
Talk am Turm: Tom Tykwer (l.) und sein Star Clive Owen am "International"-Set in Istanbul© Stefan Boness
Natürlich. Sie behaupten mit einer ziemlichen Souveränität ihre Position: Entschuldigung, erstens haben wir den Kapitalismus nicht erfunden, und zweitens schaut doch jeder auf seine Profite und auf die seines Ladens. Das machen alle so. Und wenn ich dann sage, nein, das machen nicht alle so, dann ist das Gespräch schnell zu Ende. Ökonomische Moral ist offenbar ein naives Relikt aus der Vergangenheit. Von diesen Widersprüchen handelt "The International".
Weil die Abläufe in der globalen Finanzwelt so kompliziert sind, hat das immer noch einen Schlagschatten von Unvermittelbarkeit und ist nicht mal auf der Titelseite einer Tageszeitung umfassend darstellbar. Man brauchte drei Seiten. Also landen die Geschichten hinten im Wirtschaftsteil. Dabei sind sie 100-mal wichtiger als die Abschaffung des blöden Transrapid.
Action ist eine große Herausforderung. Man muss dem Zuschauer eine Übersicht verschaffen, ihm Orientierung geben. Wie groß ist der Raum? Wie viel Platz haben die Leute? Wie lange wird es dauern, einer Gefahr zu entfliehen? Bei Bourne habe ich manchmal gar nicht mehr verstanden, wie er wieder davongekommen ist. Irgendwo gab es wahrscheinlich eine Tür, die ich vorher nie gesehen habe. Das ist enttäuschend. Und die Neuerfindung von Bond mag ich schon deshalb nicht, weil sie die alte Idee von James Bond völlig verlässt.
Da werden Bond ein paar relativ plattitüdenhafte Rachemotive zur Seite gegeben, damit er mal so richtig Amok laufen kann. Damit hab ich ein irgendwie moralisches Problem, auch wenn das ein bisschen altmodisch ist. Bond ist einer geworden, der unbewaffnete Leute einfach exekutieren darf, und das soll auch noch cool gefunden werden. Da krieg ich das Kotzen. Ich bin halt Roger-Moore-Fan …
Das liegt an meinem Jahrgang. Wenn du 1965 geboren bist, war "Der Spion, der mich liebte", frei ab 12 Jahren, der erste Bond, den du sehen konntest. Und er war kein triebhafter Irrer, sondern ein Gentleman, der die Welt auf eine sehr lässige, elegante Weise von Bösewichtern befreit.
Amerikanische Filme starteten damals bei uns viel später. "E. T." oder "Jäger des verlorenen Schatzes" waren Sommerhits in den USA und kamen bei uns erst im Winter auf die Leinwand. In der Blüte meiner Fanzeit konnte ich das nicht aushalten. Also nahm ich das Geld, das ich mit meinem Job als Filmvorführer verdiente, und fuhr in den Sommerferien mit dem Zug nach London. Dort suchte ich mir eine Jugendherberge und schaute am Leicester Square den ganzen Tag Filme. Das war mein Urlaub.
Ja, im 10. Arrondissement gab es diese stinkenden Schmuddelkinos, wo man sich für wenig Geld King-Kong- oder Karatefilme angucken konnte. Oder "Die Klapperschlange" auf Französisch. Den habe ich siebenmal gesehen und kaum ein Wort verstanden. Ich schlief für 20 Mark in einer dieser Pensionen mit Plastikfolie unter dem Bettlaken. Unangenehm - aber als 16-Jähriger ist dir das schnuppe. Ich habe nur Falafel gegessen und Doppelprogramm geguckt. Das hatte was Verschrobenes, ich war damals gern viel allein.
Ja, wahrscheinlich identifiziere ich mich über meine Jugenderinnerungen mit den Typen, die sich immer allein an irgendwas abarbeiten und keine Bedürfnisse entwickeln, Verbindungen einzugehen.
Ein bisschen schon, ja.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 06/2009
Berlinale 2009 Party on
Für elf Tage wird Berlin wieder
zur Bundesfilmhauptstadt - die
Höhepunkte im Schnellvorlauf.
Die Berlinale, eines
der üppigsten Festivals
der Welt. Hunderte
Filme, teils mit kuriosen
Titeln wie "Die wunderbare
Welt der Waschkraft",
"Die Eigenheiten
einer jungen Blondine"
oder gar "Das Ende des Schweins ist der
Anfang der Wurst". Tausende Kinobesucher
und noch mehr Zaungäste, die einen Blick,
ein Autogramm von ihren Stars erhaschen
wollen. Wie sich der ganze Rummel anfühlt?
Wie eine ganz entspannte Party im Wohnzimmer.
Mit diesen Worten lobte letztes
Jahr Paul Thomas Anderson, Regisseur des
zweifachen Bären-Gewinners "There Will
Be Blood", die lässig-souveräne Arbeit von
Festivalleiter Dieter Kosslick. Der präsentiert
auch in seinem achten Jahr wieder
ein Programm, das Spaß und Ernst, Unterhaltung
und Kunstwillen vereint. Und jede
Menge Gelegenheiten zum Feiern.
Neben Tom Tykwers Thriller "The International"
laufen die für fünf Oscars nominierte
Bestselleradaption "Der Vorleser", Filmbiografien
über Hildegard Knef und den
erschossenen Rapper Notorious B.I.G. und
die neuen Werke bewährter Filmemacher
wie Claude Chabrol, Stephen Frears,
François Ozon, Constantin Costa-Gavras,
Chen Kaige, Sally Potter und des Deutschen
Hans-Christian Schmid ("Crazy").
Den Ehrenbären erhält der Komponist
Maurice Jarre, dessen klangvolle Mitarbeit
in Klassikern wie "Lawrence von Arabien"
und "Ryans Tochter" auch in der opulenten
Retrospektive "70 mm - Bigger than Life" zu
bewundern ist. Die Nebenreihe "Panorama"
feiert mit zahlreichen Sondervorstellungen,
darunter Gus Van Sants achtfach Oscarnominierter
"Milk", ihren 30. Geburtstag.
In der Jury für den Goldenen Bären sitzen
u. a. Tilda Swinton, Christoph Schlingensief
und der schwedische Schriftsteller Henning
Mankell. Und auch andere Prominenz wird
in Berlin erwartet: Kate Winslet, Clive Owen,
Naomi Watts, Michelle Pfeiffer, Leonardo
DiCaprio, Jude Law, Steve Martin, Julie
Delpy, Keanu Reeves sowie Gael Garcia
Bernal. Klingt wie ein ziemlich geräumiges
Wohnzimmer.