
Nora Aust und Lea Daniels, beide 18, haben alle Meyer-Bücher verschlungen und sich "Twilight" vorab für den stern angesehen© Harald Schmitt
Wovon träumen Mädchen? Wenn sie, wie wir, alle Vampirromane von Stephenie Meyer innerhalb weniger Wochen verschlungen haben, sehr wahrscheinlich von einem Freund wie Edward, dem Helden der Bücher: unwiderstehlich wie unnahbar, mysteriös und stolz, aber fürsorglich. Ein Beschützer, aber kein Langweiler. Vor allem wünschen sich Mädchen, so geliebt zu werden, wie Edward Bella liebt, die uns in diesen Büchern ihre Geschichte erzählt: bedingungslos und irrational, zärtlich, dennoch entschlossen - eine Liebe, für die man zu sterben bereit ist. Wie Bella. Wunderbar. Die Geschichte drum herum, von jahrhundertealten Blutsaugern und Werwölfen, ist ja auch ganz schön, doch darum lesen wir diese Romane nicht.
Das Beste aber ist: Meyers Bücher lassen viel Raum für unsere eigene Fantasie. Jedes Mädchen träumt von seinem eigenen Edward. Es muss so viele Edwards wie Leserinnen geben. Kann das im Kino funktionieren? Da kann es doch immer nur einen geben.
Der Haken an Edward: Er ist ein Vampir, wenn auch in gemäßigter Version. Blut ist seine einzige Nahrung, aber nur das von Tieren. Für Menschen ist er keine Gefahr - es sei denn, er verliebt sich so sehr, dass er der Versuchung nicht widerstehen kann. "Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm", sagt Edward im Buch sehr schön. Bellas Problem: Sie ist das Lamm. Der Beschützer ist die größte Bedrohung. Was für eine Geschichte.
Film ab, er beginnt gut, intensiv und bedrohlich. Ein Reh, scheu und unschuldig, hetzt durchs Unterholz. Die Gefahr ist da, man sieht sie kaum, aber man spürt sie deutlich. Dazu die Stimme Bellas aus dem Off. Schon klar: Sie ist das Reh - nicht das Lamm, aber egal. Schnitt, die eigentliche Geschichte beginnt. Bellas Umzug aus dem sonnigen Phoenix, wo ihre Mutter wohnt, ins ganzjährig verregnete Forks zum Vater, die Beklommenheit zwischen dem unbeholfenen Vater und der blassen Bella, das Kaff, der Regen, die Autos: Alles haben wir uns so oder ganz ähnlich vorgestellt. Wo aber bleibt Edward?
Endlich, der große Moment. Die Tür der Highschool-Cafeteria geht auf, und herein kommt: ein verschlafener Junge mit zerzaustem Haar, hängenden Schultern und irgendwie blutunterlaufenem Blick, und man denkt: Himmel, was bist du stoned, du solltest nicht so viel kiffen. Zugegeben, er sieht gut aus - aber unser Edward ist das nicht. Wie sollte er auch?
Und Stephenie Meyer gibt in ihrem ersten Band Bella und Edward sehr viel Zeit, ihre beneidenswerte Liebe zu entwickeln. Der erste Kuss zwischen beiden? Auf Seite 298. Im Film muss alles viel schneller gehen, zu schnell. Das Buch beschreibt ausführlich Edwards Konflikt zwischen seinen Gefühlen für das Mädchen und dem Wissen, sie nicht lieben zu dürfen, weil er sie in Gefahr bringt. Bella wiederum, schüchtern und von Selbstzweifeln geplagt, ist sich sicher, längst nicht gut genug zu sein für diesen rätselhaften Traumjungen. Im Film hingegen ist Edward schlicht ein Opfer dumpfer Triebe, die er nur schwer im Griff behalten kann, und Bella rennt ihm ständig hinterher.
Der Roman verwendet viele Seiten auf die Annäherungen zwischen den beiden und Edwards immer neue Rückzüge, bis er ihr schließlich sagt: "Es ist besser, wenn wir nicht befreundet sind." Bella ist tief verletzt. Der Film-Edward sagt einen solchen Satz auch, und man sitzt im Kinosessel und denkt: Ja, ist wirklich besser so - so, wie ihr euch anzickt.
Einen spannenden Vampirthriller zu drehen ist offenbar einfacher, als eine atemberaubende, zurückhaltende Liebesgeschichte in Bilder zu übersetzen. Dennoch, Mädchen, geht ruhig ins Kino. Ihr werdet einen gut gemachten Film sehen, schöne Menschen und Landschaften, eine ungewöhnliche Geschichte. Einen aber werdet Ihr dort nicht finden: den Edward aus Euren Träumen. Den gibt es nur in Eurer Fantasie.
Nora Aust, Lea Daniels
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 03/2009