26. September 2006, 11:39 Uhr

"Der sinnliche Effekt des Lilienduftes"

Szenenbild: Das Parfum

Der Kampf gegen den Gestank führte also geradewegs in eine hysterische Geruchsneurose.

Ja. Die Frau durfte zwar an der einfachen Gartenblume riechen, aber niemals an der Lilie! Das weibliche Begehren und der Blumenduft waren stark verbunden.

Dann deckt sich die damalige Vorstellungswelt mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen: Der Geruchsforscher Hanns Hatt hat festgestellt, dass die Samenzelle die Eizelle mit Hilfe von Geruchsrezeptoren findet. Die Eizelle duftet zwar nicht nach Osterglöckchen, aber nach Maiglöckchen.

Dann wäre der Maiglöckchenduft die weibliche Essenz. Das erinnert an die damalige Theorie der "aura seminalis", der Samenaura. Es gab diese Idee, dass der Samen eine ganz spezielle Aura hat. Selbst ohne Penetration könnte eine Frau schwanger werden. Allein durch die Aura. Das waren die Ideen eines sehr renommierten Wissenschaftlers.

Was wären die Schlüsselgerüche unserer Zeit?

Ich würde sagen, die Neutralität der Warenhäuser und Einkaufszentren. Diese neutrale Mischung all der konkurrierenden Waren. Schon Émile Zola spricht davon. Und der Benzingeruch.

Die Geruchsgeschichte birgt ein großes Paradox: Auf der einen Seite gibt es den Kampf für eine zivilisierte Welt, die Deodorisierung. Auf der anderen Seite steht die Sehnsucht nach archaischen Zuständen, die man durch tierische und strenge Gerüche befriedigt. So gibt es ein Hin und Her zwischen Zivilisation und Animalischem.

Nein, kein Hin und Her. Sie sagten Sehnsucht. Das ist es. Ich möchte hier nicht die Psychoanalyse herbeizitieren. Aber keine Deodorisierungskampagne wird unsere Sehnsucht nach dem Tierischen je beseitigen können. Sobald ein Prozess der Zivilisierung einsetzt, lauert in der Tiefe die Sehnsucht nach dem Rohen.

Genau dieses Animalische will die Geruchsindustrie in uns wecken: Wie moderne Alchimisten versuchen die Duftforscher, Pheromone zu synthetisieren, die uns unwiderstehlich machen. Es gibt einen Traum, den man auch in Süskinds "Parfum" wiederfindet: Ich lege einen Lockstoff auf und ...

... ernte die Früchte. Die Ärzte des 19. Jahrhunderts waren dem schon ziemlich dicht auf der Spur. Manche dieser Wissenschaftler waren überzeugt, dass es einen sechsten Sinn gebe: den Geschlechtssinn. Sie nahmen an, dass manche Substanzen unmittelbar auf diesen Geschlechtssinn einwirken. Ein Geruch konnte diesen unterschwelligen Geschlechtssinn aktivieren.

Wollte man kein Kapital daraus schlagen?

Nein, das waren Wissenschaftlerträume.

Wahrscheinlich war der Markt noch nicht reif. Schließlich war das Parfüm im Bürgertum verpönt, weil es das Symbol der Verschwendung war.

Ja, das Parfüm symbolisierte das Verschwinden, das Ephemere.

Die Verflüchtigung lief also dem bürgerlichen Anhäufungstrieb entgegen?

Ja, zugleich war das Parfüm aber auch ein wirksames Distinktionsmerkmal. Die wohlriechende Frau schmückte den Bürger und zeigte seine Position an.

Offensichtlich ist der Geruchssinn der Sinn der Paradoxe.

Das sieht man schon an seiner Fähigkeit, die Zeit zu überwinden. Der flüchtigste aller Sinne vermag es, durch die Erinnerung, die er hervorruft, die Zeit zu besiegen. Das ist die Essenz des Geruchssinns: Er ist paradox und zweideutig. Er ist der Sinn der Verfeinerung und des Animalischen.

Für sein "Parfum" hat sich Patrick Süskind sehr stark von Ihrer großen Geruchsstudie inspirieren lassen. Hat Sie das nie geärgert?

Oh nein. So sehr ich das Plagiat unter Historikern verachtenswert finde, so sehr billige ich dem Romancier sämtliche Freiheiten zu.

Der Duft des Geldes scheint Sie nicht zu locken. Was ist Ihr Lieblingsduft?

Der Duft der Ackerwinde. Victor Hugo beschreibt diese Blume sehr schön: Wenn man sie pflückt, bleiben einem nur zwei Sekunden, um sie zu riechen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 39/2006

Buchtipp

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Interview: Stephan Maus
Seite 1: "Der sinnliche Effekt des Lilienduftes"
Seite 2: Der Kampf gegen den Gestank führte also geradewegs in eine hysterische Geruchsneurose.
 
 
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