
Alle gegen einen: Ganz Springfield geht gegen Homer auf die Straße© 20th Century Fox
Groening war begeistert - aber plötzlich schoss ihm durch den Kopf, dass der mit Oscars und Preisen überhäufte Brooks ihm seine geistigen Kinder für immer entwenden könnte. Also schlug er ihm nicht vor, woran er seit Jahren gearbeitet hatte, sondern erfand zwischen Tür und Angel eine neue Comicfamilie. Vater mit Bauch und ganzen zwei Haaren auf dem Kopf, Mutter mit großem Herz und noch größerer Turmfrisur, gewaltvideosüchtiger Rotzlöffel-Sohn, schmuckes Töchterchen, Schnullerbaby, fertig. Benannt hatte er die frisch gebackenen Simpsons kurzerhand nach der eigenen Sippe: die Eltern wie seine Eltern, die Töchter nach seinen Schwestern. Nur Bart dachte Groening sich aus - Bart wie "brat", das heißt Balg.
Sein Schnellschuss kam an, zwei Jahre später gab's den ersten reinen "Simpsons"- Kurzfilm, im Januar 1990 startete die erste Staffel. Ein kleines Trickstudio kolorierte Groenings Schwarz-Weiß-Bilder: In nur zweihundert Farben - Genre-üblich sind mehr als tausend - erstand die unheile Welt der Glubschaugen, die immer noch ein bisschen doller glubschen, wenn der gelbe Hals zugedrückt wird, Homers liebste Erziehungsmethode, vor allem für seinen Sohn Bart. Beim Zappen sind die plakativen, bewusst primitiv gezeichneten Simpsons leicht wiederzuerkennen, und wer hängen bleibt, wird belohnt. Der Humor der Serie ist nämlich alles andere als primitiv - mehr als 200 Autoren und Zeichner, darunter verblüffend viele Harvard- Absolventen, toben sich in sämtlichen Formen der Hoch- und Tiefkomik aus, von Slapstick-Einlagen über ironische Zeitgeistkommentare bis hin zu hinreißenden Frechheiten, für die das Autorenteam oft eins auf die Mütze bekommt. Zum Beispiel, als die Schreiber die Bushhörigen Fox-Nachrichtensendungen parodierten - auf einem Laufbalken, der in der echten News-Show den sogenannten Breaking News vorbehalten ist, war während einer Simpsons-Folge zu lesen: "Neue Studie: 92 Prozent aller Demokraten sind schwul!"
"Fox hat uns verboten, so etwas je wieder zu machen", sagt grinsend Groening. Er ist ein großer Mann mit Homer- Bauch und Hippie-Grauschopf, den seine bananenfarbene Bande nicht nur zum vielfachen Millionär, sondern auch stolz gemacht hat - "besonders stolz auf Bart, ich wünschte, es gäbe mehr solcher Bratzen". Der geschiedene Vater zweier Söhne, die Homer und Abe heißen (Abe ist Homer Simpsons Vater), hat oft genug verkündet: "Unterhalten und untergraben, das ist mein Motto." So verfolgen die Simpsons, bei allem Spaß, ein ernstes Ziel: Autoritäten werden infrage gestellt, sogenannte Werte auf ihren Wert abgeklopft. Natürlich nicht wörtlich, sondern im Zerrspiegel der Satire - die Springfieldianer präsentieren sich als gierige, tumbe und selbstgefällige Konsumenten des American Dream.
Es sei kein Wunder, sagt Groening strahlend, dass die Briten vor einigen Jahren in einer Online-Umfrage Homer Simpson zum bedeutendsten Amerikaner erklärten, noch vor Abraham Lincoln: "So nimmt die Welt uns wahr." Jetzt fällt die Wahrnehmung noch ein bisschen leichter: Familie Simpson, die niemals altert und nie dazulernt, kommt nächste Woche bei uns ins Kino. Der Druck auf Groening und Kollegen ist enorm, die Fangemeinde aufgeregt und ein bisschen misstrauisch. Der bis zuletzt geheim gehaltene Plot dreht sich um Großes wie die Klimakatastrophe und Kleines wie Barts Pimmel. Den gibt es nämlich in "full frontal nudity", wie es in Hollywood so schön heißt, zu besichtigen, kurz nachdem ein Green-Day-Konzert in einer Katastrophe endet.
Die Band synchronisiert sich - das ist gute Simpsons-Sitte - natürlich selbst, Gastauftritte bei den Simpsons gelten als Ehre. Bono hat schließlich auch schon mitgemacht, ganz zu schweigen von Mick Jagger. Die Liste derer, die sich von den Simpsons auf die Schippe nehmen ließen, reicht von Bill Clinton über Stephen Hawking bis zu den Hollywood-Diven Liz Taylor und Meryl Streep, und selbst der notorisch öffentlichkeitsscheue Schriftsteller Thomas Pynchon spielte sich in einer Episode selbst - er wurde mit Papiertüte überm Kopf gezeichnet. Tony Blair begrüßte als Tony Blair die Simpsons am Londoner Flughafen; im Verlauf dieser Folge krachte Homer mit dem Auto in den Buckingham-Palast und wurde nur unter der Bedingung aus der U-Haft entlassen, dass er sofort aus England abreist - und Madonna bitte mitnimmt.
Wenn der Film, den das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" als die "mit größter Spannung erwartete Komödie des Sommers" bezeichnete, allen Vorzeichen zum Trotz kein Erfolg wird, so werkeln die Simpsons unverdrossen fort in ihrer TV-Welt. In dem "Bungalow" genannten Schreibbüro auf dem Gelände der Fox- Studios in Los Angeles treffen sich weiterhin gut gelaunte Gag-Schreiber, um neue Desaster für den Homer sapiens zu ersinnen; kein Ende ist in Sicht. Einziger Dämpfer für das schön spinnerte Team? "Wir geben uns immer eine Wahnsinnsmühe mit den Dialogen und diesen superfeinen Anspielungen auf Filme und Bücher", sagt Groening. "Und dann kriegt den größten Lacher Homer, wenn er nach seinem Bierchen rülpst."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2007