
Eine Göttin im Gewerbepark
Aber wahrscheinlich ist es doch kein richtiges Wunder. Sondern eine Fügung. Oder eine Bauchentscheidung. Denn womöglich stünde der Tempelrohbau heute in Dortmund oder Essen oder Duisburg oder in Paris, wenn der Priester Sri Paskaran dort und nicht auf dem Bahnhof von Hamm ausgestiegen wäre, am Ende einer langen Reise. Die ihn, politischer Flüchtling, 1985 von Colombo, Sri Lanka, nach Moskau führte. Von Moskau nach Ost-Berlin. Von Ost-Berlin nach West-Berlin. Von West-Berlin mit dem Zug nach ... Hamm. Genau dort trieb ihn, unterwegs nach Paris, ein dringendes menschliches Bedürfnis auf den Bahnsteig: Hunger. Was der schmächtige Mann mit dem prächtigen Bart als göttlichen Wink deutete: »Hier also sollst du einen Tempel bauen.«
So begann die Geschichte der Hindus von Hamm-Uentrop vor beinahe 16 Jahren und vom neuen Tempel, der nunmehr wächst und dessen reich verzierte Türme, elf und 17 Meter hoch, von der nahe gelegenen A2 Hannover-Oberhausen zu sehen sind. Und natürlich ist das eine ziemlich verrückte Geschichte, die Paskaran, geboren in Jaffna, Sri Lanka, erzählt. Morgens um acht in seinem Backsteinhäuschen mit dem Jägerzaun davor und dem Schild »Widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt«. Sitzt im Schneidersitz auf einem Gelsenkirchener Barocksessel vor einer Gelsenkirchener Barockschrankwand, die gut passte ins Wohnzimmer von Kanoppkes aus Uelzen, Unna oder Uentrop, aber nicht in das eines Hindu-Priesters. Gibt der kleinen Tochter die Flasche und spricht von der Göttin. Spricht von der Liebe. Spricht von der Heimat. Spricht von Hamm. Spricht von sich.

Ein Tempel wächst aus Spenden
Paskaran lernte als Kind von seinem Großvater, dem Priester Sri Iyamppillai, da war er fünf. Er besuchte die Grundschule »American Mission«, musste nach der sechsten Klasse abbrechen, um die Familie, fünf Geschwister, mit durchzubringen. Sagt: »Ich habe von klein auf verschiedene Berufe erlernt.« Er arbeitete mehrere Jahre in einer Zement- und Glasfabrik, auch als Elektriker in Singapur. Ging dann nach Tamil Nadu in Südindien, erlernte die Rituale und die Sanskritsprache in einer Priesterschule, studierte die Heiligen Schriften der Veda. In der Heimat tobte unterdessen der Bürgerkrieg. »Durch den Segen der Göttin«, sagt er, »bin ich nach Deutschland gekommen.« Nach Hamm, Westfalen, am Rande des Ruhrgebiets.
Er schlug sich durch auf einem Bauernhof, schuftete als Kellner. Er hatte einen Traum. Und gute Freunde, die Familie Vögeding, einst Nachbarn im Hammer Westen, wo er seinen ersten Tempel baute im Kellerraum eines Mietshauses; schließlich einen zweiten in einer alten Wäscherei. Angelika und Georg Vögeding halfen ihm, wann immer zu helfen war. Sie halfen bei Behördengängen, sie halfen Paskarans Frau Mathivani 1994 aus dem Auffanglager in Münster. Sie halfen, als der Prozessionswagen, der Ther, im Hamburger Hafen feststeckte und die Arbeiter Überstunden kloppten, denn anderntags war Tempelfest, und das kapierten die Malocher, und sie schafften es gerade noch rechtzeitig zurück nach Hamm.