
Schnabel zusammen mit den französischen Schauspielern Patrick Chesnais und Mathieu Amalric während der Dreharbeiten zu "Schmetterling und Taucherglocke"© Valery Hache/ AFP Photo
Die Bestsellerverfilmung "Schmetterling und Taucherglocke" bestätigte nun Schnabels Stand in der Kulturszene: Er ist der einzige Künstler, der den Sprung vom Malerstar zum gefeierten Regisseur geschafft hat. Für ihn natürlich die simpelste Sache der Welt. Er setzt sich im Bett auf, zupft das intensiv violett leuchtende Seidentuch auf der Decke zurecht und stopft sich das Kissen mit eingesticktem Monogramm hinter den Rücken. "Also, ganz offensichtlich hat es meine Filme beeinflusst, dass ich ein Maler bin. Bei den Dreharbeiten zu ‚Schmetterling‘ habe ich diese Röntgenaufnahmen in einem Haus neben dem Hospital entdeckt, und ich dachte, die sehen aus wie Gemälde. Am Ende ist alles eins: Ich mache Kunst." Kein Einspruch. Aber dass alles, was er anfasst, immer so erfolgreich wird? Die Röntgenbilder finden sich jetzt in einer gefeierten Ausstellung in der Gagosian Galerie in Los Angeles wieder.
Zum dritten Mal konfrontiert Schnabel sein Publikum nun mit dem Porträt eines kreativen Mannes, der auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft zugrunde geht. Held diesmal: Jean-Dominique Bauby, Chefredakteur der französischen Modezeitschrift "Elle". Der attraktive, 43-jährige Lebemann wird durch einen Schlaganfall aus seinem glamourösen Berufsalltag gerissen. Aus dem Koma erwacht, muss Bauby begreifen: Er ist bei vollem Bewusstsein, aber am ganzen Körper gelähmt. Die einzige intakte Verbindung zwischen Hirn und Außenwelt bleibt sein linkes Augenlid: einmal Zwinkern ja, zweimal Zwinkern nein. Ein Gefangener in der Taucherglocke des eigenen Körpers, der nicht einmal eine Fliege verscheuchen kann, die auf seiner Nase landet. Doch seine Fantasie, seine Gedanken sind frei und schillernd wie ein Schmetterling. Mit der Hilfe einer Sprachtherapeutin und eines erblinzelten Alphabets gelingt es Bauby, seine Memoiren zu verfassen. Wenige Tage nach Erscheinen des Buches stirbt er 1997 an Herzversagen.
Was den Film so außergewöhnlich macht, ist vor allem die Entscheidung Schnabels, aus der extrem eingeschränkten Perspektive von Bauby zu erzählen. Die Bilder auf der Leinwand sind oft unscharf, verwischt, flackernd oder ausgebleicht, Gesichter nur angeschnitten. Wir hören Baubys Herzschlag, seinen schweren Atem. Wir stecken mit unter der Taucherglocke; wir leiden, spüren und hoffen mit ihm und seinen Erinnerungen an bessere Zeiten.
So gerät "Schmetterling und Taucherglocke" zum bisher reifsten und stärksten Film Schnabels. Ein Film jenseits von Sprache, der einen aber nicht bedrückt von Krankheit und Tod zurücklässt, sondern lebendig wie selten. Ein Kunstwerk mit Heilkräften. Tatsächlich haben bereits einige Krankenhäuser Sondervorführungen für ihre Patienten gebucht.
Auch für Schnabel sollte "Schmetterling" ursprünglich therapeutisch wirken: "Ich fing an, diesen Film zu machen, weil mein Vater im Sterben lag und Angst hatte vor dem Tod. Ich dachte, wenn ich ihm helfe, diese Angst zu überwinden, dann wäre ich ein guter Sohn. Aber er starb, bevor der Film fertig wurde."
Jetzt ist Schnabel selbst der Patriarch. Eine Rolle, die ihm gut steht. Sein Sohn Vito, 21, gerade in den Schlagzeilen als neuer Lover von Supermodel Elle Mac- Pherson, 44, denkt überhaupt nicht daran, aus Papas Luxusbude auszuziehen. "Es ist nicht von Nachteil, ein Schnabel zu sein", sagt er. Der Schnabel-Clan - zum engsten Kreis zählen noch zwei weitere Söhne und zwei Töchter sowie Olatz Schnabel, die zweite Frau des Künstlers - residiert in einem siebenstöckigen venezianischen Palast. Den hat Schnabel vergangenes Jahr auf eine ehemalige Parfümfabrik in der 11. Straße gesetzt. Der "Palazzo Chupi" - eine Fata Morgana in Pink, die aus dem historischen Brownstone-Viertel herausleuchtet und so etwas wie eine Neuauflage seiner Autobiografie ist. Schaut alle her, tönt das Gebäude, hier wohnt der Fürst von Manhattan, ein Märchenprinz in seinem selbst geschaffenen Reich.

Steingewordener Traum: Über den Dächern von Greenwich Village erhebt sich der venezianische "Palazzo Chupi", das Schnabel-Hauptquartier© Tobias Everke
Alles in diesem Haus ist Schnabel. Von den historischen Türgriffen über die Bodenfliesen, die Lampen, die Kronleuchter, die Stühle und Sessel bis zu den Badewannen ist jedes Stück von ihm selbst ausgewählt und in Spezialwerkstätten originalgetreu nachgebaut worden. Sollten Richard Gere oder Bono - wie man hört - tatsächlich in eines der verfügbaren Apartments einziehen, werden sie einen Kamin aus dem Granit alter New Yorker Bürgersteige vorfinden, sich die Zähne putzen an der Kopie eines Doppelwaschbeckens, das Schnabel aus einem heruntergekommenen Art-déco-Hotel gerettet hat. Und im Dampfbad neben dem Swimmingpool im Keller auf elfenbeinfarbenen Kacheln schwitzen, die aus einer Subway-Station der 20er Jahre stammen. "Allein die Dinger zu säubern hat uns ein Jahr gekostet", sagt Schnabels Assistent Joe Howard. Schnabel besitze in New Jersey ganze Lagerhallen voll mit solch mehr oder weniger alten Fundstücken. "Er hebt einfach alles auf ", seufzt Howard, der schon mal drei Tage lang nach roten Samtvorhängen suchen musste, die Schnabel vor 20 Jahren in Paris aufgetrieben und dann irgendwo verstaut hatte.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 13/2008