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20. Mai 2010, 12:26 Uhr

Alle im Fluss

Florian Kummer arbeitet als Arzt und verbringt den Großteil seiner Freizeit in der Münchner Eisbachwelle© Pipelines Pictures

Polizei jagte Surfer mit Waffe und Handschellen

All diese Geschichten kann man sich nun auch im Kino erzählen lassen. "Keep Surfing" heißt die von Lob konzipierte und gefilmte Doku, die auf dem Münchner Filmfest bereits den Publikumspreis einheimste und jetzt bundesweit anläuft. Der Titel ist eine Anspielung auf die jahrzehntelangen Katz- und Mausspiele mit der oberbayerischen Obrigkeit. "Lebensgefahr!", warnten Schilder, "Baden und Surfen verboten wegen gefährlicher Uferströmungen und wassertechnischer Einbauten". Wer dennoch übers Wasser bretterte, riskierte Strafzettel, Bußgelder und sein Surfboard, das gerne von der Polizei konfisziert wurde. Es gab sogar Vorfälle inklusive Handschellen und gezogener Dienstwaffe.

Alles Vergangenheit. "Heute kommen die Polizisten nur noch zum Zugucken", berichtet Lob. Oder wenn sich die Wagemutigeren unter den Surfern bei Hochwasser in die offene Isar stürzen und Spaziergänger erschrecken. War der Sprung auf den Eisbach lange untersagt und dann klammheimlich geduldet, wird die inzwischen international bekannte Touristenattraktion diesen Sommer endgültig legalisiert. Für die neue Saison wurde die Surfstelle zum ersten Mal aufgehübscht. Die Verbotsschilder an der Brücke sind bereits entfernt, auf einer Uferseite hat man für Surfer und Zuschauer neue Holztribünen angelegt. Ab Juli gehört der Flussabschnitt um die perfekte Welle dann offiziell der Stadt München und nicht länger dem Freistaat Bayern. Die Surfer unterschreiben einen Haftungsausschluss und dürfen dann mit einer städtischen Plakette auf dem Board ungestört weiter reiten.

Sensationelle Surfbilder zeigt der Film. Auch von Quirin Rohleder, sicherlich der eleganteste Eisbachsurfer© Pipelines Pictures

Riversurfing und die Philosophie des Glücklichseins

"Keep Surfing" dokumentiert aber nicht nur Extremsportler, die auch in ihrem Leben gegen den Strom schwimmen. Lob gelang ein schwereloser, fast philosophischer Film, der einer Handvoll Leute zuschaut beim Glücklichsein. Das Leuchten in den Augen von Dieter, Walter und Quirin, wenn sie vom Brett steigen, wirkt selbst für Außenstehende bewusstseinserweiternd. "Surfen kostet wahnsinnig viel Kraft", sagt Rohleder. "Aber sobald du eine Welle erwischt, sind die Gefühle so stark, dass man die Anstrengungen nicht mehr spürt."

Zu den Glücksgefühlen gehört auch, dass an wohl keinem anderen Ort der Welt die Zuschauer so nahe an die Aktiven herankommen. Während man auf Tahiti und anderswo Boote mieten muss, um die Surfer zu bestaunen, genügt hier ein Busticket bis zur Haltestelle Nationalmuseum/Haus der Kunst. Ein paar Meter zu Fuß und schon steht man auf einer unscheinbaren Brücke nur ein paar Armlängen entfernt von den Athleten. "Am allerschönsten ist es", erzählt Lob selig strahlend, "wenn ein Kindergarten vorbeikommt an unserer kleinen Arena mitten in der Großstadt." Ein Jubeln und Klatschen und Schreien. Lob: "Da merkt man plötzlich, welche Begeisterung man weckt in anderen. Das fühlt sich total gut an."

Die offizielle Freigabe. Und der erste Film über die Münchner Wellenreiter, wo doch früher die goldene Regel galt: Sobald ein TV-Team die Kameras auspackt, wird das Surfen abrupt eingestellt. Fürchten sich die Veteranen nicht ein wenig vor dieser Zeitenwende am Eisbach? "Gewisse Leute meckern schon länger darüber, dass die Stelle immer voller wird", sagt Rohleder. Aber der Eisbach sei weiterhin schwierig zu surfen. Rohleder. "Kann gut sein, dass es kurzfristig einen Boom gibt." Aber viele Anfänger würden schnell wieder kneifen, sobald sie einmal von der Eisbachwalze länger unter Wasser gedrückt werden oder auf die Steine am Boden knallen. Auch Lob sorgt sich nur wenig: "Das reguliert sich von selbst. Sobald da mehr als 15 Leute stehen, frustriert das Warten, und die kommen sowieso nicht wieder."

Darauf, dass irgendwann der Hausmeister aus dem Gebüsch springt und die Massen vergrault, können sie heutzutage nicht mehr bauen. Walter lebt inzwischen auf Sardinien und baut Didgeridoos. Alles weitere im Kino.

Von Matthias Schmidt
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KOMMENTARE (1 von 1)
 
stevie63 (20.05.2010, 15:58 Uhr)
Brettlfahrer
...und dann waren da noch die Vorreiter, die schon in den 70ern mit vom Bau "ausgeliehenen" Verschalungsbrettern und einem um den nächsten Baum geschlungenen Seil ein paar Meter weiter das sog. "Brettlfahren" perfektioniert haben. Geile Zeit. Keep riding !!!
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