
Bewaffnete Polizisten besetzen einen Balkon oberhalb des Appartments, in der palästinensische Extremisten Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft gefangen halten© Bettmann/Corbis
Der für das Fiasko verantwortliche Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber wird nicht noch in der Nacht entlassen - er bleibt noch viele Jahre im Amt. Das Chaos auf dem Flugplatz ist so total, dass Regierungssprecher Conrad Ahlers gegen Mitternacht sogar verkündet, er sei "sehr froh, dass die Polizeiaktion so erfolgreich war", die Unterbrechung der Spiele sei etwas "unglücklich", aber "in ein paar Wochen wird das alles vergessen sein".
In Tel Aviv hatte man den Tag über ohnmächtig am Fernseher gesessen. Ministerpräsidentin Golda Meir hatte vergebens versucht, Willy Brandt davon zu überzeugen, die Sportler müssten von der israelischen Eliteeinheit "Sayeret Matkal" (ihr Anführer war der spätere Ministerpräsident Ehud Barak) befreit werden. Die Bundesrepublik besaß damals keine solche Truppe, die GSG 9 war das Resultat der Münchner Pleite, sie wurde erst später aufgebaut - mit Hilfe der Israelis.
Gegen Mitternacht trifft die frohe Kunde der Bundesregierung, alle Geiseln seien gerettet, auch in Jerusalem ein. Golda Meir trinkt ein Gläschen Champagner mit ihren Beratern. Erst am frühen Morgen dringt die Wahrheit durch: Alle neun israelischen Geiseln haben ihr Leben verloren, als die Terroristen einen Hubschrauber mit Handgranaten in die Luft sprengten. Fünf Attentäter wurden erschossen, ein deutscher Polizist wurde von einem Querschläger getötet.
Eine Frage bewegte damals alle Welt: Sollen die Spiele weitergehen? Natürlich, sagten die einen, man darf sich die Olympische Idee nicht von Terroristen zerstören lassen. Auf keinen Fall, protestierten die anderen, wie kann man nach einem so barbarischen Akt noch fröhlich weiter um die Wette zu rennen? Für das Internationale Olympische Komitee und die deutschen Veranstalter aber stand immer fest: "The games must go on" - die Spiele müssen weitergehen, wie Avery Brundage sagte, der US-amerikanische IOC-Präsident. Einige Stunden wurde Pause eingelegt für die Trauerfeier, dann ging es mit Handball weiter.
Die Deutschen aber waren jäh aus ihrer neuen Heiterkeit gerissen. Terror war bis dahin eine Pest irgendwo da unten, im Nahen, aber undurchsichtigen Osten. Er bedrohte Menschen, die weit weg wohnten und die in einen Konflikt verstrickt waren, den keiner durchschaute. Nun hatte er eine völlig neue Dimension erreicht: Er tobte mitten in einer reichen europäischen Stadt, und die ganze Welt schaute live zu, wie auf deutschem Boden wieder Juden ermordet wurden.
Eine Hand voll arabischer Fanatiker hatte an diesem sonnigen Septembertag gleich mehrere Mythen zertrümmert: Niemand ist mehr sicher, nirgendwo, selbst die Olympischen Spiele sind keine gewalt- und politikfreie Zone mehr. Die Israelis, die bisher unverwundbar schienen, waren plötzlich wehrlose Opfer. Und die Deutschen, die für ihre Effizienz so berühmt waren, entpuppten sich als Stümper und Feiglinge.
Drei Attentäter hatten das Massaker in Fürstenfeldbruck überlebt. Sie saßen keine zwei Monate in deutscher Haft, als am 29. Oktober 1972 ein palästinensisches Kommmando den Lufthansa-Flug LH 615 auf dem Weg von Damaskus nach Frankfurt entführte. Die Terroristen verlangten die Freilassung der "drei Helden von München". Ohne sich mit irgendjemandem zu beraten, kapitulierte die Regierung Brandt/Scheel, schon wenige Stunden später saßen Mohammed Safady, Jamal al-Gashey und sein Onkel Adnan in der entführten Lufthansa-Boeing und flogen Richtung Libyen. Noch am gleichen Abend wurden sie in Tripolis wie Helden gefeiert. Was aus ihnen später geworden ist, bleibt bis heute unklar.
Golda Meir schrieb später in ihren Memoiren, das schändliche Verhalten der Deutschen habe sie "körperlich krank" gemacht. Selbst der "Schwarze September"-Chef Abu Ijad schrieb in seiner Autobiografie, die Deutschen seien "feige" gewesen. Autor Reeve behauptet in seinem Buch, die LH-615-Entführung sei höchstwahrscheinlich ein abgekartetes Spiel zwischen Deutschen und Palästinensern gewesen. Deutsche Politiker wiesen die Behauptung entrüstet zurück, Fakt jedoch ist: Palästinenser verübten fortan Anschläge fast überall auf der Welt, in Deutschland aber war Ruhe.
Zwischen Israelis und Palästinensern jedoch brachte das Olympia-Attentat von München eine Spirale von Rache und Vergeltung in Gang, die sich rasend schnell beschleunigte. Aber hat sie irgendwas bewirkt? Hat all das Blutvergießen irgendeine Seite auch nur einen Meter vorangebracht? Wo führt das hin, wenn jeder behauptet, er antworte nur auf den Terror des anderen? Solche provokanten Fragen stellt Steven Spielberg in seinem neuen Film "München", der Ende Januar in die Kinos kommt (siehe Seite 50). Eine Antwort hat auch er nicht.
Der 5. September 1972 jedenfalls hatte Israel in seinen Grundfesten erschüttert. Die Wut im Lande war unbeschreiblich, man nahm Rache, sofort. Schon drei Tage nach dem Massaker griffen israelische Jagdbomber Palästinenserlager im Libanon und in Syrien an und töteten über 200 Menschen (nach israelischer Darstellung waren sie alle Terroristen), verletzten mehrere hundert. Das Militär drang mit 1350 Mann und 45 Panzern in den Südlibanon ein, erschoss 45 Männer und zerstörte Hunderte von Häusern.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 2/2006