
Keine Erleuchtung über George W. Bush© Lionsgate/ Reuters
Wie er zu dem wurde, zeigt Stone aber nicht. Die Rückblenden zu Bushs Anfängen gehen nicht tief genug, um den Charakter und die Person von W. zu entdecken. Bush war ein Trinker. Er versagte in jedem Job, den ihm sein Vater George Bush, Präsident Nummer 41, besorgte. Und so ist fast jede Szene geprägt von Alkohol und dem ständigen Versuch des Sohnes, seinen übermächtigen Vater zu beeindrucken, der zu ihm immer nur sagt: "Du enttäuschst mich, Du enttäuschst mich zutiefst." Schnell wird klar, was Stone als zentrales Motiv für seinen Film gefunden hat: das ödipale Drama der Bushs. Es sind dann auch die stärksten Momente des Films, weil sie die intensivsten sind, wenn auch etwas klischeehaft. Eines Abends kommt Bush junior wieder betrunken nach Hause, und er fährt die Mülltonnen über den Haufen. Dieses Mal hat er nicht aus Frust getrunken, er feiert seine Aufnahme an der Harvard Business School. Er kommt ins Haus, der Vater schimpft, es kommt fast zu einer Prügelei. Am Ende verpasst der Alte dem Jungen den K.o., ohne ihn zu berühren, allein mit Worten. Er verkündet der Familie und Bush junior, wer tatsächlich hinter dessen Zulassung in Harvard steckt: Er, Poppy, der alles kann, sogar seinen Versager von Sohn nach Harvard bringen.
Und selbst, wenn W. doch etwas allein schafft, wenn er sogar vor seinem Bruder Jeb, dem Liebling der Familie, Gouverneur wird, schenkt ihm der Vater keine Anerkennung, Aufmerksamkeit, geschweige denn Zuneigung. Der alte Bush denkt am Tag der Amtseinführung von George an seinen anderen Sohn Jeb. W. ist verstört, er fragt ihn: "Warum bemitleidest Du Jeb, warum freust Du Dich nicht für mich?" Josh Brolin spielt George W. Bushs Verletzheit in diesen Situationen so überzeugend, dass man Mitleid mit W. bekommt. Das liegt aber allein an Brolin, nicht an Stone. Denn der zeichnet den Vater mit Sympathie. Der Kriegsheld George Bush ist Stone, dem Vietnam-Krieger, näher als der Harvard-Student. Dabei waren W. und Stone zur selben Zeit in Yale. Stone zog allerdings nach einem Jahr in den Vietnamkrieg, W. drückte sich vor dem Vietnam-Einsatz. Dank Poppy. Epiphanie beim Joggen Guantanamo, der Folterskandal in Abu Ghraib, das Versagen beim Hurrikan Katrina in New Orleans - das alles fehlt komplett in diesem Film. Stone konzentriert sich auf die Vater-Sohn-Geschichte, die alles erklären soll, es aber nicht tut. Was machte den Erfolg des Politikers W. aus? Wie kam er überhaupt nach oben? Und wie konnte er sich dort halten. Und warum W. zu Gott findet, soll man sich bei einem morgendlichen Lauf denken, bei dem man Bush nach einer Alkoholnacht keuschend und fast kollabierend durch den Park rennen sieht. Eine Erleuchtung ist das nicht. Der Film sollte eine Abrechnung mit Bush sein, zumindest wurde er in den USA so angekündigt. Es wurde erwartet, dass diese Abrechnung die Wahl des nächsten Präsidenten beeinflussen könnte. Das wird dieser Film bestimmt nicht. Er bedient nur die, die sowieso gegen Bush sind, wenn überhaupt. Stone sagte in einem Interview, er wollte die Person Bush greifbar machen, seine psychologischen Tiefen ergründen und zeigen, wie sich daraus sein Handeln als Präsident ergab. In der ersten Szene des Films sieht man Bush in einem leeren Stadion, wie er einen Baseball fängt, mit Mühe, aber er fängt ihn. Am Ende die gleiche Szene, aber dieses Mal fliegt kein Ball an, keiner wirft ihm mehr einen Ball zu. W. ist allein. Hilflos. Ratlos. So wie der Zuschauer.