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Der Sex liegt in der Stimme

Nicht nur ihr perfekter Körper und die verführerischen Lippen machen Angelina Jolie so anziehend. Wenn Claudia Urbschat-Mingues im neuen Actionthriller "Wanted" wieder Angelina Jolie spricht ist klar: Auch die Stimme bringt die entscheidenden Punkte.

Von Judith Lövenich

Es ist einer der Momente, in denen die Augen einen zu trügen scheinen. Die Frau mit den langen brünetten Haaren hat man noch nie vorher gesehen - und doch wirkt sie vertraut, sobald sie spricht. Es ist dieses Gefühl, das einen auch manchmal bei einer neuen US-Serie beschleicht: "Irgendwoher kenne ich die Stimme." Die Frau mit den brünetten Haaren heißt Claudia Urbschat-Mingues, und wenn der Name nicht weiterhilft, dann doch der Hinweis, dass sie die deutsche Stimme von Angelina Jolie hat. Oder vielmehr: Angelina Jolie hat die Stimme von Claudia Urbschat-Mingues.

Wenn Angelina Jolie in ihrem neuen Film "Wanted" endlich wieder ordentlich durch die Gegend ballert, dann ist auch Claudia Urbschat-Mingues wieder mit dabei. Jolie wird als atemberaubende Killerin namens Fox den niedlichen Wesley Gibson (James McAvoy) in die Geheimnisse eines Profikillers einweihen. Sie wird im sexy Abendkleid auf Motorhauben springen und nebenbei treffsicher genau die Richtigen erschießen. Und mit Jolies Lippen wird Claudia Urbschat-Mingues dem armen Wesley schonungslos, aber mit ruhiger tiefer Stimme erklären: "Dein Vater war einer der größten Killer, die je gelebt haben." Und dann wird sie im gleichen Tonfall fortfahren, nach nur dem kleinsten Atemhauch einer Pause: "Und der andere - steht hinter dir." Sie ist es, die Angelina Jolie in der deutschen Version von "Wanted" so cool und gleichzeitig so aufregend sprechen lässt.

In einem Stummfilm nicht so sexy

Wenn sie nicht gerade hinter dem Körper der begehrtesten Frau Hollywoods verschwindet, ist Claudia Urbschat-Mingues etwas kleiner als Jolie. Ihre blauen Augen sind ein bisschen wärmer, der Mund ist weniger füllig, und darunter liegt ein energischeres Kinn. Sie lacht, wenn sie gefragt wird, wie sie es schaffe, so sexy zu klingen. Und dabei sieht sie so nett und harmlos aus, ganz anders als die berühmte Vamp-Frau. Solange, bis sie spricht. Denn dann ist Jolie in ihr manchmal so präsent, dass selbst ein Türsteher in einem Berliner Club sie gleich auf die VIP-Liste setzte. "Das ist wirklich passiert", erzählt sie lachend. "Natürlich hat er mich nicht für sie gehalten. Aber er meinte, 'Du sprichst ja schon wie Angelina Jolie' - und ließ mich rein."

Stimmlage: lieblich-fein bis mittelkräftig markant

Die Stimme beeinflusst angeblich zu mehr als einem Drittel, wie eine Person von anderen beurteilt wird. Stimmungen - die nicht ohne Grund so heißen - Gefühle oder Ängste schlagen sich direkt in der Stimme nieder. "In einem Stummfilm wäre Angelina Jolie nicht so sexy", sagt Urbschat-Mingues. "Die Stimme, das ist das direkte Gefühl." Und sie hat eben die Stimme, die Jolies direktes Gefühl ausdrückt.

Ein Blick in ihre Sprecherkartei klassifiziert diese Stimme wie folgt: "Sehr variabel, lieblich-fein bis mittelkräftig-markant, zwischen 25 bis 40 einsetzbar". Allerdings kann Claudia Urbschat-Mingues damit nicht allzuviel anfangen: "Ich gebe nicht einfach meine Stimme ab. Ich muss die Gefühle der Schauspielerin nacherleben", sagt sie. "Und das fällt mir bei Angelina Jolie sehr leicht."

