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29. April 2003, 16:19 Uhr

Die Hindus von Hamm

Mit wildem Tanz in tiefe Trance

Die Vögedings halfen auf dem Standesamt, sie als Trauzeugin. Bei der Hochzeit von Paskaran und seiner Frau, im Dezember vor sieben Jahren, standen Weihnachtsbäume neben dem Tisch. Angelika Vögeding half schließlich maßgeblich, den neuen Tempel zu bauen, als die Wäscherei zu klein wurde und die Prozession so groß wie der Protest der Anwohner. Sri Paskaran, Freund und Priester, bat sie eines Tages: »Suche du mir bitte einen Architekten aus.« Sie antwortete: »Ich kenne keinen.« Also blätterten sie im Telefonbuch von Hamm, und Angelika Vögeding schloss die Augen, und ihr Finger fuhr über die Gelben Seiten der Architekten von Hamm und stoppte bei »E« wie Eichhorst, Heinz-Rainer, den sie anrief und fragte »Können Sie auch Tempel bauen?«

Sri Paskaran befragte noch die Götter, und auch die Götter sagten »Ja« zum Architekten Eichhorst und irrten nicht. Irgendwann, vielleicht schon in einem Jahr mit etwas Glück und noch etwas mehr Geld, kann der Architekt »Tempelbau« auf die Visitenkarten drucken lassen. Er reiste mit dem Priester 18 Tage durch Südindien, informierte sich über kleine Tempel und große Tempel, über die Bedeutung der magischen Zahl 9 und ließ sich wahrsagen, dass er 81 Jahre alt wird. Quersumme 9. Jetzt glaubt er dran, irgendwie.

»Das sind Künstler«

Eichhorst baute zunächst den kleinen Tempel neben Paskarans Backstein-Wohnhaus und nun den großen, finanziert durch Spenden und Darlehen. Mit Fußbodenheizung, Öllager und Küche. Der Architekt hat noch kein Honorar gefordert, denn wenn er das täte, liefe erst mal gar nichts mehr. Er steht vor dem Tempel, besieht sein Werk, schaut hinauf zum großen Turm über dem Eingangsportal, dem Gopuram, und schwärmt von den südindischen Arbeitern, die Ornamente auftragen und wenigstens zwölf Stunden am Tag malochen, »und das sind keine Arbeiter, das sind Künstler«.

Er sieht dann Paskaran, wie der die Baustelle inspiziert, und schwärmt schon wieder. Von diesem »kleinen Mann mit der großen Kraft«, dem vor Jahren nachts die Göttin erschien, »in Weiß gekleidet, mit offenem Haar und vollbusig«. Da wusste Paskaran: Es wird Zeit, einen würdigen Ort für die Götter zu finden. In Hamm. Es gibt offenbar keinen besseren Platz für die Götter als Hamm-Uentrop. Mit der Autobahn 2 ums Eck und dem Datteln-Hamm-Kanal. Den sie nutzen zur rituellen Waschung, exakt unter der Autobahnbrücke, weshalb die Lobpreisungen für die Göttin Kamadchi eine Terz lauter ausfallen müssen als sonst, weil die rasenden Autos oben ein - zadong, zadong, zadong - sehr weltliches Lautmuster über die Zeremonie legen.

Paskaran müsste müde sein. Zwei Wochen Tempelfest, zum Abschluss der große Umzug, 15.000 Menschen. Der Cousin Gopal ist eigens aus Paris gekommen. Er hat sich Urlaub genommen vom Job als Sandwichverkäufer neben dem Kentucky Fried Chicken am Centre Pompidou und bindet im Keller von Sri Paskarans Häuschen Blumen, Tausende Blumen, zu Kränzen. 10 bis 15 täglich, 14 lange Tage, maximal vier Stunden Schlaf. Früh morgens die erste Puja, Andacht, im Tempel nebenan.

 
 
 
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