Die katholische Kirche rief ihre Schäfchen umgehend zum Boykott des Thrillers auf - eine bessere Publicity ließ sich kaum denken. Einige Autoren klagten vor Gericht, Brown habe teilweise wörtlich aus ihren Büchern zitiert und abgeschrieben. Diese Behauptungen ließen sich nicht halten. Das "Sakrileg" blieb unantastbar, und das Magazin Forbes errechnete, dass das Gesamtgeschäft inklusive Verfilmung, Video, DVD, Audiobooks, Taschenbüchern und den Einnahmen aus dem nächsten Buch in etwa eine Milliarde US-Dollar abwerfen wird.
"Das haut mich um und macht mir fast ein bisschen Angst", sagt Dan Brown über den Erfolg von "Sakrileg". "Ich habe sehr hart an diesem Roman gearbeitet und gehofft, dass er den Lesern gefallen wird, aber mir nicht vorstellen können, dass er ein so breites Publikum findet." Intuition oder cleveres Marketing? Der amerikanische Verlag "Doubleday" war von Browns "Sakrileg" so überzeugt, dass er schon vor Erscheinen des Buches ganzseitige Anzeigen schaltete und einen Internet-Wettbewerb organisierte. Der Thriller startete im März 2003 mit der enormen Erstauflage von 215.000 Hardcovern. In den ersten zwei Tagen gingen angeblich so viele Exemplare über den Ladentisch, wie bis dato von Dan Browns ersten drei Büchern zusammen verkauft worden waren. Die Mischung aus Fakt und Fiction, Mystik und Krimi traf mitten hinein ins Leserherz.
Marco Schneiders, Programmleiter bei Browns deutschem Verlag Lübbe, erklärt sich die Faszination der Bücher mit der Machart, der "genialen Verwendung von Cliffhangern", und "einer geschickten Mischung aus Thriller und religionsgeschichtlichem Hintergrund". Zum anderen findet Schneiders, haben "die meisten Leser den Eindruck, sie wären nach der Lektüre schlauer. Da wird nicht die Bildungskeule geschwungen, sondern einfach spannend erzählt".
Dass vieles in Dan Browns Schmökern nicht den historischen Tatsachen entspricht, dass es, anders als im Buch beschrieben, in der katholischen Kirche niemals Zweifel an der Göttlichkeit Jesu gegeben hat und dass nichts in Leonardos Schriften auf einen heimlichen Magdalenenkult hindeutet, bringt allenfalls Kirchengeschichtler und Kunsthistoriker auf den Plan. Dan Brown selbst bekennt: "Ich begann die Recherche zum 'Da Vinci Code' als Skeptiker. Ich erwartete, die Theorie (von Christus Frau und Kind) zu widerlegen. Und nach einigen Reisen nach Europa und über zwei Jahre Recherche, wurde ich zum Gläubigen." Nichts in seinen Schriften sei antichristlich, betont der Autor. Wichtig sei doch, dass man über diese Theorien diskutiere. "Und das ist gut für die Religion."
Browns Jünger treffen sich einstweilen nicht in der Kirche, sondern in den Chatforen des Internets und Diskutieren über den wahren Heiligen Gral, den neuen Fodors-Reiseführer zu den "Sakrileg"-Schauplätzen, und stimmen ab, ob nicht doch George Clooney der bessere Robert Langdon als Tom Hanks gewesen wäre. Auch über Dan Browns nächstes Buch, das angeblich "The Solomon Key" heißen soll, wird eifrig spekuliert. Der Mythos hat sich längst selbständig gemacht und benötigt weder den Menschen noch den Meister Dan Brown. Der heiß erwartete Thriller, in dem es um Freimaurerlogen in Amerika gehen soll, ist noch nicht einmal geschrieben, da liest man schon die ersten Rezensionen (!).
Natürlich wird es ein Buch zum Film geben und ein neues, erweitertes Hörbuch. Es erscheint außerdem eine unautorisierte Biografie unter dem verheißungsvollen Titel: "Dan Brown. Der Mann hinter dem Da Vinci Code". Tausende Fans besuchen schon jetzt Kurse und lesen Enthüllungsbücher über den Wahrheitsgehalt des "Da Vinci Code". Sie reisen auf den Spuren der Thriller nach Paris und London und fragen vor Leonardos Mona Lisa im Louvre verdutzte Museumswärter, ob denn "hier im Saal Direktor Saunière ermordet wurde". Demnächst wird es Robert Langdon als Telespiel und Plastikfigur, als Comic-Held und Schlafanzugaufdruck geben. Die "Danbrownisierung" der Welt ist nicht mehr aufzuhalten.
Der Meister schweigt dazu und schreibt - allein in seinem Dichterloft im Süden Neuenglands. Die wenigen Porträtaufnahmen aus seinem Haus in New Hampshire zeigen einen jungenhaften Hochschullehrer vor allerlei Drachenköpfen, gekreuzten Schwertern und schmiedeeisernen Kamingittern. Jason Kaufman, sein langjähriger amerikanischer Verleger und Freund bescheinigt ihm, er sei, trotz des Ruhms, ganz der alte geblieben. "Er ist sich sehr bewusst über sein Leben", auch wenn es für ihn schwieriger geworden sei, hinaus auf die Straße zu gehen.
Das dürfte leicht untertrieben sein, denn Dan Brown joggt schon lange nicht mehr durch seinen luxuriösen Vorort. Und seit er nicht mehr unerkannt ins Flugzeug stiegen kann, bevorzugt er seinen Privatjet. "Ich habe keine Ahnung, wie wirkliche Berühmtheiten ihren Ruhm managen. Ich bin nur ein Junge, der ein Buch geschrieben hat", sagte er, betont bescheiden. Vielleicht ist das ja auch schon das ganze Geheimnis des Herrn Brown.