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7. Februar 2009, 07:46 Uhr

"Bei Bond krieg ich das Kotzen"

Tom Tykwer, Interview, Berlinale, The International, Clive Owen

Talk am Turm: Tom Tykwer (l.) und sein Star Clive Owen am "International"-Set in Istanbul© Stefan Boness

Das absolute Gegenteil von einem klassischen Gangsterboss.

Natürlich. Sie behaupten mit einer ziemlichen Souveränität ihre Position: Entschuldigung, erstens haben wir den Kapitalismus nicht erfunden, und zweitens schaut doch jeder auf seine Profite und auf die seines Ladens. Das machen alle so. Und wenn ich dann sage, nein, das machen nicht alle so, dann ist das Gespräch schnell zu Ende. Ökonomische Moral ist offenbar ein naives Relikt aus der Vergangenheit. Von diesen Widersprüchen handelt "The International".

Keine leichte Aufgabe für einen Unterhaltungsfilm.

Weil die Abläufe in der globalen Finanzwelt so kompliziert sind, hat das immer noch einen Schlagschatten von Unvermittelbarkeit und ist nicht mal auf der Titelseite einer Tageszeitung umfassend darstellbar. Man brauchte drei Seiten. Also landen die Geschichten hinten im Wirtschaftsteil. Dabei sind sie 100-mal wichtiger als die Abschaffung des blöden Transrapid.

Auffällig an dem Film sind die ruhige Kamera und der moderate Schnitt. Im Gegensatz zu modernen Thrillern wie der Bourne-Trilogie oder den letzten beiden Bond-Filmen kriegt der Zuschauer hier keine Kopfschmerzen.

Action ist eine große Herausforderung. Man muss dem Zuschauer eine Übersicht verschaffen, ihm Orientierung geben. Wie groß ist der Raum? Wie viel Platz haben die Leute? Wie lange wird es dauern, einer Gefahr zu entfliehen? Bei Bourne habe ich manchmal gar nicht mehr verstanden, wie er wieder davongekommen ist. Irgendwo gab es wahrscheinlich eine Tür, die ich vorher nie gesehen habe. Das ist enttäuschend. Und die Neuerfindung von Bond mag ich schon deshalb nicht, weil sie die alte Idee von James Bond völlig verlässt.

Inwiefern?

Da werden Bond ein paar relativ plattitüdenhafte Rachemotive zur Seite gegeben, damit er mal so richtig Amok laufen kann. Damit hab ich ein irgendwie moralisches Problem, auch wenn das ein bisschen altmodisch ist. Bond ist einer geworden, der unbewaffnete Leute einfach exekutieren darf, und das soll auch noch cool gefunden werden. Da krieg ich das Kotzen. Ich bin halt Roger-Moore-Fan …

Wie bitte?

Das liegt an meinem Jahrgang. Wenn du 1965 geboren bist, war "Der Spion, der mich liebte", frei ab 12 Jahren, der erste Bond, den du sehen konntest. Und er war kein triebhafter Irrer, sondern ein Gentleman, der die Welt auf eine sehr lässige, elegante Weise von Bösewichtern befreit.

Mit 16 sind Sie per Interrail durch Europa gefahren … und ins Kino gegangen.

Amerikanische Filme starteten damals bei uns viel später. "E. T." oder "Jäger des verlorenen Schatzes" waren Sommerhits in den USA und kamen bei uns erst im Winter auf die Leinwand. In der Blüte meiner Fanzeit konnte ich das nicht aushalten. Also nahm ich das Geld, das ich mit meinem Job als Filmvorführer verdiente, und fuhr in den Sommerferien mit dem Zug nach London. Dort suchte ich mir eine Jugendherberge und schaute am Leicester Square den ganzen Tag Filme. Das war mein Urlaub.

Nach Paris sind Sie auch gefahren.

Ja, im 10. Arrondissement gab es diese stinkenden Schmuddelkinos, wo man sich für wenig Geld King-Kong- oder Karatefilme angucken konnte. Oder "Die Klapperschlange" auf Französisch. Den habe ich siebenmal gesehen und kaum ein Wort verstanden. Ich schlief für 20 Mark in einer dieser Pensionen mit Plastikfolie unter dem Bettlaken. Unangenehm - aber als 16-Jähriger ist dir das schnuppe. Ich habe nur Falafel gegessen und Doppelprogramm geguckt. Das hatte was Verschrobenes, ich war damals gern viel allein.

Wie die Helden Ihrer Filme.

