Baring: Ich habe Knopp immer verteidigt. Der hat eine Menge Positives getan. Aber diese Phase ist vorbei. Heute wollen wir das Innere verstehen, das leistet Knopp nicht. Sie glauben nicht, dass sich viele einfach bloß an der Katastrophe ergötzen?
Sperl: So kann man das nicht sagen. Erst durch die Emotionalisierung von Geschichte gelangt man an die verschütteten Ängste. Ich habe mit vielen Therapeuten gesprochen. Bei ihnen sitzt heute die Generation der Enkel. Was die Kriegsgeneration verdrängt hat, weil sie sich erst um den Wiederaufbau gekümmert hat, kommt jetzt hoch. Bei ihnen selbst, bei ihren Kindern und Kindeskindern, mit denen sie oft nicht einmal über ihre Kriegserfahrungen gesprochen haben.
Baring: Das ist ein immenses Thema. Meine Familie hat immer gesagt, dass viele meiner Macken sicher damit zu tun haben, dass ich den Untergang Dresdens in den Bombennächten miterlebt habe. Ich war dann bei einem Therapeuten und habe eine Familienaufstellung gemacht. Das hat mich befreit. Die Traumatisierung hat sich gelöst.
Uhl: Dass Sie Familienaufstellung ansprechen, berührt mich sehr. Ich habe selbst diese Erfahrung gemacht und bei vielen Aufstellungen zugeschaut. Ich habe es nicht für möglich gehalten, welche Rolle Vorgänge im Leben der Vorfahren in unserer eigenen Persönlichkeit spielen. Welche Lasten durch die Schuld der Vergangenheit wir heute noch tragen. Da sind Traumata, die bei Kindern und Kindeskindern weiterwirken. Oft unbewusst.
Sperl: Es ist vieles unter der Decke. Wir haben nach "Die Flucht" ganze Ordner voller Briefe bekommen, wo Frauen, die vergewaltigt worden sind, plötzlich mit ihren Erfahrungen herausbrechen. Durch den Film haben sich die Erinnerungsblockaden gelöst, nun geht es auf einmal, weil man zusammen vor dem Fernseher sitzt und das als Darstellung sieht.
Baring: Man schätzt, dass es zwei Millionen Vergewaltigungen gab, das war vermutlich die größte Massenschändung und Demütigung von Frauen der Weltgeschichte. Das hat eine derart große Wirkung bis heute, nicht bloß bei den Frauen selbst, sondern auch bei deren Kindern, die die Traumatisierung schon im Mutterleib mitbekommen haben. Das wird übertragen. Wir werden noch auf viele Dinge diesbezüglich stoßen. Wir kommen immer mehr drauf, dass Kinder von Müttern, die zuvor abgetrieben haben, vor diesen Angst haben, weil sie spüren: Die kann morden, hat mein Geschwister umgebracht. Das ist eine Katastrophe für die Seele. So übertragen sich auch andere Dinge.
Baring: Nicht nur. Aber auch. Jede Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem, was war, hilft. Das seelische Hineinfühlen führt meines Erachtens sogar dazu, dass das Land selbst langsam heilt und zu einem gelasseneren, menschenfreundlichen Verhältnis zu sich selbst findet.
Uhl: Wenn wir über den Sinn und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Geschichte reden, dann würde diese Studie das wunderbar unterstreichen.
