Klar, diese Kultur spielt da schon mit rein. Aber: Leute, die sich den ganzen Tag mit Youtube beschäftigen, gehen nicht vor die Tür. Mir gefällt der Gedanke besser, die Leute drehen draußen einen Film und schauen ihn sich hinterher zusammen an. So wie am Ende von "Abgedreht", als sich viele Zuschauer die fiktive Fats-Waller-Dokumentation auf der Straße vor der Videothek ansehen. Das war nicht geschauspielert, wir haben viele Passanten unter den Cast gemischt, und sie dachten alle, wir drehen einen Film über den Jazzpianisten Fats Waller. Ich habe meine Videokamera auf die Zuschauer gerichtet: Aus ihren Gesichtern sprechen Stolz und Freude.
Warum Fats Waller? Er ist einer meiner großen Idole. Fats Waller ist für mich ein wahrer Alltagsheld, sein Spirit schwebt über der Gemeinschaft in meinem Film. Auch in "Abgedreht" wird Geld gesammelt, so wie damals in den 1940ern zu Lebzeiten von Fats Waller, als die Schwarzen in Harlem spontane Miet-Partys in Privaträumen veranstalten, auf denen der Gastgeber die Monatsmiete mit Getränkeverkäufen reinholte. Sie haben sich als Filmemacher weiterentwickelt, machen mal eine Komödie, dann wieder einen Dokumentarfilm. Wie geht das? Ich bleibe immer in Bewegung. "Eternal Sunshine" handelte nur von enttäuschter Liebe, der Nachfolger "Science of Sleep" handelte dagegen von enttäuschter Liebe und dem Versuch, diese Enttäuschung in Kreativität umzumünzen. In Zukunft möchte ich mich auch von der leichten Komödie hin zu anderen Genres begeben. Mein nächster Film könnte politisch sein, dafür werde ich recherchieren müssen. Ich habe mir nur eins vorgenommen: Ich will keine manipulativen Filme machen und nicht nur eine Sichtweise zulassen. Jeder meiner Filme ist anders. In dem Dokumentarfilm "Dave Chappelle's Block Party" habe ich die HipHop-Kultur und den Komiker Dave Chappelle porträtiert. Es war sozusagen meine Einführung in die afroamerikanische Welt, die ich vorher bereits mit Sympathie, aber nur aus der Distanz verfolgte. Bei den Dreharbeiten habe ich viel gelernt. Es genügte schon, dass Dave Chappelle die Straße runterlief, dann nahmen die Kids auf der Straße seine positive Energie auf. Und dieses Wissen wendete ich auch bei "Abgedreht" an, denn der Film handelt letztendlich von der heilenden Kraft der Gemeinschaft.
Es ist ein Studienprogramm, bei dem ich mehrmals im Monat Naturwissenschafts-Doktoranden treffe. Wir diskutieren zusammen und machen Experimente. Sie reagieren naturgemäß sehr stark auf meine Ambitionen als verrückter Professor: Mein Zeitmaschine aus "Science of Sleep", die für eine Sekunde die Uhr anhalten kann, stieß auf großes Interesse. Das gemeinsame Brainstormen kommt meiner Arbeit als Regisseur zugute.
Oft entstehen die Ideen direkt am Set. Ich finde etwas in meinen Equipment-Kisten und teile dem Filmteam spontan mit, wie wir etwas daraus machen. Manchmal zeichne ich einen Plan und dann müssen sich die Leute meiner Crew eine Lösung dafür überlegen. Handgemachte Effekte sind eigentlich viel schwerer zu gestalten als digitale Effekte, die irgendwo am Schneidetisch im Computerstudio entstehen. Bei mir sind immer mehrere Mitarbeiter am Set beteiligt und sie können den Prozess live verfolgen und müssen dafür zusammenarbeiten.
Ja, ich mag das Chaos. Sanftes Chaos ist bei den Dreharbeiten besonders gut, dann vergessen die Schauspieler, was sie eigentlich tun sollen. Sie sind ja eher egomanisch veranlagt. Besser ist es aber, wenn sie alles um sich vergessen und mit den Umständen kämpfen müssen. Das Chaos und der ganze technische Kram lenken sie ab und dann wird das Schauspielen gut.
So wie ich es verstanden habe, ist Kino die Idee, dass man einen Film von Grund auf selbst gestaltet. Das ist der angenehme Teil meiner Arbeit. Wir bauen zusammen eine Geschichte von A bis Z...
Ich muss immer so tun, als breche um mich herum nicht die Welt zusammen. Aber meine Welt am Dreh ist voller Desaster. Und währenddessen muss ich mein Filmteam auch noch bei Laune halten. Das ist nicht einfach, denn viel lieber würde ich selber heulen.
Interview: Julian Weber