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9. September 2007, 07:42 Uhr

Die Sphinx von der Kaufhauskasse

Die leidenswillige Problemfranzösin mit dem sanften Blick lässt sich von niemandem in die Opferrolle zwängen. Außer von sich selbst

Sie bebt vor dialektischer Energie. Spätestens jetzt wird klar: Diese temperamentvolle Frau lässt sich nicht in die Opferrolle zwängen. Von niemandem. Außer von sich selbst. Sie fühlt sich auf beinahe kosmischer Mission: "Wenn ich zu etwas gut sein soll auf dieser Welt, dann dazu, die Verbindung herzustellen zwischen unseren Gefühlen und der Welt. Ich glaube, ich habe von Natur aus ein angeborenes Mitgefühl." Gefühle, Gefühle! Hat sie denn niemals die Nase voll davon? Immerhin stammt sie aus demselben Land wie der Philosoph René Descartes, Begründer des Rationalismus! Sie lacht nur kurz, dann wird sie wieder sehr ernst: "Wenn Sie Descartes genau lesen, hat er außerordentlich lyrische Höhenflüge. Er verkörpert nicht die reine Vernunft. Er ist sehr viel mystischer, als man denkt." Diese Mystikerin möchte zur Weltharmonie beitragen. Und nebenbei noch das Männliche erlösen. Der Regisseur André Téchiné sagte über sie: "Die Füße im Schlamm, den Kopf in den Sternen."

"Die Füße im Schlamm, den Kopf in den Sternen"

Ein Zusammentreffen mit einem anderen Menschen vergleicht sie mit dem Zusammenspiel der Sterne, denen sie sich eng verbunden fühlt: "Wenn eine Frau im Einklang mit ihrem Körper steht, ist sie auch im Einklang mit den Sternen. Und so sind wir auch im Einklang mit dem Jenseits. Dank unseres Monatszyklus sind wir eng mit dem Mond verbunden. Alle 28 Tage haben wir unsere Regel." Über den Tampon zu den Sternen: Nur wenige schaffen eine solche Tour de Force. Doch bei aller Spiritualität darf man sich nicht täuschen. Binoche ist nicht nur abgehobene Träumerin. Für Fragen, die ihr nicht passen, weist sie einen streng zurecht. Sie sei immer sehr freizügig in ihren Filmen? "Was Sie da sagen, stimmt nicht." Aber all die erotischen Szenen? "So kann man darüber nicht sprechen. So leichtfertig." Hat sie denn nie Lust gehabt, ein diabolisches Biest zu spielen? "Ein diabolisches Biest? Das gibt es nicht. Dazu ist der Mensch zu komplex. Sie betrachten die Figuren zu sehr von außen. Die Kunst des Schauspielers besteht darin, zu verstehen, was innen vor sich geht."

Binoche wusste immer, was sie wollte. Rollen, die ihr nicht komplex genug erschienen, hat sie abgelehnt. Sogar Steven Spielberg und Brian De Palma hat sie einen Korb gegeben: "In "Jurassic Park" waren ja nur die Dinosaurier interessant, nicht die Figuren. Und in "Mission: Impossible" gab es nur den Dinosaurier Tom Cruise. Keine Frau. Man muss all seine Möglichkeiten ausreizen, nicht einfach ein Werkzeughalter sein.“ Man merkt ihr die ehemalige Theaterschauspielerin an, die sich in einer Truppe behaupten kann. Binoche ist eine stolze Frau. Seit ihrer Kindheit hat sie sich durchgeschlagen. Früh wurde sie selbstständig. "Die Umstände haben mich dazu gedrängt, sehr früh mit meiner Schwester ganz allein in Paris zu leben. Als Jugendliche habe ich keine großen Dummheiten gemacht. Dazu hatte ich keine Zeit. Ich musste mir etwas aufbauen, einen Beruf ergreifen, von dem ich leben konnte. Ich hatte einen kämpferischen Charakter." Damals jobbte sie an der Kasse des Kaufhauses Bazar de l’Hôtel de Ville. Jenseits des Filmsets hat sie noch immer etwas von einer Kaufhausschönheit.

"Sie scheinen mir fast noch ein wenig feucht hinter den Ohren"

Ihr Strahlen muss sich erst seinen Weg durch die Aura eines Girl next door bahnen. Binoche verkörpert verwirrende Widersprüche. Ihre spirituell überhöhte Entsagungsphilosophie setzt sie mit Zielstrebigkeit und elektrischer Energie durch. Paradoxon? Yin und Yang? Lässt man Binoches romantisches Schauspielerevangelium etwas nachklingen, hat man das Gefühl, es wäre durch ihre indische Wohnzimmerschnitzwand direkt aus dem Orient herübergeweht. Ja, die ganze Frau scheint ein orientalisches Meditationsrätsel zu sein: die Sphinx von der Kaufhauskasse. Nun erhebt sich die Sphinx ungeduldig vom Sofa. Das alles hier schmeckt ihr zu sehr nach Psychositzung. Außerdem muss sie ihren Sohn Raphael von der Schule abholen. Im Hintergrund klappert ein Aschenputtel mit den Töpfen.

Binoche mustert einen mit einem tiefen, langen Blick und haucht: "Sagen Sie, wie alt sind Sie eigentlich?" "Weiß ich auch nicht." Sie lacht ein derbes Lachen, das so beängstigend schnell wieder verstummt, wie es gekommen ist. Streng: "Jetzt mal ehrlich." "38." "38? Sie sehen sehr viel jünger aus." Schon macht man sich Hoffnungen: Die 43-Jährige hatte einmal eine Liaison mit dem zehn Jahre jüngeren Schauspieler Benoît Magimel. Doch sie schaut einen mütterlich an, als würde sie wieder ihren inneren Katalysator anwerfen, durch den ein weiterer Mann zu sich selbst finden soll. Dann mischt sie Spott in ihren Zauberblick und sagt: "Sie scheinen mir fast noch ein wenig feucht hinter den Ohren." Wenn Juliette Binoches Seele ein dicker Wollpulli ist, dann kann er manchmal ziemlich kratzig sein.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2007

Von Stephan Maus
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