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8. Februar 2009, 23:36 Uhr

Das Ende der Liebe

Jeder Mensch hat im Leben seinen ganz eigenen Film im Kopf. An manchen Tagen entwickelt aber auch das Internationale Filmfestival Berlin einen. Und der war am Sonntag herzauswringend. Von Sophie Albers

Mammoth, Gael Garcia Bernal, Michelle Williams, Rupert Grint, Marie Bäumer, Mitte Ende August, Sebastian Schipper

Es ist nicht alles Liebe, was sich gut anfühlt (Williams und Bernal in "Mammoth")© Berlinale/AFP

Ein Tag, vier Filme, und am Ende ist man reif für das klebrig-süße Popcorn Hollywoodscher Liebeskomödien. Das ist aber leider aus: Am vierten Tag der Berlinale regierte die Liebe im Kino. Und sie hatte schlechte Laune.

Den Anfang machte "Gigante": Ein massiger Mann mit Heavy-Metal-Schwäche arbeitet als Nachtwächter in einem Einkaufszentrum. Nacht für Nacht sitzt er vor den Überwachungskameras und beobachtet Menschen, die putzen, auffüllen, stehlen, Unsinn treiben. Sein Leben ist eingerichtet, er ruht in seiner Routine. Bis er sich in eine der Putzfrauen verliebt. Der bittersüße Film des spanischen Regisseurs Adrián Biniez zeigt wunderbar hintenrum durchs Herz, was die Liebe aus Verliebten machen kann. Am Ende fragt man sich dann, wieso um Himmels Willen Menschen überhaupt zueinander finden, wenn sie zu solchen Psychopathen werden.

Entfremdung in "Mammoth"

Den zweiten Schlag auf den romantischen Hinterkopf gibt es von Gael Garcia Bernal und Michelle Williams, die in Lukas Moodyssons "Mammoth" ein auf den ersten Blick perfektes Ehepaar spielen. Sie ist Ärztin, er millionenschwerer Computerspielentwickler. Sie leben in einem luxuriösen New Yorker Loft, und ihre noch immer leidenschaftliche Beziehung wird von einer hübschen wie schlauen neunjährigen Tochter gekrönt. Wie aber schon David Lynch wusste, lauert hinter den weißesten Gardinen meist der dunkelste Abgrund. Nach 120 Minuten, in denen Mann und Frau und Kind und Mutter sich erschreckend brutal entfremden, bleibt die Frage, ob das Konzept der Liebe "bis der Tod euch scheidet" nicht totaler Schwachsinn ist.

Die Antwort darauf gibt es von der Leinwand gebrüllt in "Mitte Ende August". "Wer hat uns denn je versprochen, dass es auf dieser Welt jemanden für uns gibt, der uns zurückliebt?", fragt ein alter, reicher Mann mit junger Geliebter im neuen Film von Sebastian Schipper. Wobei er das eher als Aussage, denn als Frage verstanden wissen will. Bücher und Filme betrieben Liebesterror, wütet er und verflucht Romeo und Julia als ersten Kollateralschaden des Medienzeitalters. Dazu muss man wissen, dass der alte, reiche Mann mit der jungen Geliebten gerade seine Tochter besucht, die mit ihrem Mann ein Häuschen auf dem Lande gekauft hat. Von da an geht es abwärts, denn die Liebe scheint sich geradezu eingeschnappt zurückzuziehen. Der Mann betrügt, die Frau leidet schweigend, das Haus, das der Liebe Raum geben sollte, wird mit dem Vorschlaghammer bearbeitet und der schöne, ehrwürdige Baum davor - einer von zweien - gefällt.

Das vergleichsweise milde Ende kann das ungute Gefühl nicht vertreiben. Vor allem nicht, nachdem die Liebe auch noch in dem tiefschwarz-sarkastischen Jugendfilm (!) "Cherrybomb" zu einem auf null Grad abgekühlten, drogenbefeuerten Wettstreit verkommt.

Marie Bäumer mit Knoten

Ein paar Stunden später steht man plötzlich wieder in einem Einkaufszentrum, diesmal allerdings ganz real und hoffentlich ohne den Mann vor den Überwachungskameras. Zwanzig Stockwerke über dem Kurfürstendamm feiert "Mitte Ende August" Premiere. Filmgattin Marie Bäumer hat das wilde Leinwandhaar in einem strengen Knoten gezähmt, und Filmgatte Milan Peschel erkennt man fast nicht wieder mit Brille und dunklem Haar. Nur André Hennicke sieht aus wie immer. Sektgläser klingeln, dezente Beats unterlegen das Lachen und Plaudern, und vor dem Fenster funkelt Berlin. Zumindest von hier oben sieht alles ganz klar und einfach aus - sogar die Liebe.

Von Sophie Albers
 
 
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