
Rammstein im Video "Pussy"© Internet
Nachfrage bei den Werbeprofis von Jung von Matt, die einst den umstrittenen Werbespruch "Geiz ist geil" erfanden und in deren Credo es heißt, das Ziel guter Werbung sei die Eroberung. Nein, so einfach sei es nicht, und ja, die Werbung habe Grenzen, sagt Jung-von-Matt-Geschäftsführerin Dörte Spengler-Ahrens entschieden. Aufmerksamkeit allein reicht nämlich nicht.
"Vielleicht gibt es in der Rammstein-Fanzielgruppe einen kleinen Prozentsatz, der diese erneute Provokation goutiert. Aber damit wird die Band sicherlich nicht ihr Fanspektrum erweitern", sagt Spengler-Ahrens. Es gebe nämlich einen "Geschmack der Zeit, eine unsichtbare Linie, die man nicht überschreiten sollte". Das sei hier jedoch geschehen, "zudem auf plumpe Art und Weise. Das geht nicht auf. Der Zuschauer hat eine sehr feine Antenne dafür, wann es nur um plumpes Heischen nach Aufmerksamkeit geht und wann um mehr". Überschätzen Rammsteins Marketingstrategen also die Sensationsgier des Publikums? Die Verkaufszahlen werden es zeigen.
Auch der "Bluewater"-Skandal war Gesprächsthema. Zweck erfüllt, könnte man meinen. Aber die Werberin schüttelt erneut den Kopf: Es sei zwar ein Lehrstück für die Medien, aber keine gelungene Werbung. "Die Aktion spielt mit Angst und mit Mitleid. Wenn jemand um Hilfe ruft, ist man geschockt und bemüht sich. Wenn sich das als Scherz herausstellt, ist man nicht nur in seiner Wahrnehmung getäuscht worden, sondern in seinen Gefühlen enttäuscht", sagt Spengler-Ahrens. "Das berührt einen viel tiefer. Das verzeiht man dem Absender nicht." Werbung stoße an ihre Grenzen, wenn die Gefühle der Menschen getäuscht werden, so die Jung-von-Matt-Geschäftsführerin. "Aufmerksamkeit hat der Film sicher erregt, aber das Kommunikationsziel, positiv für einen Film zu werben, wurde nicht erreicht."
Also auch Daumen runter für die Regisseure Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg und zudem eine Absage an den alten Spruch: "Jede Werbung ist gute Werbung", der von dem Zirkusmann und Schausteller P.T. Barnum stammen soll, der im 19. Jahrhundert unter anderem mit "menschlichen Sensationen" durch Amerika tingelte. Von ihm stammt allerdings auch der Satz: "Das Publikum ist ein seltsames Tier, flatterhaft und oftmals pervers."
Was bleibt von solchen PR-Aktionen außer das ungute Gefühl, dass bald wieder jemand um die Ecke kommen wird, der die Provokation noch weiter treibt? Die Gewissheit, dass Sie sich gerade fragen, warum eigentlich alle über die PR-Aktionen reden, aber nicht über das, was beworben wurde. Die Antwort ist einfach: Offensichtlich ist der Inhalt allein nicht der Rede wert.