Von Anfang an sei das so gewesen. 1998 war sie zu einem Vorsprechen für Angelina Jolies Oscar-prämierte Rolle in "Girl Interrupted" gegangen. Sie war zwar unerfahren, doch sie marschierte in Ledershorts und schwarzen Schnürstiefeln zum Vorsprechen und sagte mit ihrer vollen, tiefen Stimme: "Hier bin ich. Was wollt ihr von mir?" Das reichte. "Ich war kompromisslos und rebellisch, und deshalb passte ich gut zu Jolie. Sie ist unverbogen, forsch und hat ihr Ding gemacht, eher untypisch für Hollywood." Angelina Jolie, das sei ein Geniestreich gewesen. "Es hat einfach gepasst."

Die nötige Charakterstärke für ihren Hollywood-Körper hat sie auch schon bewiesen. Von Kind an litt Urbschat-Mingues an einer Insuffizienz der Stimmbänder. Gesangslehrerin, Arzt, Schauspielschule, überall hörte sie: "Mit der Stimme können Sie nicht mal Lehrer werden." Doch sie scherte sich nicht drum und arbeitete lange mit einer Logopädin. "Jetzt lebe ich von meiner Stimme", sagt sie und freut sich, es allen gezeigt zu haben.

Ein guter Synchronsprecher zeichnet sich also vor allem durch Ähnlichkeit mit dem Schauspieler aus? "Ja", sagt Urbschat-Mingues. "Deshalb sprechen ältere Sprecher ja auch nicht jüngere Schauspieler, auch wenn die Stimmlagen ähnlich sein sollten." Für ältere Sprecherinnen bedeutet das weniger Rollenangebote, denn Hollywood holt zwar viele alte Männer vor die Kamera - aber wenig ältere Schauspielerinnen. Ein weiterer Nebeneffekt, den Sprecher akzeptieren müssen: Die Produktionsfirmen verlangen zwar von ihnen, dass sie sich für Fortsetzungsfilme verpflichten - behalten sich aber vor, einen anderen Sprecher einzusetzen, wenn die Persönlichkeiten, und damit auch die Stimmen, sich unterschiedlich entwickeln.

Die gefühlte Lust auf Sex

Claudia Urbschat-Mingues hat Glück gehabt. Angelina Jolie hat sich nicht nur als Charakterschauspielerin etabliert, sondern auch in etwa zeitgleich mit ihr die punkige Rockgirl-Attitüde abgelegt. "Wir sind beide weicher geworden", sagt Urbschat-Mingues lachend. "Sie hat Kinder adoptiert und bekommt nun auch eigene, und auch ich habe nun ein Kind." Beste Voraussetzungen für gefühlvolle Stimmabgabe: "Ich verstehe sie einfach gut."

Kein geringer Anspruch, immerhin gilt Jolie als eine der erotischsten Frauen der Welt. "Das ist alles eine Frage des Denkens", verrät Urbschat-Mingues. "Wenn ich weiß, ich bin unwiderstehlich, dann bin ich es auch. Um Erotik zu verbreiten, muss man nicht halbnackt vor irgendeinem Kamin stehen." Das sei auch der Grund, warum viele Sprecher mit Erotik Probleme hätten: "Du musst vor laufendem Tonband Lust auf Sex haben, nur so kommt das Gefühl rüber."

Angelina Jolie könne das einfach. "Sie kann in nur einem Satz sofort Erotik erzeugen und jeden überzeugen, dass sie die Sexiest Woman Alive ist." Ein Beispiel? "Wenn sie sagt: 'Ich geh mal kurz ins Bad', dann kann sie das so sagen, dass ihr Gesprächspartner direkt weiß, dass er ihr folgen soll. Etwa so geht das". Claudia Urbschat Mingues lehnt sich ein bisschen vor, ihre Haare fallen um ihr Gesicht. Sie blickt aus ihren blauen Augen auf, und dann sagt sie: "Ich geh mal kurz ins Bad" - Mann würde ihr folgen.

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