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27. September 2008, 10:00 Uhr

Zwischen Hitler-Boom und RAF-Wahn

Gerade in der Darstellung des Nationalsozialismus hat sich viel verändert. 2004 wurde noch heiß diskutiert, ob Bruno Ganz Hitler im "Untergan"“ vermenschlichen dürfe. Tobias Morettis Führer-Schauspiel war dann schon normal, und kurz darauf durfte man über Helge Schneiders tollpatschigen GröFaZ laut lachen. Befreien uns diese Filme vom Hitler-Bann?

Baring: Mir hat ein alter jüdischer Freund gesagt: Ihr werdet Hitler erst los, wenn ihr über ihn das Totengebet sprechen könnt. Das ist eine ungeheure Aussage, die mich lange umgetrieben hat. Aber sie ist wohl wahr. Nur so werden wir mit ihm fertig. Die Selbstverhexung des Landes muss einer gelassenen Betrachtung weichen, die sicher keine Relativierung bedeutet.

Sperl: Jeglicher Nationalstolz war lange verpönt. Das wird nur besser, wenn wir alles auf den Tisch legen und auch endlich das Positive an unserer Vergangenheit betrachten und verinnerlichen. Die deutsche Geschichte ist viel mehr als nur die Vorgeschichte von 1933.

Uhl: Ich bin der Meinung, dass die geballte Historie in unseren Filmen mit eben dieser Sinnsuche, der Sehnsucht nach einer ehrlichen Identität zu tun hat. Besonders die junge Generation war immer ein Seismograf. Ohne Sinn und Identität folgt sie unter Umständen den falschen Predigern.

Während wir hier diskutieren, salutieren bei einer sogenannten Historiale im Berliner Nikolaiviertel preußische "Lange Kerls" vor einem König-Friedrich-Darsteller. Kann man mit so einem Military-Volksfest seine Identität finden?

Sperl: Jenseits des preußischen Militarismus gäbe es so viel zu erzählen, das reicht für einige Filme.

Aust: Die Langen Kerls sind hoffentlich nicht das Einzige, was von Preußen bleibt. Und doch überlagert die immense Wirkung der Figur Hitler alles andere.

Herr Aust, erinnern Sie sich, wie oft Sie ihn in Ihrer Zeit als Chefredakteur des Spiegel auf den Titel gehievt haben?

Aust: Nicht aus dem Stand.

Wir haben 22 Hitler-Titel gezählt. Was macht seine Strahlkraft aus?

Aust: Moment mal, es ist doch ganz klar, dass wir uns in 13 Jahren mit ihm und seinem Reich öfter beschäftigt haben. Aber es heißt nicht, dass er selbst zwangsläufig Auflage bringt. Mein erster Titel 1994 war zur 50-jährigen Befreiung von Auschwitz, das war damals sehr intensiv und richtig. Die letzte Covergeschichte unter meiner Ägide behandelte den 75. Jahrestag der Machtergreifung. Es hatte immer mit größeren Zusammenhängen zu tun. Das funktioniert auch mit anderen Figuren. Als etwa Hans Magnus Enzensberger dieses große Humboldt-Buch herausbrachte, war ich so angetan, dass wir auch einen Titel machten. Da kam sogar Altbundespräsident von Weizsäcker und sagte: Toll, aber mutig. Denn das könne sich ja nicht verkaufen. Das Gegenteil war der Fall, die Ausgabe war sehr erfolgreich. Das gleiche Thema hat Daniel Kehlmann einen Bestseller beschert. Und wieso? Ich würde das nicht überinterpretieren. Es ist einfach nur sehr interessant.

Erzählt uns dieses Interesse etwas über tiefere Fragen, die die Gesellschaft umtreiben?

Baring: Ich denke, dass eine Sehnsucht nach der Bürgerlichkeit eine Rolle spielt, wenn nun etwa die Buddenbrooks durch Heinrich Breloer neue Aufmerksamkeit bekommen. Man will erfahren, was an solchen Strukturen früher da war und ob es heute davon noch etwas gibt.

Und? Lässt sich bei den Buddenbrooks und den Humboldts Identität für das heutige Deutschland finden?

Baring: Ja, sicher. Weshalb das Stadtschloss Humboldt-Forum heißen wird. Aust: Weil man erkennt, dass Alexander von Humboldt kein Eroberer war, sondern ein Entdecker, einer, der wissen wollte, was die Welt in ihrem Äußeren zusammenhält.

