Heute aber sprach Bullock vor Schreck nur Englisch, so baff war sie, als sie nun auch noch den Oscar gewann für ihre Rolle in "The Blind Side". Kaum war ihr Name verkündet worden, kaum hatte ihr Gatte Jesse James sie geküsst, da bewegte Bullock sich wie ferngesteuert Richtung Bühne. Vorbei an Meryl Streep, ihrer engsten Konkurrentin, der Rekordfrau, die zum 16. Mal für einen Oscar nominiert war und Bullock nun einen fröhlichen Klaps auf den Po mitgab. "Habe ich das wirklich verdient", fragte Bullock schüchtern, ihre Trophäe in der Hand, "oder habe ich euch in den letzten Wochen einfach nur mürbe gemacht?" Dann lachte sie. Wie auch Jeff Bridges lachte, natürlich, er wurde zum besten Hautdarsteller gekürt für seinen Part als Country-Sänger in "Crazy Heart". "Ohoooh!", jubelte er. "Hahaaah! Uhuuuh!"
War die Preisverleihung bis dahin etwas fad und ohne große Gefühlsausbrüche oder Pointen dahingeplätschert, waren all die Einzelpreise eingebettet in die zweite Nicht-Überraschung - den Goldregen für "The Hurt Locker". Angefangen in der Kategorie bestes Originaldrehbuch: Da gewann Mark Boal, ein Mann mit brauner Fönwelle, der als Journalist im Irak-Krieg bei den amerikanischen Truppen "embedded" war und auf dessen Erfahrungen Kathryn Bigelows Film basiert. Boal hat für sie sein erstes Drehbuch geschrieben, und nun bekam er seinen ersten Oscar dafür, "und den widme ich unseren Truppen in Afghanistan und im Irak", so Boal.
Weiter ging es mit den Kategorien bester Tonschnitt, bester Ton, bester Schnitt, die alle an "The Hurt Locker" gingen. Sechs Auszeichnungen insgesamt. Zwischendrin gab es drei Preischen für "Avatar", der in den Abteilungen bestes Szenenbild, beste visuelle Effekte und eben beste Kamera gewann. James Cameron guckte bisweilen ziemlich sparsam, aber dann lächelte er doch, er stieß sogar einen Jubelschrei aus, obwohl er verlor: Kurz vor Ende der Verleihung betrat Barbra Streisand die Bühne, um den besten Regisseur zu ehren.
"Heute könnte Geschichte geschrieben werden", sprach Mrs. Streisand. "Kathryn Bigelow könnte die erste Frau sein, die diesen Preis gewinnt". Dann öffnete sie den Umschlag, schaute hinein und sagte: "Nun, die Zeit ist gekommen ..." Da lächelte Bigelow schon, eine Lady mit langen, braunen Haaren, die wusste: Der Preis ist mein! Stolz schaute Drehbuchautor Boal ihr hinterher, als sie auf die Bühne ging, um ihren Oscar abzuholen. Er ist heute ihr Lebensgefährte, und wenig später stürmte er zu Bigelow auf die Bühne, als Tom Hanks verkündet hatte, welcher Film zum besten Film des Jahres gekürt worden war. Das war - na klar, "Hurt Locker". Kathryn Bigelow hielt nun sowohl in der linken Hand einen Oscar und als auch in der rechten, als wolle sie gleich Hanteltraining damit machen. Die stärkste Frau von Hollywood.