
Große Kaliber: In den beiden "Men in Black"-Hits brachten Smith und Tommy Lee Jones zahlreichen Aliens Manieren bei© ZDF Telemünchen
Er wird wegen Zahlungsunfähigkeit aus seiner Wohnung geworfen und dann auch aus der Absteige, in der er sich mit seinem Sohn einquartiert hat. Bald reihen sich die beiden jeden Abend Hand in Hand in der Schlange vor einem Obdachlosenasyl ein. Wenn sie dort keinen Schlafplatz mehr abbekommen, verbringen sie die Nacht in U-Bahnen. In der schlimmsten aller Nächte hält Chris auf einem Bahnhofsklo den Kopf seines Jungen im Schoß und verdrückt eine einzelne, kostbar glitzernde Träne.
Doch während er nach Feierabend ins amerikanische Purgatorium (vulgo: Fegefeuer) hinabsteigt, zieht er tagsüber unter ahnungslosen, überwiegend weißen Konkurrenten sein Praktikum durch - nur dem Besten wird am Ende eine Stelle und damit die Aufstiegschance in die Welt der Vorstadtvillen, Golfclubs und Privatschulen angeboten, alle anderen gehen leer aus.
Aus Chris Gardners Geschichte wäre, ganz logisch, kein Hollywoodfilm geworden, wenn er am Ende nur Zweitbester gewesen wäre. Der echte Chris Gardner ist heute 52 und ein millionenschwerer Unternehmer, der sich Penthäuser in Chicago und New York leistet. "The Pursuit of Happyness" zelebriert die klassische amerikanische "Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst"-Ideologie des individuellen Wegs vom Underdog zum Gewinner. Der Titel ist ein Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776, die "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" als Grundrechte des Menschen benennt.
Wohlgemerkt: Nicht auf das Glück selbst hat der Mensch bei den amerikanischen Gründervätern ein Anrecht, sondern nur darauf, ihm nach Kräften nachzustellen. (Die falsche Orthografie übrigens - "Happyness" statt "Happiness" - übernimmt der Filmtitel von einem Graffito an der Mauer der ärmlichen Kindertagesstätte, in der Chris seinen Sohn untergebracht hat: Hier, so legt der Rechtschreibfehler nahe, wissen die Menschen nicht einmal, wie man Glück buchstabiert.)
Der liebevolle alleinerziehende Vater, der sich seinen amerikanischen Traum gegen alle Widerstände erkämpft, ist eine phänomenal dankbare Rolle - und wie gemacht für einen Star, der sich von seinem Image als unbekümmerter jugendlicher Dynamo befreien will, ehe er zu alt dafür wird. Will Smith füllt sie auch nicht schlechter aus, als andere das gekonnt hätten, und er macht zusätzliche Reifeprüfungspunkte dadurch, dass er seinen eigenen Sohn Jaden als Filmsprössling besetzt hat.
Sein Chris Gardner in "Happyness" hat den Charme, Mumm und Drive, den bislang alle Will-Smith-Figuren hatten, und der Film (Regie: Gabriele Muccino) lässt ihn das Glück ganz buchstäblich verfolgen, indem er ihn immer wieder atemlos durch die Straßen von San Francisco hetzt. Aber Chris umgibt auch ein Hauch von Erschöpfung und Traurigkeit. Man spürt die Kraft, die es ihn kostet, sich nach jeder Erniedrigung, jedem Rückschlag wieder aufzuraffen und nicht zu verzweifeln - und nur mit einem einzigen Fünf-Dollar-Schein in der Brieftasche den Part des erfolgsgewohnten Go-Getters durchzuhalten.
Für die "Golden Globes" ist Will Smith schon als bester Hauptdarsteller nominiert worden. Dass der glorifizierte Held seines Films ausgerechnet ein angehender Finanzhai ist, für den das Streben nach Glück aus dem Streben nach Geld besteht: Tja, das scheint weder für Smith noch für die amerikanischen Zuschauer ein Problem darzustellen. Smith bewundert Chris Gardner dafür, "was er alles ertragen hat, um einen vagen Traum von einem besseren Leben wahr werden zu lassen".
Und wenn er über Gardner redet, verrät sich plötzlich auch sein eigener, knallharter Ehrgeiz, der ihn - gut hinter seinem anscheinend so offenen Lachen versteckt - bis ganz nach oben in Hollywood getragen hat. Er ist für seinen eigenen Erfolg verantwortlich, er muss jeden Tag besser, tüchtiger und stärker werden, Versagen kommt nicht infrage. Wenn er anerkennen würde, dass es Rassismus in Hollywood gibt, dann spräche er diesem Rassismus eine Macht zu, die ihn lähmen würde. Also tut er einfach so, als gäbe es ihn gar nicht.
"Ich will Dinge geschehen lassen, die nach den gängigen Regeln eigentlich nicht geschehen können", sagt Will Smith, und diesmal wirkt sein Ernst nicht aufgesetzt. Und indem er es als Schwarzer zum derzeit größten Hollywoodstar gebracht hat, ist ihm das schon gelungen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 03/2007