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28. September 2008, 09:51 Uhr

Allein gegen die Mafia

Hinrichtung in der neapolitanischen Drogenhochburg Scampia (Filmszene). Regisseur Matteo Garrone drehte "Gomorrha" an Originalschauplätzen© PROKINO Filmverleih GmbH

Saviano lebt in einer Polizeikaserne. Wird er gefragt, warum er das Land nicht verlässt, erwidert er kämpferisch, dass er der Camorra keinen Zentimeter weichen wolle. Saviano ist zutiefst verwurzelt in seiner Heimat. Diese Verbundenheit zeigt er mit Stolz: An den Fingern trägt er drei Silberringe, genau wie die Camorra-Killer. Schon als Kind steckte er sie sich an, um seine Mutter zu erschrecken. Warum trägt er diese provokativen Symbole noch heute? "Dort, wo ich herkomme, symbolisieren die Ringe die Dreifaltigkeit. Diese Tradition ist von der Camorra übernommen und ausgebeutet worden. Für mich bedeuten diese Ringe eine Kontinuität mit meiner Erde, mit meiner Heimat."

Wer so sehr an seiner Erde hängt, kann nicht einfach verschwinden. Und weil ihm kein normales Leben mehr bleibt, stürzt Saviano sich in seine Arbeit. Regelmäßig schreibt er in der italienischen Presse über die Camorra. Zurzeit widmet er sich neben anderen Projekten der Untersuchung des internationalen Kokainhandels und hat einen der wichtigsten Umschlagplätze in Deutschland ausgemacht: "In Rostock kommen diese Riesenschiffe an. Ermittlungen in Neapel haben letztes Jahr herausgefunden, dass das Kokain nicht wie üblich transportiert wird. Also zum Beispiel versteckt in Bananen-Containern. Sondern es werden Schiffe gebaut, die in den Zwischenwänden ungeheure Mengen Kokain enthalten. Nur, wenn man das Schiff völlig auseinandernimmt, kommt man an das weiße Pulver. Diese Schiffe werden eigens für den Kokainhandel gebaut. Der Verdienst ist so riesig, dass man ein ganzes Schiff opfern kann."

Preisträger

Die Durchleuchtung des organisierten Verbrechens ist zu Savianos Lebensinhalt geworden. So war es nur selbstverständlich, dass er an dem Drehbuch mitschrieb, nachdem der italienische Regisseur Matteo Garrone entschieden hatte, "Gomorrha" zu verfilmen. Mit zwei Millionen Zuschauern wurde der Film in Italien ein großer Erfolg. Bei den Filmfestspielen in Cannes gewann er im Mai sogar den Großen Preis der Jury. Seit vergangener Woche läuft er bei uns in den Kinos.

Auch die Paten sind ganz verrückt nach Mafiafilmen. Eindrücklich schildert Saviano, wie Hollywoodmythen das Bild der Camorra bestimmen. Der Camorra-Boss Cosimo Di Lauro kleidet sich wie Brandon Lee in "The Crow". Die Guappa, das weibliche Camorra-Mitglied, stylt sich gern wie Uma Thurman in "Kill Bill": blonder Pagenkopf und gelber Overall. Und seit "Pulp Fiction" schießen die Killer nicht mehr gerade, sondern mit seitlich gekippter Waffe. Seitdem sind die Schusswunden noch grausamer, weil niemand mehr ordentlich zielen kann. Das schwer verletzte Opfer muss mit einem finalen Genickschuss exekutiert werden.

Die Realität hält Einzug

Hatte Saviano keine Bedenken, dass eine Verfilmung seines Buches der bildersüchtigen Camorra noch mehr Aura verleihen würde? Seine Antwort ist entschieden: "Ich habe ja mitgeschrieben, und das Letzte, was ich wollte, war ein Mafia-Epos. Die kriminellen Organisationen lieben Mafiafilme, weil sie das Tool sind, mit dem sie sich in Szene setzen. Meine Obsession ist es, das Geheimnis hinter den Dingen zu lüften. In Der Pate, den Goodfellas oder Scarface wird nie gezeigt, wie die Mafia wirklich an ihr Geld kommt. Für mich war es wichtig, diese wirtschaftlichen Mechanismen aufzudecken."

Das ist dem Film gelungen. Amerikanische Mafia-Epen inszenieren die Verbrecher als coole Stil-Ikonen. In "Gomorrha" ist kein Verbrecher glamourös. Hier gibt es keine Cocktailpartys am Pool. Ganz Kampanien ist von Rost, Pilz und Verbrechen zerfressen. Dies ist nicht das Land, wo die Zitronen blühen, sondern wo der Giftmüll schwärt, die Gesichter vor Angstschweiß glänzen, die Schafe dioxinverseuchtes Gras fressen und die Strände als Friedhöfe für ermordete Gegner dienen.

Sowohl der linke als auch der rechte Parteienflügel Italiens drängte Saviano, sich als Kandidat der jeweiligen Seite für die italienischen Parlamentswahlen 2008 aufstellen zu lassen© Alessandro Bianchi/REUTERS

Der Film gewinnt seine Authentizität nicht zuletzt durch seine Kulissen. Garrone hat an den Wirkungsstätten der Camorra gedreht. In einer Gegend, wo alle drei Tage jemand ermordet wird. Das Töten ist hier besonders preisgünstig: 2500 Euro ist der übliche Lohn für einen Mord. Den eindrucksvollsten Schauplatz liefert die neapolitanische Satellitenstadt Scampia, eine gigantische Siedlung aus Wohnblöcken in markanter Pyramidenform. Dieses festungsartige Ensemble ist vollständig in der Hand der Camorra. Scampia ist der größte Drogenumschlagplatz der Welt, der billigste Stoff Europas wird hier gehandelt. Jeder Hausflur in den verrottenden Wohnblocks sieht aus wie ein Todestrakt. Hier hat Garrone mit Darstellern gedreht, die früher für die Camorra arbeiteten. Einer der Schauspieler ist ein reuiger Mafiaboss, der für die Dreharbeiten das Gefängnis unter Polizeibegleitung verlassen durfte.

Saviano hat während des Drehs in Scampia einen eindrucksvollen Stimmungswechsel beobachten können: "Der Dreh begann zur selben Zeit, als ich aufgrund der Todesdrohungen Polizeischutz bekam. Daraufhin wollte die Camorra alles unterbinden, was mit mir in Zusammenhang gebracht werden konnte. Doch dann ist eine Art Zauber passiert: Das ganze Viertel hat begonnen, zu den Castings zu kommen. Die Frauen haben sich von den Set-Kosmetikerinnen die Haare machen lassen. Da hat sich dann die Camorra zurückgezogen. Sie haben verstanden, dass es sinnlos war, sich gegen den Film zu stellen." Sogar ein Filmdreh kann ein Akt des zivilen Widerstandes sein. Roberto Savianos Mut scheint ansteckend zu sein.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2008

Von Stephan Maus
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