Ja, wahrscheinlich identifiziere ich mich über meine Jugenderinnerungen mit den Typen, die sich immer allein an irgendwas abarbeiten und keine Bedürfnisse entwickeln, Verbindungen einzugehen.

Sie waren damals ein ziemlicher Sonderling, ein "Nerd", wie man heute sagt.

Ein bisschen schon, ja.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2009

Berlinale 2009 Party on Für elf Tage wird Berlin wieder zur Bundesfilmhauptstadt - die Höhepunkte im Schnellvorlauf.

Die Berlinale, eines der üppigsten Festivals der Welt. Hunderte Filme, teils mit kuriosen Titeln wie "Die wunderbare Welt der Waschkraft", "Die Eigenheiten einer jungen Blondine" oder gar "Das Ende des Schweins ist der Anfang der Wurst". Tausende Kinobesucher und noch mehr Zaungäste, die einen Blick, ein Autogramm von ihren Stars erhaschen wollen. Wie sich der ganze Rummel anfühlt? Wie eine ganz entspannte Party im Wohnzimmer. Mit diesen Worten lobte letztes Jahr Paul Thomas Anderson, Regisseur des zweifachen Bären-Gewinners "There Will Be Blood", die lässig-souveräne Arbeit von Festivalleiter Dieter Kosslick. Der präsentiert auch in seinem achten Jahr wieder ein Programm, das Spaß und Ernst, Unterhaltung und Kunstwillen vereint. Und jede Menge Gelegenheiten zum Feiern.

Neben Tom Tykwers Thriller "The International" laufen die für fünf Oscars nominierte Bestselleradaption "Der Vorleser", Filmbiografien über Hildegard Knef und den erschossenen Rapper Notorious B.I.G. und die neuen Werke bewährter Filmemacher wie Claude Chabrol, Stephen Frears, François Ozon, Constantin Costa-Gavras, Chen Kaige, Sally Potter und des Deutschen Hans-Christian Schmid ("Crazy").

Den Ehrenbären erhält der Komponist Maurice Jarre, dessen klangvolle Mitarbeit in Klassikern wie "Lawrence von Arabien" und "Ryans Tochter" auch in der opulenten Retrospektive "70 mm - Bigger than Life" zu bewundern ist. Die Nebenreihe "Panorama" feiert mit zahlreichen Sondervorstellungen, darunter Gus Van Sants achtfach Oscarnominierter "Milk", ihren 30. Geburtstag.

In der Jury für den Goldenen Bären sitzen u. a. Tilda Swinton, Christoph Schlingensief und der schwedische Schriftsteller Henning Mankell. Und auch andere Prominenz wird in Berlin erwartet: Kate Winslet, Clive Owen, Naomi Watts, Michelle Pfeiffer, Leonardo DiCaprio, Jude Law, Steve Martin, Julie Delpy, Keanu Reeves sowie Gael Garcia Bernal. Klingt wie ein ziemlich geräumiges Wohnzimmer.

Interview: Matthias Schmidt und Bernd Teichmann
Seite 1: "Bei Bond krieg ich das Kotzen"
Seite 2: Das absolute Gegenteil von einem klassischen Gangsterboss.
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Gallagher (07.02.2009, 14:59 Uhr)
Bond
Seine Auslassungen zu Bond und Moore treffen den Nagel auf den Kopf. Und erst Recht die Hinweise zu den Schnittmonstern "Bourne". Die "Identität" habe ich zufällig vorgestern gesehen. Dabei wurde mir gar schwindelig.
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Grüße Gallagher, Jahrgang Fuffzisch!
HenningOL (07.02.2009, 14:55 Uhr)
Der neue Bond
Ja, der Lack ist ab vom Bond. Der Charm den die frühen Filme hatte, mit dieser schönen Selbstironie ist einem ganz normalen, wenn auch teuer gemachten, Actionfilm gewichen. Das ist dann aber kein Bond mehr wie ich ihn gut fand...
reinhard44 (07.02.2009, 14:09 Uhr)
Bond der Killer
Da hat Herr Tykwer und Sardor wohl nicht den ersten Bond in" Dr.No" gesehen.
Dort wurde ein Killer nachdem er sein ganzes Magazin in ein leeres Bett verschossen hatte und völlig wehrlos vor Bond stand ganz cool liquidiert.
Schon damals wurde das als Mord bewertet....bin Jahrgang 44
Sardor (07.02.2009, 11:10 Uhr)
Bond
Dem kann ich voll zustimmen, als Jahrgang '66...
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