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26. Januar 2006, 11:29 Uhr

Die Spiele, der Terror und Israels Rache

Der deutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher (3. v.l.) verhandelt mit einem Geiselnehmer (r.)© Bettmann/Corbis

Die PLO bekam es mit der Angst zu tun, denn auch in Nikosia auf Zypern und in Athen wurden ihre Leute umgebracht. Der Schrecken steigerte sich zur Panik, als eine 16-köpfige "Caesarea"-Einheit am 9. April 1973 mit Schlauchbooten in Beirut landete, mit bereitgestellten Leihwagen zu den Wohnungen von drei hohen PLO-Männern fuhr und diese kurz nach Mitternacht erschoss. Mit dabei war Ehud Barak, der spätere israelische Ministerpräsident. Er hatte sich als Frau verkleidet, trug eine blonde Perücke und im BH eine Ladung Sprengstoff.

Der Dreifachschlag von Beirut, der den Codenamen "Jugendfrühling" trug und bei dem kein Israeli sein Leben ließ, steigerte den Ruf des Mossad ins Unermessliche. Wenn er so tief ins Feindesland vordringen und seine Gegner in ihren Betten erledigen konnte, war niemand mehr vor ihm sicher.

Terroristische Anschläge gingen in Europa zurück

Die israelische Öffentlichkeit war entzückt: Das war die Rache für München, von der man geträumt hatte; überdies gingen die terroristischen Anschläge der Palästinenser in Europa drastisch zurück. Doch auf den größten Triumph folgte umgehend die schwerste Niederlage: Im norwegischen Lillehammer erwischte der Mossad den Falschen. Der Kellner Ahmed Bouchiki, den der Mossad mit Arafats Kronprinz Ali Hassan Salameh verwechselt hatte, war wirklich unschuldig. Der Marokkaner kam am 21. Juli 1973 abends mit seiner schwangeren norwegischen Frau aus dem Kino, als er mit Schüssen niedergestreckt wurde.

Es war die größte Schlappe für den Mossad: Sechs Agenten wurden verhaftet (Harari entkam) und im Februar 1974 in Oslo zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Schlimmer noch war, dass im Gerichtsverfahren die Mossad-Methoden vor aller Welt bloßgestellt wurden. Trotzdem leugnete Israel 22 Jahre lang jede Verantwortung, erst Ministerpräsident Peres bot der Familie des Opfers 1996 eine Entschädigung von 400.000 Dollar an, so Klein.

Ali Hassan Salameh, eigentliches Ziel der Aktion, hatte nicht nur versucht, Golda Meir zu ermorden, die Israelis glaubten, er sei auch einer der Drahtzieher des Münchner Massakers gewesen. Das stimmt nicht, schreibt nun Klein. Fest steht, dass der "rote Prinz" vier andere Anschläge in Europa und Asien zu verantworten hat, darunter jenen in Köln 1972, bei dem fünf junge Palästinenser ermordet wurden, die angeblich in den Diensten des Mossad gestanden hatten. Der Sohn eines Scheichs war ein charismatischer, gut aussehender Playboy und in zweiter Ehe mit der Miss Universe 1971 verheiratet. Er hatte in Deutschland ein bisschen auf Ingenieur studiert und kannte sich in der europäischen Partyszene besser aus als westlich des Jordans.

Eine Zeit lang wagte Harari nicht so recht, ihn ermorden zu lassen, denn Salameh besaß exzellente Kontakte zur CIA, wo er unter dem Codenamen "MJTRUST/2" geführt wurde und sich mit Topagenten sogar in den USA traf. Erst sechs Jahre später, am 22. Januar 1979, schlug er zu: Als Salameh in seinem Chevrolet zur Geburtstagsfeier seiner Mutter in Beirut fuhr, explodierte neben ihm ein Volkswagen, gefüllt mit elf Kilo Plastiksprengstoff. Die Detonation war so stark, dass mit Salameh auch die umliegenden Häuser in die Luft flogen.

Der Mossad erwischte nicht die Hintermänner

Die beiden Männer aber, die das Münchner Attentat wirklich geplant hatten, starben nicht durch Kugeln oder Bomben eines "hit teams". Der Chef des "Schwarzen September", Abu Ijad, war zu gerissen, denn hinter ihm war nicht nur der Mossad her, auch Jordaniens König Hussein versuchte jahrelang, ihn ermorden zu lassen. Getötet haben ihn schließlich seine eigenen Leibwächter: Weil der ehemalige Extremist im Alter immer friedliebender wurde und 1988 sogar Israel anerkennen wollte, ließ ihn der brutalste aller palästinensischen Killer, Abu Nidal, 1991 in Tunis umlegen.

Der zweite Chef-Planer, Mohammed Oudeh, besser bekannt unter seinem Kriegsnamen Abu Daud, lebt immer noch, derzeit vermutlich in Damaskus. Der 86-Jährige hat gerade einen Antrag bei den Israelis gestellt, er will zum Sterben nach Palästina zurückkehren. Fast wäre es schon 1981 in Warschau so weit gewesen, als er knapp einen Anschlag seines Gegenspielers Abu Nidal überlebte. Bis zum Fall der Mauer lebte Daud unter dem Namen Tariq in der Prenzlauer Allee 178 in Ost-Berlin.

Die Idee für den Anschlag sei ihm bei der Zeitungslektüre gekommen, schrieb er 1999 in seiner Autobiografie. Als er las, dass die palästinensische Delegation nicht in München zugelassen werde, habe er sich gesagt: "Wir werden teilnehmen - auf unsere Weise." Im August 1972 fuhr er nach München - sein abgelaufenes Visum hatte er sich mit Kugelschreiber verlängert - und deponierte die Waffen in einem Schließfach im Münchner Hauptbahnhof.

Es ist ein andauerndes Mysterium, warum die Israelis den wahren Architekten des Massakers nie inhaftierten oder liquidierten, obwohl sie mehrfach Gelegenheit dazu hatten. Sie ließen ihn sogar 1996 einreisen, bis 1999 lebte er unbehelligt in Ramallah im Westjordanland. Im Alter ist der ehemalige Topterrorist mild geworden, in einem "Focus"-Interview warb er 1999 für den Frieden mit Israel: "Wir müssen hart arbeiten, um die Fanatiker auf beiden Seiten zurückzudrängen."

Viel Hoffnung hat man nicht, wenn man die vergangenen fünf Jahre Intifada und die täglichen Horrorszenen aus Gaza sieht. Auch Spielbergs Blick in die Zukunft ist düster. Nach zweieinhalb Stunden Film voller Blutvergießen steht sein Held Avner 1973 zweifelnd in Brooklyn am Ufer und schaut über den East River auf Manhattan. Dort ragen die beiden Türme des World Trade Centers dunkel herauf am Horizont, sie wirken wie ein Mahnmal, das sagt: Ihr habt keine Ahnung, welche Ausmaße der Terror noch annehmen wird.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 2/2006

Von Claus Lutterbeck
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