
Vanessa Redgrave und Roland Emmerich© Lennart Preiss/ddp
Dann ist es endlich egal, dass Emmerichs Ruhm vor allem darauf basiert, einst das Weiße Haus gesprengt zu haben. Vanessa Redgrave ("Mrs Dalloway", "Abbitte") hat in "Anonymous" die Rolle der Elisabeth I. übernommen, die Regentin zu Shakespeares Zeiten. In der Kulisse des Rose Theatre spricht die Grand Dame der Bühne und Leinwand von der Magie der Sprache in Shakespeares Kunst, den Brüchen im Charakter der Königin, von der Verzweiflung, der Sehnsucht und der Hoffnung, die Menschen auch heute noch in den mehr als 400 Jahre alten Texten finden. Und während Redgrave mit leuchtenden Augen berichtet, flackern und rußen echte Kerzen in der milden Babelsberger Abendbrise.
Auch Schauspieler Mark Rylance wird dafür sorgen, dass Shakespeare drin ist, wo Shakespeare drauf steht: Er war zehn Jahre lang Leiter des Shakespeare's Globe Theatre in London. Er hat zuweilen die Aura des Wächters eines heiligen Grals, wenn er über Erstausgaben und Versionenvergleiche der berühmten Theaterstücke spricht. Dagegen wirkt Rhys Ifans ("Notting Hill", "Radio Rock Revolution") fast wie ein Rockstar. Doch auch ihn hat Shakespeare gepackt: Der Film "ermöglicht uns einen Zugang zu dem Zauber dieses Autors - wer immer er auch war", so Ifans, der in "Anonymous" die Rolle des Edward de Vere übernimmt, der angeblich in Wahrheit Urheber der gefeierten Dramen und Gedichte war.
Apropos Urheber: Ein politischer Thriller soll "Anonymous" sein. Die Fragen von Kunst und Kreativität seien eingebettet in die Intrigen um die Nachfolge von Königin Elisabeth I., führt Autor Orloff aus. Vielleicht gelingt es dem vorausschauenden Emmerich auch darin mal wieder, drängende Fragen unserer Zeit auf den Punkt zu bringen. Wo fängt die Kunst an, und wie viel ist sie uns wert in Zeiten von Antipiraterie-Gesetzen und Copy-und-Paste-Autoren wie Helene Hegemann? Über das Erderwärmungsszenario von "The Day After Tomorrow" haben damals viele gelächelt. Und das ist gerade mal sechs Jahre her.