
Filmszene: Jake Gyllenhaal und Robert Downey J. als besessene Killer-Jäger© Warner/DDP
Der Besessenste unter ihnen ist Robert Graysmith. 1968 war er 24 Jahre alt und politischer Cartoonist beim "Chronicle". Als die Leserbriefredakteurin das erste Bekennerschreiben des Zodiac auf den Konferenztisch legte, war der junge Mann fasziniert und empört zugleich: "Ich benutzte Symbole, um die Wirklichkeit zu verändern. Dieser Typ benutzte Symbole und Bilder, um Angst zu verbreiten." In grenzenloser Eitelkeit forderte Zodiac die Welt heraus: Seid ihr etwa zu dumm, mich zu fangen? Graysmith nahm die Herausforderung an. Er vergaß seine Künstlerträume und widmete all seinen Ehrgeiz der Aufklärung der Serienmorde. Zehn Jahre lang recherchierte er parallel zur Polizei und sammelte Fakten für sein packendes True Crime Book. Er opferte seine Freizeit, bekam Magenkrämpfe und verlor Gewicht. Seine Ehe zerbrach. Statt mit seinen Kindern Bilderbücher anzuschauen, zeigte er ihnen Beweisstücke aus dem Killer-Fall und ließ sie ihre Schlüsse ziehen. Er begab sich in Gefahr, beschattete seinen Hauptverdächtigen in einem orangefarbenen Golf und stieg mit bedrohlichen Freaks in modrige Keller hinab. Doch nicht nur sich selbst brachte er in Gefahr: Seine Freundin ließ er einen Verdächtigen umgarnen, um von ihm eine Handschriftenprobe zu bekommen.
Auf dem Zodiac scheint ein Fluch zu liegen: Wer in das Magnetfeld des Tierkreis- Mörders gerät, erliegt einer Entschlüsselungsobsession. Die gefährlichsten Waffen dieses Verbrechers waren nicht etwa seine Revolver oder Messer, sondern die Zeichenfluten, mit denen er seine Verfolger übergoss. Auf den Wahn des Psychopathen antworteten die Spurenleser mit einer Sammelwut, die ebenfalls irrsinnige Züge annahm. Besonders zwischen Graysmith und dem Killer finden sich erschreckende Ähnlichkeiten: so wahnhaft der Killer auf seine Opfer einstach, so besessen operierte Graysmith mit einem Cutter einzelne Wörter aus seinem 12.000- seitigen Sachbuchmanuskript und hob sie sorgfältig auf - man kann nie wissen, ob man ein Wort nicht doch noch gebrauchen kann.
Der Zodiac trieb sein Unwesen an der Schnittstelle zwischen Film und Wirklichkeit. Graysmith konnte nachweisen, dass der Killer sich von dem Horrorfilm "The Most Dangerous Game" (1932) inspirieren ließ. Dieser Urvater aller Menschenjagdfilme wurde von Regisseur Ernest B. Schoedsack in den Nachtpausen seiner Arbeiten an den Skull-Island-Szenen für "King Kong" (1933) gedreht, um das Filmset rentabler auszunutzen. So tauchte der Zodiac aus den Nachtseiten der amerikanischen Populärkultur auf. In einem seiner Bekennerschreiben zitierte der Killer den "Exorzisten" (1973). Der dritte Teil des "Exorzisten" (1990), in dem es um einen teuflischen Serienmörder geht, ließ sich dann seinerseits vom Zodiac inspirieren. Auch der erste "Dirty Harry"-Film (1971) orientierte sich am Zodiac - der Killer in diesem erzreaktionären Thriller ist eine diffamierende Hippie-Karikatur, die nur noch ihren Trieben folgt.
Solange dieser Fall nicht gelöst wird, wird es Zodiac-Filme geben. Sogar die Polizei nutzte das Kino in ihren Ermittlungen. Zur Promotion eines frühen Zodiac- Films wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben: "Erzählen Sie in weniger als 25 Worten, warum Zodiac tötet, und gewinnen Sie eine Kawasaki." Im Foyer eines Kinos wurde eine Box für die Antworten aufgestellt. In der kauerte ein Polizist mit Taschenlampe und prüfte die eingeworfenen Antworten auf Handschrift und verräterisches Insiderwissen. Bei Verdacht sollte er aus der Kiste springen und den Killer fassen.
