In der Verfilmung von Stieg Larssons Bestsellerreihe "Millennium-Trilogie" hat sie Lisbeth Salander zu einer Leinwandikone gemacht. Auch das wahre Leben ist für Noomi Rapace ein Kampf. Im Gespräch mit stern.de verriet die Schwedin, was sie hasst, was sie liebt und warum sie nicht lächelt.
Die Gesellschaft will nicht, dass wir glücklich sind. Dann würden wir ja nichts kaufen, dann wäre es nicht so einfach, uns zu beherrschen. Unglückliche Menschen sind leichter zu kontrollieren. Also: Ja, definitiv. Als ich noch jünger war, habe ich zuweilen gedacht, die Regierung hätte einen Pakt mit den Medien geschlossen, weil die so viele schreckliche Sachen ausspuckten, wie wir aussehen, wie wir uns benehmen sollen, was für ein Mensch man sein muss, um geliebt zu werden. Dabei hat es mit dem realen Leben nichts zu tun! Wenn du jung bist und auf der Suche, ist es schwierig, das zu erkennen. Und es ist ein Desaster, dass es so wenige Stimmen gibt, die sagen: "Hör nicht auf den Scheiß, weil es dir wehtun wird."
Ja, denn ich glaube, das Leben ist kompliziert.
Ich sehe keinen Wert in romantischen Komödien. Ich habe noch nie eine gesehen, die mir irgendetwas gegeben hätte. Es gibt viele Schauspieler, die wesentlich besser dazu geeignet sind, solche Filme zu drehen. Für mich sind sie nichts.
Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin zu 50 Prozent Frau und zu 50 Prozent Mann. Ich bin ein Mensch. Ich hasse es, mit einfachen Lösungen abgespeist zu werden: Das ist ein weibliches Problem, oder das ist ein Männerding ... Diese Denkweise! Manchmal möchte ich schreien. Kann es euch nicht scheißegal sein, dass ich Titten und eine Muschi habe? Ich bin ich. Mich müsst ihr sehen. Es geht immer nur darum, wie du aussiehst. Das hier ist wie ein Spiel. Auf dem roten Teppich, auf Pressekonferenzen, wenn du mit Filmverleihern reden musst, mit Produzenten. Ich kann das nicht wirklich ernst nehmen. Für mich ist das auch eine Rolle, die ich spielen muss. Und in dieser Rolle versuche ich, eine gute Figur zu machen, weil es dem Film hilft.
Gäbe es vielleicht kein Publikum. Ich weiß es nicht. Sie sagen, dass wir es brauchen. Wenn du eine Schauspielerin sein willst, musst du dich entscheiden, es akzeptieren oder es lassen. Nehmen Sie gestern Abend: Ich musste auf den roten Teppich, und hinterher hat man mich gefragt, warum ich nicht gelächelt hätte, nicht ein einziges Mal. Und ich sagte: Warum sollte ich auch? Weil ich eine Frau bin? Weil die normalerweise mit einem Riesengrinsen (zieht eine Grimasse) drüber laufen? Männer brauchen das nicht. George Clooney, Brad Pitt, die laufen da einfach lang, sind cool, drehen sich und gehen wieder. Oder nehmen Sie Titelblätter. Ich habe keine Lust, lächelnd mit einer "Das Leben ist einfach"-Attitüde auf dem Cover abgebildet zu werden. "Lächle, und alles wird gut." Ich will keine einfachen Antworten geben! Dann wurde ich von einem Männermagazin angefragt, wo sonst immer Männer vorn drauf sind, meist mit verschränkten Armen und ernstem Blick, und ich habe gesagt: "Wenn ihr mich so fotografiert, mache ich mit." (lacht)
Das wollten sie natürlich nicht! (lacht ausgelassen) Und so war es gestern auch auf dem roten Teppich. So habe ich das Gefühl, meine Würde zu behalten. Ich will ihnen nicht alles geben. Ich will keine lächelnde Barbie sein.
Es sollte das Gegenteil sein. Aber es kann sehr erniedrigend sein. Du musst dich immer wieder fragen, was du willst. Du hast die Wahl. Nehmen Sie als Beispiel die Vergewaltigungsszene in "Millennium". Ich musste 100-prozentig sicher sein, dass ich diese Szene machen will. Ich musste überzeugt sein, dass wir diese Szene brauchen, dass sie etwas über Lisbeth sagt. Darüber, was es auslöst. Dann weiß ich, dass es meine Entscheidung ist. Da ist Eitelkeit keine Frage mehr. Eine Vergewaltigungsszene ist niemals schön. Ich hasse es, wenn sie zur Unterhaltung genutzt werden, wenn es ästhetisiert wird. Im wahren Leben gehört es zu den schlimmsten Verbrechen, die einem Menschen angetan werden können. Also: Wenn sich der Schauspieler immer wieder fragt, wie weit er gehen will, muss die Arbeit nicht demütigend sein.
(Längere Pause) Meine Wahrheit war immer auf der dunklen Seite des Lebens. Menschen sind nicht nur gut oder nur schlecht. Wir können alles sein. In extremen Situationen kann man schreckliche Dinge tun. Aber wir sind auch liebevoll und aufmerksam. Ich möchte gern verstehen, was uns lenkt, das Schlimmste zu tun. Ich glaube, wir balancieren ständig auf einem schmalen Grat, und wir können jederzeit runterfallen.