
Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila im Strandkorb in Timmendorf© Karin Rocholl
Reich-Ranicki hat die Geheimdienstgeschichte in seinen Erinnerungen durchaus vergnüglich geschildert. Niemand, schreibt er, kannte sich doch in dem Gewerbe aus, er schon gar nicht, doch gerade er sollte seinen Untergebenen die Kunst der Spionage beibringen. Also gut. Wozu hatte er die Reportage von Egon Erwin Kisch über den Zarenspion Oberst Redl gelesen? Kennt Reich-Ranicki den bitteren Vorwurf dazu vom Schriftsteller Hermann Kant? Nein, sagt er. Was hat er geschrieben? Dass Kant den Kalten Krieg damals nicht als Musical erlebt hätte. Das wischt Reich-Ranicki mit einer Handbewegung weg. Er hat ohnehin die ganze Aufregung damals nicht verstanden. Stefan Heym, sagt er, habe doch auch für den Geheimdienst gearbeitet und Hans Habe und Carl Zuckmayer. Also bitte. Aber warum hat er sich denn ausgerechnet Decknamen seiner literarischen Lieblinge gegeben? Das war doch alles Quatsch, sagt Reich-Ranicki. Die haben mich nach Decknamen gefragt, und ich habe gesagt: Heine, Lessing, Büchner, Hölderlin.
Mittagspause in Köln. Schweighöfers Teller ist knallvoll. Wollte er nicht abnehmen? Wenn man einen 16-Stunden-Tag hat, sagt er, und kaum etwas isst, kann man sich schlecht konzentrieren. Aber er wird schon zurückhaltender und bereitet sich auf die Szenen im Ghetto vor, wo so viele Juden vor Hunger krepiert sind. Und stört es ihn, dass er seinen blonden Haarschopf hat färben lassen müssen? Nein, gar nicht, sagt er. Das Schwarze findet er viel besser. Am nächsten Morgen steht über seine Verwandlung zu Reich-Ranicki in der Kölner "Bild": aalglatter, schmieriger Gelkopf plus Bullaugenbrille. Das hatten wir doch schon mal.
Es ist fast neun Uhr am Abend. Kleine Verschnaufpause draußen vor der Tür. Es ist schwül. Schweighöfer steht mit runtergelassenen Hosenträgern im Unterhemd da und macht ein paar Freiübungen. Wie lange wird noch gedreht? 20 Minuten. Alles gähnt. Was ist morgen dran? Morgen denkt Tosia in London sehnsüchtig an ihren Mann in Warschau.

Die Kopie: Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler am Set© Karin Rocholl
67 Jahre leben sie nun schon miteinander, Teofila und Marcel Reich-Ranicki. Marcel Reich war 18, als die Nazis ihn aus Deutschland verjagten, Teofila Langnas war 19, als ihr Vater sich im Ghetto erhängte. Und beide wussten, wohin die Reise geht, als die arischen Herren mit den Reitpeitschen seine Eltern und seinen Bruder und ihre Mutter in den Viehwaggon prügelten. Es ging ins Gas. Und die beiden lebten jahrelang weiter im Auge des Todes.
Während des Krieges, erzählt Reich-Ranicki, habe er seine Frau mal gefragt: Wenn wir das alles überleben würden, wie alt kann man dann überhaupt werden? Und nun ist er 88. Das hat nicht mal Goethe geschafft.
Fahren Sie denn nach Polen zu den Dreharbeiten? Nein, nein, sagt er. Die Vorstellung, ich werde dort krank und komme in die Hände polnischer Ärzte! Nein, das möchte ich wirklich nicht.
Aber Sie sprechen noch Polnisch? Jeden Tag, sagt er, mit meiner Frau Tosia. Wenn wir allein sind, sprechen wir nur Polnisch miteinander. Gilt für ihn das Abkommen mit seinem Freund Walter Jens noch, dass der Überlebende dem anderen eine Totenrede hält? Jens wird es mit seiner Demenz nicht mehr einhalten können - aber Reich-Ranicki? Ich weiß es nicht, sagt er gequält und erzählt von dieser größten Freundschaft seines Lebens. Außer seiner Frau sei Jens der Einzige gewesen, der ihn hätte bremsen können, wenn er mal wieder zu heftig wurde. Reg dich nicht auf, sagte Jens dann. Es ist doch alles nur ein Spiel.
Und nun, sage ich, dämmert Jens langsam dem Jenseits entgegen. Nein, nein, nein, sagt Reich-Ranicki, es gibt kein Jenseits! Und es gibt auch keinen Gott! Wie oft soll er das noch sagen? So. Und nun sei er leider wieder müde. Und geht nach nebenan. Ich rauche eine Zigarette mit seiner Frau und frage sie, ob sie sich nach 50 Jahren in Deutschland einigermaßen wohlfühle? Da sagt sie sehr freundlich: Nein. Nein. Und dabei steigt ihr das Wasser in die Augen. Ich kann es nicht vergessen, sagt sie. Ich träume noch immer davon.
Drehtage in Polen. Breslau, Ende Juli. Warschau im Film. Am Tag zuvor hat es gegossen, gedonnert und geblitzt. Jetzt knallt die Sonne vom Himmel. Geht nicht für die Szene. Die Männer von der Stadtreinigung rücken an und sprühen Regen. Auch übers Taxi, in dem Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer bei fast 40 Grad in Hut und Mantel schmoren. Sie haben laut Drehbuch die bitteren Jahre im Ghetto hinter sich gelassen, jetzt leben sie wieder. Wann kommt eine Wolke? Wenn eine im Anmarsch ist, geht alles ruck, zuck. Wasser! Maske! Ruhe! Und los. Dann ist der Himmel wieder blau. Und Schweighöfer hält es nicht mehr aus im Brutkasten, springt aus dem Taxi, zieht sich die dicken, langen Hosen aus, steht da mit schwarzer Unterhose und nackten Beinen, die in dunklen Socken und schwarzen Schuhen stecken, wedelt lachend mit seinem Mantel und gibt der johlenden Crew den Exhibitionisten.
Am Ende eines langen Drehtags ist Regisseur Dror Zahavi, der 1959 in Tel Aviv geboren wurde, noch immer hellwach. Wir sitzen an der Straße mit Bier und Zigaretten, und er erzählt von seinem Reich-Ranicki-Bild, das sich radikal geändert hat. Vor der Beschäftigung mit dem Film kannte er doch nur den öffentlichen Menschen, den begnadeten Polemiker aus dem "Quartett". Durch die Biografie und die persönliche Begegnung habe er einen sensiblen, auch bescheidenen, auch leisen Menschen kennengelernt.
Sein Buch, sagt Zahavi, liest sich wie ein Roman. Was ihm aber für den Film fehlte, war: Was hat man im Ghetto gegessen? Wie war man angezogen? Hat man miteinander geschlafen? Reich- Ranicki, sagt er, war ja im Judenrat. Da war schon mehr Sicherheit. Und der junge Reich hat sich zweimal am Tag rasiert, um bloß immer gepflegt auszusehen. Unrasierte, schmuddelige Juden, schreibt er ja, kamen schneller in die Gaskammern. Also muss er im Film die Upperclass im Ghetto zeigen. Schwebt Reich-Ranicki während der Dreharbeiten wie ein Damoklesschwert über ihm? Nein, sagt Zahavi und lacht. Er ist eine Herausforderung. Aber, sagt er, wenn Reich-Ranicki den Film am Ende anschaut, wird er befangen sein. Er steckt zu tief drin. Der Geruch, sagt Zahavi, der aus meinem Film kommt, wird nicht der Geruch aus seinem Leben sein.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2008