
Eine Ausstellungs-Besucherin vor einem historischen "Jud Süß"-Kinoplakat© Bernd Weißbrod/DPA
Von Anfang an erscheinen die Juden im Film als einheitliche und gleichzeitig konturlose Masse. Um das zu erreichen, wurde der Gesang eines Rabbiners mit einem Volkslied zusammengemischt. Der Effekt beim Zuschauer ist der Gedanke: Hier hat man es mit einem unheimlichen, schwer zu fassenden Etwas zu tun. Der von Ferdinand Marian gespielte Jud Süß ist ein schmieriger, schleimiger Typ. Ein Dämon, der seine Mitmenschen verführt. Seinen Bart rasiert er ab, um zu verbergen, dass er ein orthodoxer Jude ist. Einmal der Berater des Herzogs, sorgt Süß dafür, dass die sogenannte "Judensperre" in Stuttgart aufgehoben wird. Als Folge fallen unzählige Juden aus der ländlichen Umgebung in der Stadt ein. Die Szene wirkt wie der Beginn einer Rattenplage.
Ein weiteres Stilmittel: Unverständlichkeit. Der Advokat von Süß, gespielt von Werner Krauß, ist ein jiddisch daher brabbelndes Wesen, dessen Sprache etwas Bedrohliches hat. Während Marian einen Charakter verkörperte, der das "wahre Wesen" der jüdischen "Rasse" vor seiner Umgebung verbirgt, sollte Krauß "den Juden" als das zeigen, was er wirklich ist: Unsauber. Schmuddlig. "Nicht klug, sondern schlau", wie der von Kraus dargestellte Sekretär Levi im Film sagt.
In einer Schlüsselszene des Films wird der Herzog belauscht. Zu sehen ist die Skulptur einer Teufelsfratze an einer Wand. Aus dem Mund heraus blicken der spionierende Süß und sein Kumpane Levi. Während einer deutscher Berater des Herzogs den Reformator Martin Luther zitiert, der immer wieder antijüdische Ausfälle hatte: "Darum wisse, du lieber Christ, dass du nebst dem Teufel keinen giftigeren Feind hast denn einen rechten Juden." Kurz danach folgt der Satz: "Wie die Heuschrecken kommen sie über unser Land!"
Bald danach findet Jud Süß sein Ende. Der Richter zitiert aus dem alten "Reichskriminalgesetz": "So aber ein Jude mit einer Christin sich fleischlich vermenget, soll er mit dem Strang vom Leben zum Tode gebracht werden." Schuldig - wegen Blutschande. Dem Opfer, einer jungen deutschen Frau, hatte Süß wiederholt Avancen gemacht, erfolglos. Also hatte er sie vergewaltigt. Die Arierin begeht Selbstmord. Schließlich hätte sie nach nationalsozialistischem Verständnis nie wieder ein normales Kind gebären können.
Das "Reichskriminalgesetz" gab es tatsächlich nicht. Auch die nationalsozialistische Vorstellung von "Rasse", die der Film der historischen Vorlage aufzwingt, existierte im 18. Jahrhundert nicht. Und die Vergewaltigung gab es nie. Hinter dem zentralen Motiv der Rassenschande steckte Goebbels Idee, das Sexualverbot zwischen Juden und Nichtjuden im Dritten Reich aus der Vergangenheit heraus zu begründen. Das jüdische Feindbild sollte gerechtfertigt werden, der Antisemitismus eine historische Begründung erhalten.
Auch sonst ist an "Jud Süß" viel erfunden: Im Film wird aus dem einfachen Berater Oppenheimer ein hoher Minister. Das wäre nie gegangen, denn im 18.Jahrhundert hatten Juden fast keine Rechte. Und auch den Einfall der Juden in Stuttgart gab es nie. "Wer historisch gebildet war, konnte das alles schon 1940 wissen", so Soziologe Albrecht.
So schwierig es klingen mag: Der Film "Jud Süß" ist faszinierend. Nicht nur, weil er den Zuschauern die totalitäre Vergangenheit des deutschen Volkes in Erinnerung ruft. Sondern auch, weil er spannend ist - und zeigt, wie leicht Lügen zu gefühlter Wahrheit werden. Weil man dem, was mit eigenen Augen gesehen wird, umso bereitwilliger Glauben schenkt. Ein älterer Zuschauer bei einer Stuttgarter Vorführung meinte, ein deutscher Wehrmachtssoldat habe ihm einmal erzählt, was er gedacht habe, nachdem er den Film 1940 sah: "Ich war so aufgebracht, dass ich jeden Juden hätte umbringen können." Goebbels hatte seine Mission erfüllt.
"Junge Leute begreifen oft gar nicht, dass man "Jud Süß" als Propagandafilm bezeichnet", erläutert Gerd Albrecht nach dem Vorstellungsende. Kein Wunder: In vielen Hollywood-Filmen kommen ähnliche Stilmittel zum Einsatz. Da geht der Kampf Gut gegen Böse allerdings nicht gegen eine Bevölkerungsschicht. Sondern gegen Außerirdische. Sofort ist man gewillt, Klischees und stereotyp gezeichnete Negativ-Charaktere zu akzeptieren. Dass "Jud Süß - Propagandafilm im NS-Staat" zu solchen Überlegungen anregt, ist die große Stärke der Ausstellung. Schön kann man sie nicht nennen. Aber wichtig.