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20. August 2009, 17:32 Uhr

Das intime Gespräch der Top-Regisseure

Quentin Tarantino, Tom Tykwer,

Der deutsche Regisseur Tom Tykwer arbeitet mittlerweile auch in sehr vielen internationalen Produktionen© Peter Rigaud

Tom Tykwer: Du kannst gar nicht wissen, was du mit diesem Ensemble für den deutschen Film geleistet hast. Du bringst Schauspieler aus völlig verschiedenen Kontexten und Kreisen zusammen, Schauspieler, die vorher nie gemeinsam einen Film betreten haben. Die deutsche Filmszene hast du jetzt schon verändert, weil du Schauspieler dazu bringst, völlig neues Terrain zu betreten. Hier weiß zum Beispiel jeder, dass Christoph Waltz ein toller Schauspieler ist, aber dennoch war er auf einen gewissen Typ in seinen Rollen festgeschrieben. Bei dir erkundet er neues Terrain, er stößt an neue Grenzen, die er dann schließlich auch völlig furchtlos überschreitet.

Quentin Tarantino: Der einzige Unterschied, den ich noch hinzufügen möchte ist, dass Christoph, was ich gehört hatte, mehr ein TV-Schauspieler war, und deshalb nicht zuoberst auf der Liste stand. Beim Casting kamen zunächst lauter deutsche Entsprechungen zu Ben Kingsley herein, lasen für die Rolle, was sie auch gut machten. Sie nahmen das Drehbuch und improvisierten, spielten mit der Rolle herum. Aber Landa ist kein Typ, der improvisiert gespielt interessanter wird. Dann kam Christoph rein, ein Typ, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Er kommt rein - und er ist es einfach. Traut sich alles, beherrscht den Text, transformiert ihn.

Tom Tykwer: Die Besetzung deines Films mit all diesen Schauspielern war in Deutschland ein nicht ganz unspektakulärer Vorgang. Wie hat sich das denn eigentlich für dich angefühlt? Anders als sonst?

Quentin Tarantino: Ich sage das jetzt nicht nur, weil das ein Gespräch für ein deutsches Magazin ist: Ich könnte nicht beeindruckter sein über die männlichen Schauspieler in diesem Land. Sogar bei denen, die ich nicht besetzt habe, habe ich die Treffen und das Lesen genossen. Ihr habt ein gigantisches Reservoir an Schauspieltalent, Kopf an Kopf mit England oder Australien. Die haben mich so inspiriert, dass ich sie am liebsten in meinem ständigen Ensemble behalten möchte. Ich würde wahnsinnig gerne wieder mit Sylvester Groth zusammenarbeiten. Oder mit Daniel Brühl und August Diehl. Sofort. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie mein nächster Film aussehen wird. Sie hatten die professionelle Hingabe, die ich mir erhofft hatte, und die du in Amerika nicht immer bekommst.

Tom Tykwer: Waren die Deutschen nicht nervös wegen dir?

Quentin Tarantino:Ich weiß es nicht - wenn, dann war das eine andere Art von Nervosität. Mit August Diehl gab es eine sehr lustige Situation. Da gab es einen betagten Schauspieler, der seinen Job bei diesem Film verloren hatte, und jeder dachte bei den Proben: "Scheiße, wenn sie den loswerden können, können sie auch mich loswerden." Wir probten also die Gasthaus-Szene, und August Diehl sagte zu Eli Roth: "Mann, wir sind jetzt so nervös. Wenn wir es verkacken, sind wir raus. Keiner ist entspannt, wir sitzen alle auf dem heißen Stuhl. Aber weißt du was? Ich liebe das, ich will die ganze Zeit auf dem heißen Stuhl sitzen." Großartig! Die ganze Anspannung war also eher ein selbstgebauter Stimulator.

Tom Tykwer: Nehmen wir ihn als Beispiel. August agiert, wie viele andere der mittleren Rollen in deinem Film, mit großer Lust und Intensität. Er scheint fast so, als sei er in seinen bisherigen Filmen häufig unterfordert gewesen, als rufe man oft nicht all das von ihm ab, was er geben könnte. Hier habe ich den Eindruck, als sei der dadurch angestaute Druck wie ein Adrenalinschub in die Figur des Majors eingeschossen.

Quentin Tarantino: Was Aussehen und Intimität betrifft, würde ich August mit Christopher Walken vergleichen. Ich habe mit beiden gearbeitet und würde sagen, das geht sogar weit über die äußerliche Ähnlichkeit hinaus. August hat unglaubliche Dialogmengen in meinem Film, er beherrschte und verstand seinen Text in einer Weise, die selten ist. Walken will immer mehr. Er sagt dir: "Gib mir einen fünfseitigen Dialog", und er wird am Drehtag absolut jede Silbe kennen und verinnerlicht haben. Darin sind die beiden sich sehr ähnlich.

Tom Tykwer: Die Art und Weise, wie die Nazis in "Inglourious Basterds" porträtiert werden, ist ziemlich komplex. Als Zuschauer verliert man irgendwann beinahe den Überblick - wer sind "the Good, the Bad, the Ugly?"

Quentin Tarantino: Ich glaube, jeder ist jeder. Das ist eines der Themen dieses Films. Das Setting ist wie bei den Spaghetti-Western, sehr lustig, aber auch sehr gewalttätig mit dunklem, kaltschnäuzigem Humor. Es ist großartig, den Basterds zuzuschauen, es ist cool. Du kannst das eine Weile auf diese Art sehen. Aber dann taucht dieser deutsche Sergeant auf, dem gleich der Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert wird, und er besteht den Heldentest unter Feuer. Sein Stolz, sein Ernst und seine Würde verwirren uns. Und du fängst an zu zweifeln.

Bearbeitung: Jochen Siemens, Matthias Schmidt
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