Aust: Ich glaube, dass die DDR noch einmal ein anderes Thema ist. Wir leben in einer Zeit großer politischer Korrektheit. Das bedeutet: eines großen linken politischen Bewusstseins. Das ist erheblich dadurch geprägt worden, dass die über die PDS zur Linken gewandelte SED die deutsche Politik erheblich beeinflusst und alles in eine bestimmte Richtung drängt. Man kann die DDR natürlich nicht mit dem Dritten Reich vergleichen - um wiederum politisch korrekt zu sein. Aber genauso wie nach der Katastrophe des Nationalsozialismus kann man nach der Semikatastrophe der DDR das Land nicht auf einer grünen Wiese neu aufbauen. Wie der Kommentator der NS-Rassengesetze Hans Globke als Staatssekretär in die Regierung Adenauer eingetreten ist, so ist der Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi "IM-Sekretär" alias Manfred Stolpe sogar Ministerpräsident und Bundesminister geworden. Natürlich war es richtig, die Leute des alten Regimes zu sozialisieren, und da hat die PDS eine segensreiche Funktion gehabt, weil sie sie in die Demokratie geführt hat. Aber wie das nun weitergeht, hat eine fatale Wirkung auf das politische Koordinatensystem des Landes.
Baring: Und wie nach dem Krieg wird auch hier viel beschwiegen.
Uhl:...zum Beispiel, dass sich leider auch einige Machthaber auf kleinerer Ebene manchmal gern und erfolgreich mit den alten vereinen.
Sperl: Ich habe versucht, Opfer des DDR-Regimes zu ermutigen, ihre Geschichten zu schreiben, und bin fast immer auf Schweigen gestoßen. Was Sie, Herr Aust, anfangs über die RAF gesagt haben, muss auch mit der DDR erst passieren, sie muss Geschichte werden. Es wurden erfolgreiche Filme über die DDR gedreht wie Leander Haußmanns "Sonnenallee" oder Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!", aber das ist wie Pop-Art. Wirklich ernsthafte Filme gibt es da noch nicht.
Aust: Es gibt "Das Leben der Anderen".
Sperl: Das war ein zarter Anfang und auch Jahre später. Florian Henckel von Donnersmarck musste dafür im Osten viel Kritik einstecken.
Aust: Ganz sicher.
Baring: Dass die SED-Nachfolger drauf und dran sind, die BRD mitzuregieren, ist für mich dramatisch und unglaublich.
Aust: Nach der ersten und letzten freien Wahl der DDR dachte ich, dass wir einen gewaltigen Linksruck erleben würden. Aber der kam nicht, stattdessen eine konservative Wende. Aber zwei Millionen SED-Mitglieder verschwinden nicht so einfach aus der politischen Landschaft. Die wählen vielleicht mal Bundeskanzler Helmut Kohl. Aber dann kommen sie zurück, mit dem, wie sie sozialisiert wurden.
Baring: Hinzu kommen linke Spinner aus dem Westen, plus der gefährliche Faktor Lafontaine.
Aust: ...der natürlich merkt, dass er auf einer großen Welle schwimmt.
Aust: Ich glaube, dass sich die wirklich großen, bleibenden Themen der Gegenwart um die Globalisierung drehen und auch nachträglich als solche eingestuft werden.
Uhl:Die Geschichte der letzten 100 Jahre bietet Filmstoffe für die kommenden 100. Ich würde mich persönlich auch freuen, die DDR darin wiederzufinden. Ob aus der Sicht von Frau Dr. Merkel oder zum Beispiel der Sicht der von der Staatssicherheit verfolgten, zerstörten, mundtot gemachten wahren Eliten der DDR - da bin ich offen. Aber ich kann mir vorstellen, dass die unterschiedlichen Kulturen, die Rolle der islamischen Welt, ein Thema sein wird, das für unsere Gegenwart als prägend angesehen wird. Und welche Lehren wir aus der Vergangenheit gezogen haben, um das alles zu meistern.
Moderation: David Baum
Arnulf Baring Ist einer der bekanntesten Historiker Deutschlands. Der 1932 geborene Sohn einer Bankiersfamilie erlebte 1945 die Zerstörung Dresdens. 1969 übernahm er den Lehrstuhl für Politologie an der FU Berlin und geriet als sozialliberaler Geist zum Feindbild der Studentenrevolte. Weil er FDP-Kandidat Genscher unterstützte, wurde er 1983 aus der SPD ausgeschlossen. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!" und "Scheitert Deutschland?"