
Szenenbild: Das Parfum
Ja. Die Frau durfte zwar an der einfachen Gartenblume riechen, aber niemals an der Lilie! Das weibliche Begehren und der Blumenduft waren stark verbunden.
Dann wäre der Maiglöckchenduft die weibliche Essenz. Das erinnert an die damalige Theorie der "aura seminalis", der Samenaura. Es gab diese Idee, dass der Samen eine ganz spezielle Aura hat. Selbst ohne Penetration könnte eine Frau schwanger werden. Allein durch die Aura. Das waren die Ideen eines sehr renommierten Wissenschaftlers.
Ich würde sagen, die Neutralität der Warenhäuser und Einkaufszentren. Diese neutrale Mischung all der konkurrierenden Waren. Schon Émile Zola spricht davon. Und der Benzingeruch.
Nein, kein Hin und Her. Sie sagten Sehnsucht. Das ist es. Ich möchte hier nicht die Psychoanalyse herbeizitieren. Aber keine Deodorisierungskampagne wird unsere Sehnsucht nach dem Tierischen je beseitigen können. Sobald ein Prozess der Zivilisierung einsetzt, lauert in der Tiefe die Sehnsucht nach dem Rohen.
... ernte die Früchte. Die Ärzte des 19. Jahrhunderts waren dem schon ziemlich dicht auf der Spur. Manche dieser Wissenschaftler waren überzeugt, dass es einen sechsten Sinn gebe: den Geschlechtssinn. Sie nahmen an, dass manche Substanzen unmittelbar auf diesen Geschlechtssinn einwirken. Ein Geruch konnte diesen unterschwelligen Geschlechtssinn aktivieren.
Nein, das waren Wissenschaftlerträume.
Ja, das Parfüm symbolisierte das Verschwinden, das Ephemere.
Ja, zugleich war das Parfüm aber auch ein wirksames Distinktionsmerkmal. Die wohlriechende Frau schmückte den Bürger und zeigte seine Position an.
Das sieht man schon an seiner Fähigkeit, die Zeit zu überwinden. Der flüchtigste aller Sinne vermag es, durch die Erinnerung, die er hervorruft, die Zeit zu besiegen. Das ist die Essenz des Geruchssinns: Er ist paradox und zweideutig. Er ist der Sinn der Verfeinerung und des Animalischen.
Oh nein. So sehr ich das Plagiat unter Historikern verachtenswert finde, so sehr billige ich dem Romancier sämtliche Freiheiten zu.
Der Duft der Ackerwinde. Victor Hugo beschreibt diese Blume sehr schön: Wenn man sie pflückt, bleiben einem nur zwei Sekunden, um sie zu riechen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 39/2006
Buchtipp Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs
Alain Corbin
Wagenbach
24,50 Euro