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9. Januar 2006, 10:36 Uhr

Pietätsfrist in Hollywood abgelaufen

Die Trümmer des World Trade Center ragen wieder qualmend in den Himmel - nur diesmal nicht an der Südspitze Manhattans, sondern in Hollywood. Denn gleich zwei Filme über "9/11" werden dieses Jahr in die US-Kinos kommen.

Kaum ein Regisseur in Hollywood ist so umstritten wie Oliver Stone© David Livingston/getty images

Oliver Stone, 59, der zuletzt mit dem Historienschinken "Alexander" Kritiker und Publikum verschreckte, hat sich als erster des brisanten Stoffs angenommen. Sein Film mit dem Arbeitstitel "World Trade Center" erzählt die wahre Geschichte zweier Polizisten, die als letzte lebend aus den Trümmern des World Trade Center geborgen wurden. Der Film wird in den USA am 11. August 2006 anlaufen, ein deutscher Starttermin steht noch nicht fest.

Der Brite Paul Greengrass (50) verfilmt unterdessen für das Hollywoodstudio Universal das Drama der vierten entführten Maschine, die vermutlich das Weiße Haus oder das Kapitol treffen sollte, aber wegen eines Aufstands der Passagiere vorher in Pennsylvania abstürzte. Nach der Flugnummer heißt der Film "Flight 93". Ab dem 28. April kommt der Film in die amerikanischen Kinos, also auch noch bevor die Terroranschläge sich zum fünften Mal jähren.

Sogar Schwarzenegger-Film wurde verschoben

Lange hat Hollywood jeden Bezug auf "9/11" peinlich vermieden. Der noch vor den Anschlägen produzierte Actionstreifen "Collateral Damage" mit Arnold Schwarzenegger wurde statt wie geplant Ende 2001 erst im Jahr darauf in die Kinos gebracht, weil es darin um einen Terroranschlag und einen Feuerwehrmann ging.

Aus "Spiderman" wurde eine Szene, in der der Superheld sein Netz zwischen den Türmen des World Trade Center aufspannt, herausgeschnitten. Jack Nicholson gab damals die allgemeine Stimmung in Hollywood wieder, als er sagte: "Meine Reaktion auf den 11. September war, keine Filme zu machen, die traurig oder kritisch sind. Ich habe beschlossen, kein Geld damit zu verdienen, Leute zu deprimieren."

"Das wichtigste Ereignis unseres Lebens"

Der gebürtige New Yorker Stone sieht das inzwischen ganz anders: "Der 11. September war das wichtigste Ereignis unseres Lebens", sagt der dreifache Oscar-Preisträger. "Er überschattet die Zukunft von uns allen. Für das Kino ist es essenziell, zu ergründen, was das bedeutet."

Ähnlich sieht es Greengrass: Die Passagiere in der vierten Maschine "waren die ersten Menschen, die in der Zeit nach dem 11. September lebten", sagt er. Denn durch Handyanrufe wussten sie bereits, dass zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center gerast waren. "Vierzig ganz normale Leute hatten 30 Minuten, um sich mit der Realität auseinander zu setzen, in der wir jetzt leben, und zu entscheiden, was zu tun war. Ihre Debatte ist unsere Debatte."

Keine "Katastrophen-Inferno-Titanic-Version

Bei den Hinterbliebenen der Opfer hat vor allem der Name Stone Misstrauen ausgelöst. Denn er gilt seit seinen Anti-Kriegsfilmen "Platoon" und "Geboren am 4. Juli" als Linker, der in seinem Film "JFK" zudem eine Verschwörungstheorie zur Ermordung von John F. Kennedy verfolgte. Kurz nach dem 11. September hatte er die Anschläge als einen Akt der Rebellion gegen die Globalisierung gedeutet. Vorsorglich versichert Stone deshalb bei jeder Gelegenheit, sein Film wolle "die Helden des 11. September ehren". Co-Produzent Michael Shamberg unterstreicht: "Wir drehen nicht die Katastrophen-Inferno-Titanic-Version."

Eine Rolle von "9/11"-Filme rollt auf uns zu

Die beiden Produktionen sind möglicherweise nur der Anfang einer ganzen Welle von "September-Filmen". So hat sich Columbia Pictures bereits die Rechte für den Bestseller "102 Minuten" über die Geschehnisse zwischen dem Einschlag und dem Einsturz der Türme gesichert. Die Pietätsfrist scheint endgültig abgelaufen.

Christoph Driessen/DPA
 
 
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