ich habe ihn weiterhin satt. Deshalb ist auch nicht mehr viel davon in meinem Leben.

Bringt Ruhm Verantwortung mit sich?


Das muss nicht so sein. Viele entscheiden sich dagegen. Ich habe mich dafür entschieden, aber das bin nur ich. Man sollte nicht verallgemeinern, was Leute tun sollen und was nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, die Glitzerwelt irgendwann ganz zu verlassen und etwas ganz anderes zu machen?


Sie meinen, aussteigen und Künstlerin werden zum Beispiel? Ja, absolut.

Eine letzte Frage, die nichts mit Umweltschutz und Verantwortung zu tun hat: Wird es einen dritten "X Akten"-Film oder nicht?


Ich weiß, dass die Produzenten darüber reden. Ob das heißt, dass es einen geben wird, weiß ich nicht. Aber ich wäre mit dabei.

Hier erfahren Sie, in welchen deutschen Kinos "The Age of Stupid" läuft.
Diskutieren Sie über nachhaltigen Lifestyle mit unserer Expertin auf im Blog "Saubere Sachen" auf stern.de.

Interview: Sophie Albers
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