
Von kaputten und erfolgreichen Frauen© Zorrofilm
Das Gegenbeispiel ist eine Deutsche mit dem Künstlernamen Katja Kassin, die sich mit Pünktlichkeit und Kampfgeist in die 500.000-Dollar-Liga hochschläft, obwohl sie nicht einmal besonders gut aussieht. Vorher habe sie in einem Rathaus in Ostdeutschland gearbeitet und ein bisschen studiert, sagt sie. Sie hat es im Porno-Business weit gebracht, fängt dann an, für Geld mit Menschen zu schlafen, auch wenn keine Kamera dabei ist. Für noch mehr Geld. Bis sie auf ihrer Myspace-Seite schreibt, sie würde sich gern unter einem Stein verstecken.
Und dann gibt es noch eine Rothaarige, Typ Nicole Kidman, namens Audrey, die unglaublich hübsch ist und Porno-Preise gewinnt. Die aber am Ende oft nur noch dasitzt, aufgedunsen, und mit vom Kiffen blutunterlaufenen Augen vor sich hinstiert. Es seien, sagt Hoffmann, gar nicht die schlimmsten Szenen, die er da zeigt. Die allerschlimmsten habe er weggelassen, um Audrey zu schützen. Es wäre einfach, ihren Verfall auf ihre Arbeit zu schieben. Aber da ist sich Hoffmann nicht sicher. Sie habe einen ungeheuer dominanten Mann, ein lauter, überpräsenter Mensch. Otto Bauer ist sein Künstlername. Der einzige männliche Darsteller übrigens, der in "9 to 5" auftaucht.
Es liege, glaubt Hoffmann, womöglich auch an ihm, dass es Audrey immer dreckiger gehe. Denn er habe den Eindruck gehabt, dass Audrey den Berufssex eher emotionslos absolviere. Diese Widersprüchlichkeit transportiert Hoffmann auch mit seinem Film. Audrey und Otto sind sein roter Faden, sie tauchen am häufigsten auf. Und Hoffmann liefert eine eindrückliche Beziehungsstudie dieses Porno-Paares. Dabei kommentiert er nicht, er zeigt nur. Ziemlich viel.
Doch es gibt auch starke, erfolgreiche Frauen. Die kahlköpfige Bella Donna betreibt mit ihrem Freund eine eigene Firma. Selbstbestimmt, ehrgeizig, eine Geschäftsfrau, keine, die leidet. Genauso wie die recht erfolgreiche Darstellerin, die sich nach Jahren im Geschäft immer noch weigert, Analsex zu praktizieren. Ein krasser Gegensatz zu den ganz jungen Mädchen, die sich oft schon beim ersten Dreh zu allem überreden lassen.
"9 to 5" ist keine Anklage wider die unwürdigen Praktiken einer menschenverachtenden Industrie. Es ist eher eine vorsichtige Suche nach Antworten auf wesentliche Fragen. Leiden diese Frauen, werden sie unterdrückt? Hoffmann erzählt vom Jim Powers, dem Punk und Porno-Regisseur, dessen Filme als die härtesten im Valley gelten. Nirgendwo sei die Stimmung am Set so gut wie bei ihm. Frauen haben gar nicht so wenig Macht, argumentiert Hoffmann. Sie sind die Stars der Szene. Die Männer müssten nur funktionieren. Oft sehe man nicht einmal ihr Gesicht. Das gilt vor der Kamera. Dahinter, so viel ist auch klar, stehen andere Männer, die oft ordentlich abkassieren.
Auch die Profiteure in ihren Büros lässt Hoffmann kurz zu Wort kommen. Ein Aspekt, den er ausblendet, ist die Strukturkrise, in die das Internet die Industrie gestürzt hat. Mit DVDs lässt sich heute deutlich weniger Geld verdienen als noch vor einigen Jahren. Hätte "9 to 5" sich diese Facette auch noch vorgenommen, wäre er allerdings endgültig ausgefranst. Es sind schon sehr, sehr viele - zu viele - Menschen, deren Geschichten sehr ausführlich erzählt werden. Ein schmieriger, hinkender Agent tritt da etwa noch auf, der seine Frauen für Tagesgagen von 400 Dollar oder mehr vertreibt. Je nachdem, was sie am Set alles mit sich machen lassen, oder nicht. Es steht in ihren Personalakten. Porno-Darsteller kann ein recht normaler Job sein, deshalb hat Hoffmann den Film "9 to 5" genannt, das sind die Zeiten, die einen Büroarbeitstag abstecken. Und es kann eine zutiefst trostlose Veranstaltung sein. Hoffmanns Film zeigt beides. Mit den TV-"Pseudo-Pornos" hat das wirklich überhaupt gar nichts zu tun.