So nährte sich der Zodiac vom Kino und ernährte es zugleich. Der Tierkreis- Killer setzte einen Bilderkreislauf in Gang, aus dem sich auch David Finchers neuester Film speist, der die Ermittlungen von Robert Graysmith erzählt. Fincher wuchs im Marin County auf und war sieben Jahre alt, als der Zodiac-Killer damit drohte, die Reifen eines Schulbusses zu zerschießen und die flüchtenden Kinder eines nach dem anderen zu ermorden. Als sein Vater ihm von den Drohungen erzählte, fragte der kleine David empört, warum er ihn dann nicht im Auto zur Schule bringe. Wieder ein Zodiac-Trauma! Für Fincher war der Serienkiller mit seiner schwarzen Henkerskapuze die Inkarnation des Buhmannes schlechthin. Und so ist auch der Filmemacher der Sammelwut im Zeichen des Tierkreises erlegen. Monatelang hat er recherchiert, um den Unmengen von schon abgespeicherten Beweisen und Indizien noch seine eigenen hinzuzufügen. Er hat einen forensischen Linguisten eingestellt und einen entscheidenden Augenzeugen eines Zodiac-Mordes wieder ausfindig gemacht: Mike Mageau musste mit ansehen, wie seine Geliebte erschossen wurde, und pendelt heute zwischen Obdachlosigkeit und Knast.
Zodiac, Graysmith und Fincher: die Geschichte dreier Maniacs! Fincher legte beim Filmen dieselbe Obsession an den Tag wie Graysmith beim Schreiben und der Zodiac beim Morden: Mehr als 70 Shots verlangte Fincher von seinen Schauspielern für manche Szenen. Die Nachrichtenzentrale des "San Francisco Chronicle" ließ er komplett rekonstruieren. Graysmith war beeindruckt: "Alles funktionierte - alte Telefone, Trinkfontänen, Aufzüge und die Rohrpost. Wer hätte schon nach all den Jahren gemerkt, wenn irgendeines dieser Details falsch gewesen wäre? Nun, David Fincher hätte es gemerkt." So ist auch Fincher vom Zeichenstrudel des Tierkreis-Mörders mitgerissen worden. Seinen Film hat er mit brandneuer Digitaltechnik gedreht. Es scheint, als wäre hier extra ein Medium für die unmäßige Materialschwemme des Zodiac-Falles erfunden worden: unbegrenzter Speicherplatz für die Indizienflut.
Die größte Überraschung dieses Zodiac- Films: Der Rausch der harten Fakten hat selbst einen so verspielten Manieristen und Ex-Special-Effects-Profi wie Fincher gezähmt. Nüchtern fügt er Indiz an Indiz. Der Meister des doppelbödigen Erzählens hat sich all jene dramaturgischen Volten versagt, die er in "Fight Club" (1999) noch auskostete: Was zum Beispiel, wenn Robert Graysmith selbst der Zodiac wäre? Solche gewitzten Coups interessieren Fincher heute nicht mehr. Jetzt sind die Fakten schwindelerregend, nicht die Effekte.
Geht man davon aus, dass jedes Verbrechen ein Zerrspiegel der Wirklichkeit ist, die es hervorbringt, lässt sich der Zodiac als grotesker Auswuchs einer Gesellschaft deuten, die von jedem Einzelnen maximale PR-Leistung verlangt. Wird von jedem erwartet, sich auf Teufel komm raus selbst zu promoten, muss man sich nicht wundern, wenn irgendwann der Teufel persönlich herauskommt. Der Zodiac ist der Killer als PR-Stratege: einprägsames Logo, theatralische Auftritte, maximaler medialer Geltungsdrang. In einem seiner verschlüsselten Briefe schrieb der Medienprofikiller: "Ich warte auf einen guten Film über mich." Wenn dieser eitelste aller Mörder noch lebt, wird er sich den neuen Fincher nicht entgehen lassen. Hoffen wir, dass es nicht der schwer atmende Mann hinter uns ist.