Er konnte mit den Ängsten seines Publikums spielen wie kein zweiter Regisseur: Auch 30 Jahre nach seinem Tod gilt Alfred Hitchcock als unerreichter Meister seines Fachs. Von Carsten Heidböhmer

Gilt als größter Regisseur aller Zeiten: Alfred Hitchcock© AP
Sein Name ist auch 30 Jahre nach seinem Tod noch immer ein Synonym für spannende Unterhaltung: Alfred Hitchcock beherrschte wie kein Zweiter das Spiel mit den Emotionen seines Publikums, das er mit immer neuen menschlichen Abgründen konfrontierte. Heute gilt er als der größte Filmkünstler aller Zeiten.
Privat führte Hitchcock dagegen ein von außen betrachtet ruhiges Leben: 54 Jahre lang - bis zu seinem Tod - war er mit der Cutterin Alma Reville verheiratet, die er bereits 1921 kennengelernt und 1926 geehelicht hatte. Zwei Jahre später kam seine Tochter Patricia auf die Welt. Hitchcock legte extremen Wert auf Ordnung. Als gläubiger Katholik besuchte er zudem regelmäßig die Messe.
Dass er trotz dieser bürgerlichen Fassade so tief in die menschlichen Abgründe herabsteigen konnte, lag neben dem strengen Glauben in seiner Kindheit begründet. Um ihn zu bestrafen, soll ihn sein Vater einmal für einige Stunden in ein Gefängnis eingesperrt haben. In diesem Erlebnis dürfte der Ursprung liegen für ein immer wiederkehrendes Motiv in Hitchcocks Werk: der unschuldig Verfolgte.
Ein guter Filmemacher braucht jedoch nicht nur Visionen, sondern auch das technische Vermögen, diese auf die Leinwand zu bringen. Und das konnte keiner so perfekt wie der 1899 bei London Geborene. Er lernte das Filmgeschäft von der Pike auf. Schon als Zwanzigjähriger schrieb er Zwischentitel für Stummfilme, später lernte er das Regieführen in den Babelsberger Ufa-Studios – damals den modernsten der Welt.
Seinen ersten eigenen Film drehte er 1922: "Number 13" blieb jedoch unvollendet. Mit "Der Mieter" aus dem Jahr 1926 hatte Hitchcock sein Genre gefunden, das ihn berühmt machen sollte: den Thriller. Der Film wurde sein erster großer Erfolg. 1929 vollzog er mit "Erpressung" erfolgreich den Umstieg auf den Tonfilm. In den 30er Jahren gelangen ihm einige frühe Höhepunkte seines Gesamtwerks: die Spionagethriller "Die 39 Stufen", "Der Mann der zuviel wusste" (von dem Hitchcock in den 50er Jahren ein US-Remake drehte) und "Eine Dame verschwindet". Hitchcocks Ruf als bester britischen Regisseur seiner Zeit sprach sich bis nach Hollywood herum. Und so holte ihn der legedäre Produzent David O. Selznick ("Vom Winde verweht") 1940 in die USA. Hitchcock zog mit seiner Familie nach Los Angeles - und sollte dort vier Jahrzehnte bis zu seinem Tod leben.
Gleich seine erste Zusammenarbeit mit Selznick bekam den Oscar: "Rebecca" wurde 1941 als bester Film ausgezeichnet. Da dieser Preis an den Produzenten vergeben wird, ging Hitchcock leer aus - und sollte bis zum Lebensende keinen Oscar gewinnen. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft: So großen Filmemachern wie Stanley Kubrick oder Ernst Lubitsch ist dieser Ritterschlag ebenfalls verwährt geblieben.
Seinen kreativen Zenit erreichte "Hitch" in den 50er Jahren, wo er in kurzer Folge so einflussreiche Filme wie "Das Fenster zum Hof" (1954), "Über den Dächern von Nizza" (1955), "Vertigo" (1958), "Der unsichtbare Dritte" (1959) und "Psycho" (1960) drehte. Allein die Filme aus diesen sechs Jahren reichen aus, um ihm einen Platz im Filmolymp zu sichern.