Metzgergeselle, Indochinakämpfer, Kino-Ikone, Frauenheld. Das Leben von Alain Delon war immer ein Drahtseilakt. Nun wird er 70, hat angeblich Todessehnsucht und will auf seinem Landsitz niemanden sehen. Der stern durfte ihn trotzdem besuchen. Von Irmgard Hochreither

Alain Delon während der Dreharbeiten zum Film "Der Clan der Sizilianer" im März 1969© Jim Pringle/AP
Eine gusseiserne Eingangspforte von königlichem Format zerschneidet die hohe, mit Kameras gespickte Mauer. Die schwere Tür weicht wie von Geisterhand geöffnet zurück und gibt den Weg frei. Ein bisschen wie im Märchen, wenn die arme Müllertochter das verbotene Reich betritt, in dem sich irgendwo ein geheimnisvolles Ungeheuer verbirgt. Die schmale Straße schlängelt sich durch einen Laubwald, führt vorbei an Pferdekoppeln und einem künstlich angelegten See, verschwindet wieder im Wald und endet schließlich in einer Lichtung. Wir sind da. Und werden bereits erwartet. Aus einem der im Halbrund angeordneten Gebäude springt uns schwanzwedelnd ein schneeweißer Amerikanischer Schäferhund entgegen, und eine Stimme ruft: "Das ist Voyou, er tut nichts. Bleiben Sie einfach stehen und beachten ihn gar nicht."
Das Wesen, dem die Stimme gehört, eilt auf uns zu. Ein sonnengebräunter Mann in Jeans, zyklamrotem Poloshirt und nackten Füßen in offenen Schlappen. Blendax-Lächeln, Handkuss, Charmeoffensive - Alain Delon, eine der letzten großen Legenden des französischen Kinos, empfängt die Besucher in seinem privaten Allerheiligsten mit unerwarteter Warmherzigkeit. Der pressescheue "eiskalte Engel" hat Feuer im mannshohen Kamin gemacht und lässt, in Plauderlaune, von seinem japanischen "Mädchen für alles" Kaffee servieren. Eine Privataudienz, die der als Misanthrop beschriebene Einzelgänger bisher nur wenigen Journalisten gewährt hat. "Sie können sich wirklich etwas darauf einbilden", betont er mit einer einladenden Geste, bittet auf dem gewaltigen Sofa Platz zu nehmen und grinst dabei diebisch.
Delon wohnt in Douchy, einem 1000-Seelen-Nest im Departement Loiret, etwa 130 Kilometer von Paris entfernt. Rund 120 Hektar Land, drei Swimmingpools, ein Hubschrauberlandeplatz, eine Kapelle, ein Hundefriedhof mit 35 Gräbern und mehrere kleinere Gebäude umgeben das Haupthaus, das innen aussieht wie eine Kreuzung aus überdimensionaler Trapperhöhle und komfortablem Schweizer Chalet.
Auf jeden Fall ein Domizil für echte Kerle. Wuchtige Holzbohlen, rauer Feldstein im riesigen Wohnraum, der voll gestopft ist mit Zeitschriften, Büchern, Kunstobjekten, Fotos. Verlorene Lieben, tote Freunde, große Vergangenheit, alles hübsch gerahmt. Sein "Puppele" Romy Schneider neben dem russischen General Alexander Lebed und Charles de Gaulle. Der Hausherr wirft einen Holzscheit ins Feuer, kramt dann aus einem Stapel Papiere Fotos hervor: Delon und "Mimi" Mireille Darc, die einstige Lebensgefährtin, kuschelnd auf dem Sofa. "Erkennen Sie es wieder?", fragt er, "das ist genau da, wo Sie jetzt sitzen."
Sind es die Erinnerungen an verlorenes Glück, die dem Mann das Leben schwer machen? Lasten eigene Verfehlungen auf der Seele? "Ich war auf den Erfolg programmiert, nie auf das Glück", sagt er, "und beides passt nicht zusammen." Der Name Alain Delon stand und steht für Übermaß. In jeder Hinsicht. Eine Monsterkarriere, Liebesaffären mit Frauen und Männern, Skandale, Geheimnisse - sein turbulentes Leben beherrschte über Jahrzehnte die Schlagzeilen.
Seine Filmpartner hießen Gabin, Montand, Ventura, Lancaster, Bronson. Seine Regisseure Visconti, Melville, Antonioni, Clément, Losey. Und immer wieder füllte die "Jahrhundert-Romanze" mit Romy Schneider die Magazine und Gazetten. Sie alle sind tot und haben ihn allein gelassen mit seinen nostalgischen Gedanken an eine Zeit, als das europäische Kino noch groß war und er selbst die Kultfigur des Film noir. Alles ziemlich lange her.
Könnte also durchaus sein, dass der begnadete Selbstdarsteller, jetzt kurz vor seinem 70. Geburtstag, die Zeit für reif hält, mal wieder eine Bombe zu zünden. Jedenfalls schreckte kürzlich eine Titelgeschichte die französische Öffentlichkeit auf. Alain Delon sei einsam, depressiv und lebensmüde, verkündete das Magazin "Paris Match". Und nur eine neue Frau könne ihn vielleicht noch aus diesen düsteren Endzeitgedanken herausreißen. Aber sie solle sich bitte schön beeilen, um das Schlimmste zu verhüten. Ein kalkulierter PR-Gag? Ein Hilferuf? Oder ist die einst so perfekte Leinwandverkörperung des coolen Berufskillers und Frauenhelden einfach nur zum bedauernswerten Jammerlappen mutiert?
In Delons Augen blitzt es kampflustig, als er sagt: "Die Franzosen wollen sich nicht das Bild zerstören lassen, das sie von mir haben. Mein Image ist das des knallharten Mackers. So einer darf keine Schwäche zeigen. Aber mir ist das scheißegal. Ich nehme mir das Recht zu sagen, was ich denke. Ich habe so sehr alles genossen, alles gehabt, alles gesehen. Es ist mein Leben, das ich einfach satt habe, und ich mache Schluss, wann es mir passt." Das klingt nicht larmoyant, sondern entschlossen. Da sitzt ein durch und durch vitaler Lebensmüder, der in fröhlicher Gelassenheit übers Sterben philosophiert.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2005