Der Tempelraum sieht ein bisschen aus wie eine Umkleidekabine im Hallenbad. Gefliest mit weißen Kacheln, die Wände hellblau, an ihnen Bildnisse der Götter, am linken Ende der Fliesenschrein mit der Göttinnenstatue Kamadchis, verschließbar durch eine Schiebetür. Der Geruch von Kampfer hängt in der Luft, Öllampen brennen, ein Trommler sitzt auf den Fliesen und schlägt die Tavil, und wenn der Trommler aus dem großen Iso-Fenster guckt, sieht er die Palettentürme der Firma Ytong, Bausteine. Dahinter steigt weißer Rauch aus den Schloten des Schlachthofs Westfleisch. Sri Kamadchi Ampal, die Göttin mit den liebevollen Augen, muss sie gelegentlich zudrücken.
Nachmittags um vier die zweite Puja. Um fünf Umzug ins provisorische Zelt neben dem Tempelneubau. Um sechs die Prozession, mit der Göttin auf blumengeschmückter Lade, ein Polizeiwagen vorneweg: die Siegenbeckstraße hinauf, vorbei am Bauunternehmen von Michael und Uwe Adamski. An der Kranstraße rechts, Maschinenstahlbau Wilhelm Michel zur Rechten, der Schlachthof Westfleisch zur Linken. Sodann Ytong, Bausteine. Am Stoppschild rechts ab in die Zollstraße. Links liegt das Restaurant »Zum Goldenen Anker«, Bundeskegelbahn, westfälischer luftgetrockneter Knochenschinken auf Graubrot, Spiegelei, 13 Mark. Dann wieder rechts hinein in die Siegenbeckstraße. Wo nun ein Nachbar in der Tür steht - Friedrich Wilhelm Wickord, Fleischereibedarf.
Herr Wickord mag die Hindus von nebenan, »so freundlich«. »Und mutig«, wie er sagt. »So 'ne Moschee hierher setzen, mitten ins Gewerbegebiet, wat 'ne Minderheit nicht alles auf die Beine kriegt.« An Herrn Wickords Bürowand klebt ein Werbeplakat: »Kerner, der Bolzenschussapparat. Weltbekannt! Geräuschlos! Gefahrlos! Zuverlässig!« Nun fotografiert er erst mal die Prozession, »so friedlich, richtig schön«. Seine Lebensgefährtin sagt: »Hör mal, das ist keine Moschee, das ist ein Tempel.« Herr Wickord sagt: »Sag ich doch, Tempel.«
Die Hindus von Hamm leben am Rande von Hamm, am Rande des Ruhrgebiets. Uentrop war mal bekannt, einschlägig. Dort stand der Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) mit dem riesigen silbernen Kühlturm von 181 Meter Höhe. Aber die umstrittene Atomtechnologie setzte sich nicht durch, und den Kühlturm sprengten sie vor Jahren bereits in die Luft. In einer Festschrift des Stadtbezirks Uentrop zum 775-jährigen Bestehen der Stadt Hamm heißt es, der Turm sei ein »ästhetisches Wunderwerk der Technik« gewesen.
Es gab Proteste gegen die Hindus und ihren Umzug vor vier Jahren nach Uentrop. Unwissenheit schäumte auf Bürgerversammlungen zu dumpfem Protest. Einige sagten: »Unwürdig, so ein Ort für eine Religionsgemeinschaft.« Andere sagten: »Was wollen die hier?« Wieder andere befürchteten ein Chaos durchs große Fest. Parkplatznot, zugeschissene Gärten, dies und das. Die Leute verstanden nicht viel von den Hindus. Wahrscheinlich verstehen sie immer noch nicht viel von ihnen. Aber immerhin, heute sind die Ressentiments von gestern, und zwei neue Türme, ästhetische Wunderwerke, ragen auf dem Hindu-Tempel, und die Honoratioren der Stadt erscheinen selbstverständlich zum großen Fest. Der Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann sagt: »Es ist ein Signal für die Weltoffenheit unserer Stadt.« Auch Hunsteger-Petermann hat gezweifelt, damals. Uentrop? Er spricht inzwischen von »friedlichem Nebeneinander« der Kulturen.
Paskaran hat nie gezweifelt.
Er hatte und hat keine Zeit für Zweifel. Das Tempelfest geht auf den Höhepunkt zu, vier Stunden Schlaf, 15 000 Menschen auf den Straßen. Ein Markt aus Buden und Ständen entsteht auf einer Wiese nebenan: Gewürze, Saris, Telefonkarten, Popcorn, Gandhi-Kitschfiguren zu 22 Mark. Eine Radiostation, IBC aus London, überträgt für die Tamilen in aller Welt. Im Innenhof des kleinen Tempels lassen sich Männer Spieße, Gott Murugans Speer, durch die Wangen treiben und durchs Rückenfleisch Widerhaken, daran Seile gebunden. Sie werden tanzen, gezogen wie Marionetten, in Trance, mit einem blumen- und federngeschmückten Halbbogen auf den Schultern und vor dem Wagen der Göttin. Sie werden leiden. Und danach lächeln.
Jathavan wird nicht leiden. Er geht in diesem Jahr hinter den 24 rollenden Männern ganz am Ende der Prozession, die sich wälzt durch Uentrop. Und vor Westfleisch prasselt ein Hagelschauer auf die Büßer.
Michael Streck / Fotos: Brigitte Kraemer