
Nancy (Jessica Alba) wurde als Kind von Polizist John Hartigan gerettet© Buena Vista
Doch "Sin City" ist nicht nur pulp fiction, sondern auch "Pulp Fiction". Bei dem Klassiker seines besten Kumpels Quentin Tarantino hat sich Rodriguez die Erzählstruktur geborgt, zwei Geschichten werden von einer dritten umschlossen. Denn gleich drei Bücher Millers wurden in den Film übernommen. "Stadt ohne Gnade" erzählt von dem Schläger Marv (gewaltig: Mickey Rourke), der sich abends unsterblich in die schöne Goldie (Jaime King) verliebt und morgens neben ihrer Leiche aufwacht. Für die Polizei ist der Täter klar. Marv kann entkommen und startet eigene, sehr blutige "Ermittlungen", an deren Ende ein Showdown mit Elijah "Frodo" Wood steht. Der hätte sein niedliches Hobbit-Image nicht nachhaltiger zerstören können als mit der Rolle des Kannibalen Kevin.
In "Das große Sterben" gerät Privatdetektiv Dwight (Clive Owen) mit dem irren Jackie Boy (Benicio del Torro) aneinander - natürlich wegen einer Frau. Doch damit nicht genug, bald muss Dwight auch noch einen drohenden Krieg zwischen der Polizei und den wehrhaften Nutten verhindern. Zu dieser Episode steuerte Tarantino eine kurze Sequenz bei, in der ein toter und ein lebender Mann ein sehr eigentümliches Gespräch in einem Auto führen. Zum Dank wird Tarantino als Gastregisseur geführt.
Die erzählerische Klammer bildet "Dieser feige Bastard": Als letzte Maßnahme vor seiner Pensionierung gelingt es dem herzkranken Polizisten John Hartigan (Bruce Willis), das Mädchen Nancy aus den Klauen eines Kinderschänders zu befreien - nur um sich später als Opfer einer Verschwörung selbst auf der Anklagebank wiederzufinden. Hartigan schweigt, verzichtet auf Nancys entlastende Aussage und geht ins Gefängnis, damit das Mädchen ungehindert eine neue Identität annehmen kann. Acht Jahre später erfährt Hartigan in seiner Einzelzelle, dass die inzwischen herangewachsene junge Frau (Jessica Alba) entführt wurde. Der Kidnapper meldet sich sogar selbst, es ist ein gelbhäutiger Freak. Er hat noch eine Rechnung offen mit Hartigan - und mit Nancy...
Drei komplette Comic-Bücher mit vielen Figuren - das ist eine Menge Stoff. Es ist zu viel Stoff. Obwohl bedingungslose Nähe zur Vorlage das Grundkonzept des Films ist, hätte es ihm gut getan, wenn Rodriguez und Miller auf einige Nebencharaktere verzichtet und jede Episode um fünf bis zehn Minuten gekürzt hätten.
Die kompromisslose Treue des Regieduos zu den Comics beschert dem Zuschauer außerdem heftigste Gewaltdarstellungen, die jedem Splatter-Film zur Ehre gereichen würden. Wirklich alles, was an Männerkörpern abgetrennt werden kann, verliert in "Sin City" früher oder später den Anschluss. Bei den Gewaltexzessen wird allerdings maßlos übertrieben, und die allgegenwärtige Künstlichkeit des Films nimmt diesen Szenen viel von ihrem Schrecken. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein wildes Kinoerlebnis. Nie war eine Kloake so wunderschön.