Bleiben wir noch mal beim Inneren - der nationalen Identität. Wo gibt's die im Angebot?

Sperl: Die finden wir, indem wir von Tätern und von Opfern reden. Wie wir das in unserem viel diskutierten TV-Movie "Die Flucht" mit Maria Furtwängler gemacht haben. Da haben wir Tabuzonen geöffnet und von den deutschen Opfern gesprochen.

Darf man auch von Tätern auf der anderen Seite sprechen? Wäre die Zeit reif für ein Event-Movie namens "Die Vertreibung"?

Sperl: Ich habe darüber schon eine Dokumentation gemacht. Natürlich muss man behutsam vorgehen. Erst habe ich mich geweigert, in die Vertriebenen-Foren zu gehen, zu den "Revanchisten", wie ich dachte. Und tat sächlich traf ich auf so einen. Als ich dem erzählte, dass ich auch mit Polen gesprochen habe, die ihrerseits vertrieben wurden, dass die das gleiche Leid empfanden wie er, öffnete er sich. Und sagte: "Darüber habe ich noch nie nachgedacht." Wir sind da wieder beim Totengebet, wie Herr Baring vorhin sagte. Wir müssen lernen, über unsere Opfer zu trauern.

Baring: Wie sonst sollte man uns abnehmen, dass wir über die jüdischen und alle anderen Opfer ehrlich trauern, wenn wir es über unsere eigenen nicht tun.

Die Filme "Schindlers Liste", "Black Book", "Walküre", "John Rabe" stilisieren Helden in NS-Uniformen. Wird Ihnen auf dieser medialen Suche nach dem "guten Nazi" nicht etwas mulmig?

Aust: Allein die Bezeichnung "guter Nazi" ist für diese Figuren völlig falsch. Das sind differenzierte Persönlichkeiten, die eben in ihrer Entwicklung interessanter sind als die reinen Bösewichte. Richtig ist allerdings, dass man etwa einen Schindler auch als Kriegsgewinnler hätte zeigen können, der sich durch den Arbeitseinsatz von KZ-Insassen bereichert.

Uhl: Die in ihrer Frage liegende Stigmatisierung würde vermutlich jeden ehrgeizigen Schauspieler treffen. Zu unserer schwierigen Verantwortung gehört es, ein differenziertes Bild von Personen zu zeigen, besonders wenn sie umstritten sind.

Sperl: Gerade die Brüchigkeit dieser Figuren ist es, die fasziniert. Kein Held ist strahlend und unbefleckt, das ist ja gerade, was bei Stauffenberg so spannend ist. Wenn man die Zusammenhänge erklärt, muss einem nicht mulmig werden.

Nadja Uhl

Nadja Uhl Wuchs in der DDR auf und wollte schon im Kindergarten Schauspielerin werden. Die 36-jährige Uhl lieferte aufsehenerregende Darstellungen historischer Figuren in Filmen wie "Das Wunder von Lengede", "Nicht alle waren Mörder", "Der Baader-Meinhof-Komplex" und "Mogadischu". Aber auch Komödien liegen ihr, siehe "Sommer vorm Balkon".

Stefan Aust

Stefan Aust Begann 1966 als Redakteur bei der linken Zeitschrift konkret und lernte viele handelnde Persönlichkeiten der 68er-Revolte sowie der RAF kennen. Damals begann er bereits mit seinen Arbeiten über die Terrorvereinigung. Sein Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" wurde 2008 verfilmt. Von 1994 bis 2008 war Aust, 62, Chefredakteur des "Spiegel", gilt als Vater von "Spiegel TV"

Gabriela Sperl

Gabriela Sperl Ist eine der erfolgreichsten Filmproduzentinnen des Landes. Die Historikerin leitete für den Bayerischen Rundfunk den Bereich Fernsehspiel, seit 2003 ist sie selbstständige Pro duzentin. Zu ihren Werken zählen "Carola Stern - Doppelleben", "Die Flucht" und "Stauffenberg", für die Sperl zum Teil auch die Drehbücher schrieb. Demnächst sind von ihr "Mogadischu" und der Oskar-Roehler- Film "Lulu und Jimi" zu sehen. Sie arbeitet an einer Filmbiografie über NS-General Rommel

 
 
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