
Johanna Wokalek und Moritz Bleibtreu bei der Premiere von "Der Baader Meinhof Komplex" am 16. September in München© Johannes Simon/Getty Images
Heute, rund 14 Jahre später, ist sie darin nahezu perfekt. Sie ergründet den Kern ihrer Rollen wie ein Psychologe die Seele seiner Patienten. Wenn man sie in "Der Baader Meinhof Komplex" sieht, schimmert kaum durch, dass Johanna Wokalek da gerade Gudrun Ensslin spielt. Sie ist Gudrun Ensslin. Die Tochter aus gutem Haus, in deren waidwundem Kajalblick sich langsam der Fanatismus ausbreitet. Die dem Staat und der Elterngeneration den Krieg erklärt. Die, ausgemergelt von Haft und Hungerstreik, nur noch wahnhaften Hass lebt. Johanna Wokalek gibt sich ihren Rollen hin, ohne sich selbst aufzugeben. Sie verschwindet nicht, imitiert kein Verhalten. Es ist eher so, als würde sie sich auf halbem Weg mit ihrer Rolle treffen. Fast ein wenig unheimlich.
Im Oktober 1977, als die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin stirbt, ist die Arzttochter Johanna Wokalek zweieinhalb Jahre alt. Sie kommt aus Freiburg im Breisgau, knapp 140 Kilometer von Stuttgart-Stammheim entfernt. An die Fotos der RAF-Terroristen, die damals überall in den Postämtern und Geschäften der BRD hingen, könne sie sich noch gut erinnern, sagt sie. Wie reagiert man auf das Angebot, eine Terroristinnen-Ikone zu spielen? Ihre Antwort kommt diesmal sofort. "Ich wollte die unbedingt spielen. Versuchen, herauszufinden, wie sie wohl gewesen sein mag."
Sie beginnt zu lesen. Stefan Aust und die Bücher von Bernward Vesper, Ensslins Verlobtem. Sichtet Fotomaterial, hört Tonbandaufnahmen und merkt: Es gibt nur Schnipsel. Nichts, was sie nachmachen könnte. "Darum musste ich all das auch sofort wieder vergessen. Und für mich herausfinden, was vielleicht die Essenz von Gudrun Ensslin gewesen sein könnte." Wie wird aus einem Mädchen, das in der Gemeindejugend tätig war und mit christlichen Werten aufgewachsen ist - "Du sollst nicht töten" -, wie wird aus so einem Mädchen eine radikale Terroristin? Was hat den Bruch herbeigeführt? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, für die sie als Schauspielerin aber zumindest eine für sich plausible Erklärung finden musste. "Ich habe mir das immer so vorgestellt, dass die radikale Fokussierung ihres Denkens letztlich wie ein Messer geworden ist. Ein Messer, das die Ideale und den Wunsch nach einer besseren Welt, mit seiner konsequenten Schärfe wieder zerstört."
Die Rolle habe von ihr verlangt, sich vollkommen "von allem da außen" abzuschotten. Von den Diskussionen um die RAF, den Zeitzeugenberichten und Analysen. "Ich musste mich ganz auf diese Art des Denkens konzentrieren, nur darauf fokussieren. Da gab es keine Möglichkeit, mal einen Schritt zur Seite zu gehen und das Ganze moralisch zu hinterfragen. Es gab nur sie." Der Satz hallt lange nach.
Jenseits von Gudrun Ensslin und den roten Teppichen der Filmpremieren hat Johanna Wokalek sich schon wieder zum Arbeiten zurückgezogen. Mit Sönke Wortmann dreht sie gerade "Die Päpstin" nach dem Roman von Donna Woolfolk Cross. Die Haare mussten ab, und darauf spreche sie derzeit jeder an, sagt sie (ja, es ist ungewohnt, so kurze Haare hatte sie zuletzt als Kind). "Überrummelt" fühle sie sich aber nicht. Vielleicht, weil sie sich einfach nicht überrummeln lässt. Es ist stets nur die Schauspielerin Johanna Wokalek, die an die Öffentlichkeit tritt. Ihr Privatleben schirmt sie mit eiserner Konsequenz ab. Schauspielerei, das merkt man schnell, hat für sie wenig mit dem glitzernden Jahrmarkt der Eitelkeiten zu tun. Sondern mit bewussten Entscheidungen und konzentrierter Arbeit.
"Ich habe nichts gelernt, das ich anwenden könnte. Ich nehme mich und wende mich an", hat sie einmal gesagt. Das war 1999, das Jahr, in dem sie gleich dreimal als Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wurde. Danach bekam sie noch fünf weitere Preise, darunter 2006 den Grimme-Preis für Hans Steinbichlers Film "Hierankl". Dass Johanna Wokalek dieses Jahr ihren Durchbruch feiert, ist also eine Täuschung. In Wirklichkeit macht sie einfach nur weiter. Eins nach dem anderen. Schritt für Schritt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2008