
Ein deutscher Armee-Bus transportiert die palästinensischen Terroristen und ihre israelischen Geiseln zu dem wartenden Hubschrauber© Bettmann/Corbis
Das war die augenfällige, militärische Reaktion. Was im Geheimen den Ereignissen in Deutschland folgte, schreibt der Journalist Aaron J. Klein in seinem jüngst erschienenen Buch "Striking back", war die "München-Revolution". Klein scheint gut informiert zu sein, kein Wunder: Der Israeli ist pikanterweise nicht nur Korrespondent des US-Magazins "Time" in Jerusalem, sondern auch Kapitän im Geheimdienst der israelischen Armee. Leider kam sein Buch zu spät für Spielberg, hätte der es gekannt, wäre uns viel hollywoodianischer Humbug erspart geblieben. Denn in Kleins Buch wird die Geschichte des israelischen Rachefeldzugs zum ersten Mal glaubwürdig dargestellt.
Oppositionsführer Menachem Begin wetterte damals in der Knesset: "Wir müssen diese Verbrecher und Mörder vom Angesicht der Erde vertreiben. Wenn wir dafür eine Spezialeinheit brauchen, dann ist nun die Zeit, sie aufzubauen." Er wusste nicht, dass eine Elitetruppe namens "Caesarea" schon im Aufbau war. Zusammen mit ihren Geheimdienstgenerälen Zwi Zamir vom Mossad und Aharon Yariv vom Militärischen Geheimdienst hatten Golda Meir und ihr Verteidigungsminister Moshe Dayan unmittelbar nach dem Anschlag beschlossen, dass die drei überlebenden Attentäter und ebenso diejenigen, die den Anschlag geplant hatten, umgebracht werden sollten. Eine Todesliste mit 35 Namen wurde aufgestellt, ein streng geheimes "Komitee X" musste jeden Mord sanktionieren.
Den ersten Palästinenser liquidierte der Mossad schon sechs Wochen nach dem Massaker in Rom, der letzte Mord in der Serie geschah erst 20 Jahre später im Juni 1992. PLO-Geheimdienstchef Atef Bseiso kehrte gerade von einem Treffen mit dem deutschen Verfassungsschutz in Berlin zurück, als er in Paris mit drei Schüssen in den Kopf getötet wurde.
Die meisten Fälle waren intern höchst umstritten - darf ein Rechtsstaat das? Es war das erste Mal in der israelischen Geschichte, dass nicht nur der Tod eines einzelnen Terroristen verfügt wurde, sondern die "systematische Eliminierung von Dutzenden von Leuten", wie die israelische Zeitung "Haaretz" schrieb. Jedes "hit team" bestand aus vier verschiedenen Grüppchen, die nach dem hebräischen Alphabet benannt wurden: "Aleph", das waren die beiden Killer, sie trugen keine Namen, sie hießen "Nummer 1" und "Nummer 2". "Beth" waren ihre Helfer, die den Fluchtwagen chauffieren, im Notfall auch mit schießen mussten. "Heth" bestand meist aus einem weiblichen und einem männlichen Agenten, die als Paar auftraten, um leichter Wohnungen und Autos mieten zu können. "Ayin" war aus sechs bis acht Personen gebildet, die das Opfer auskundschaften und einen guten Zeitpunkt für den "hit" finden sollten, sie mussten auch alternative Fluchtwege organisieren.
Ihr oberster Chef war der Mossad-Offizier Michael ("Mike") Harari, eine - selbst für Mossad-Maßstäbe - schillernde und kaltblütige Figur. Er sah aus wie Humphrey Bogart, war starker Raucher und einfach nie zu fassen. Ab Mitte der 70er Jahre versorgte er die Rebellen im Südsudan mit Waffen, mischte im angolanischen Krieg mit und wurde danach ein enger Berater des Kokainhändlers und Panama-Präsidenten General Noriega. Heute soll er hochbetagt als Rentner in Tel Aviv leben.
Das erste Opfer der "Caesarea" war Wael Zwaiter, ein 38-jähriger Dichter, der "1001 Nacht" ins Italienische übersetzt hatte. Er wohnte seit 16 Jahren in einer bescheidenen Wohnung an der Piazza Annibaliano im Norden von Rom und war so chronisch knapp bei Kasse, dass die Post ihm das Telefon abgestellt hatte. Ein Team von 15 Mossad-Agenten hatte den schmalen Schöngeist, der bei der libyschen Botschaft in Rom als Übersetzer arbeitete, zwei Wochen lang beschattet und seine Gewohnheiten ausspioniert. An jenem Abend kehrte er von einem Abendessen mit seiner australischen Freundin Janet zurück. Im Hausflur streckten ihn zwei Agenten mit zwölf Schüssen in Kopf und Brust nieder und flohen unerkannt in einem Fiat 125 zum Flughafen. Zur internationalen "Premiere" der "Caesarea"-Einheit war nicht nur Chef Mike Harari extra aus Tel Aviv angereist, sogar Mossad-General Zwi Zamir schaute aus der Nähe zu.
Der israelische Geheimdienst war überzeugt, dass Zwaiter ein Doppelleben geführt und sich nur zur Tarnung gegen Gewalt ausgesprochen hatte; in Wahrheit sei er der Chef des "Schwarzen September" in Rom gewesen. Die PLO bestritt das immer - wer aber glaubt schon einer Organisation, die grundsätzlich jeden Gewaltakt bestritt? Sie hatte ausnahmsweise Recht, schreibt Klein jetzt in seinem Buch: "Er (Zwaiter, d. Red.) war nicht direkt in das Münchner Massaker involviert. Es scheint auch unwahrscheinlich, dass er indirekt mitmischte... er war höchstens ein kleiner Fisch in einem Teich voller Haie. Zurückblickend war seine Ermordung ein Fehler."
Kleins Urteil über die nun folgenden Aktionen fällt nicht viel gnädiger aus. Der Mossad, schreibt er, gab sich mit dem Töten von Randfiguren zufrieden. Es genügte, jemanden als "höheren Vertreter des 'Schwarzen September' zu bezeichnen, und schon war sein Todesurteil gesprochen. Hinterher hat niemand nachgefragt, denn "wenn jemand tot aufgefunden wurde, musste er auch schuldig sein". Wie der elegante Jurist Basil al-Kubaissi, der gerade das Café de la Paix in Paris verließ, als zwei Killer die Schalldämpfer auf ihre Berettas schraubten und ihn mit neun Schüssen niederstreckten. "Nein, tut das nicht!", schrie Kubaissi noch, dann sank er aufs Trottoir. Er war wohl in viele finstere Geschäfte verwickelt, mit dem "Schwarzen September" oder München aber hatte er nichts zu tun. Die Unfehlbarkeit des Mossad wurde nicht einmal von den Palästinensern selbst bezweifelt. Es musste ja stimmen, wenn der Mossad "sich die Mühe machte", Hunderte von Kilometern zu reisen, um jemanden umzubringen.
Wahrscheinlich war auch der Historiker Mahmoud Hamshari kein großes Licht der PLO. Er lebte, wie es sich für einen anständigen Pariser gehört, mit Frau und Tochter in einem gutbürgerlichen Haus in der Rue d'Alésia. Und wenn die Frau aus dem Haus war, traf er seine Geliebte. Eine Spezialeinheit des Mossad baute ihm eine kleine Bombe ins Telefon, die am 8. Dezember 1972 morgens um viertel vor neun explodierte. Sie war ein wenig zu schwach, denn es dauerte drei Wochen, bis Hamshari in einem Pariser Krankenhaus starb.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 2/2006