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22. Oktober 2003, 10:40 Uhr

"Die ganze Familie soll mich mögen"

Sagt Anke Engelke - und verrät im Gespräch mit Alice Schwarzer, dass Idol-Sein eine "Schweinearbeit" ist. Die Kämpferin und die Komikerin über Vorbilder und Fassaden, Männer und Mädchenträume.

Anke Engelke, hier bei der Verleihung des Deutschen Comedy Preises 2003© Oliver Berg dpa/lnw

Alice Schwarzer: Deine öffentlichen Liebeserklärungen an Harald Schmidt häufen sich. Aber Hunde, die laut bellen, beißen ja angeblich nicht.

Anke Engelke: Da wird nie was sein. Der interessiert sich einen Scheiß für mich.

Glaube ich nicht. Ich glaube, dass diese Art Mann eher Angst vor dir hat. Vielleicht solltest du ihn mal öffentlich küssen? So wie Madonna Britney Spears!

Wenn du es mir erlaubst, tu ich's glatt!

Aber vermutlich wäre das nicht so wirklich komisch. Und sinnlich schon gar nicht ... Auch Madonna hat es vermutlich nur getan, weil sie ihr zunehmend biederes Image wieder auf sündig polieren wollte. Das hast du ja nicht nötig.

Ich finde, Madonna sollte auch souveräner die Show-Treppe runtergehen. Aber sie hat offensichtlich Angst zu fallen.

Das Problem ist, dass ihre Bedürftigkeit zu spüren ist. Diese Blöße darf eine Frau sich nie öffentlich geben.

Wie alt ist sie jetzt überhaupt?

Mitte 40 ...? Wann sollte ich eigentlich aufhören?

Gar nicht! Komisch kann man bis 100 sein.

Wo? Auf dem Mond? Im deutschen Fernsehen nicht. Da sehen ja sogar die Journalistinnen aus wie die Models.

Stört dich das?

Ja! Ich möchte diese ganze glatte Fassade runterreißen. Ich möchte zeigen, was dahinter steckt.

Und was steckt dahinter?

Betrug. Ich werde ja immer wieder mal gefragt, ob ich nicht in einer dieser Jurys der Superstars mitmache. Nein, danke! Ich habe keinen Bock, da einmal die Woche neben irgendwelchen operierten Tanten zu sitzen. Ich will mein Glück nicht auf Jungsein, Schlanksein, Schönsein aufbauen. Ich will mehr.

Aber du machst ja auch scharfe Auftritte.

Okay. Aber dann sollen die Mädchen und Frauen auch wissen, wie die zustande kommen. Dass ich vor dem Auftritt drei Stunden in der Maske sitze. Und dann noch stundenlang ausgeleuchtet werde. Neulich zum Beispiel habe ich eine Fotostrecke für "Petra" in London gemacht. Die Fotos sind unglaublich erotisch und lecker geworden. Aber das war eine Schweinearbeit! Sieben Stunden lang mit eingezogenem nackten Bauch in der Windmaschine. Ein ganzer Tag harte Arbeit. Alles nur gespielt - und kolossal entspannend, wenn ich dann zu Hause den Bauch hängen lassen kann. Es wäre toll, wenn alle jungen Mädchen so was mal erleben könnten: einmal Star sein, aber dann auch wieder runter von der Bühne und runter mit dem Make-up. Und wissen, die Leute, die sich danach noch für dich interessieren, das sind die richtigen.

Und diese Kunstfotos werden dann auch noch retuschiert.

Alles wird total retuschiert. Ich zum Beispiel bin behaart auf den Armen und habe eine dicke Querfalte auf der Stirn - von alldem ist dann nix mehr zu sehen. Das Bild, das ich dann in der Öffentlichkeit gebe, ist nur eine Rolle.

Eine Rolle, die für Realität gehalten wird - und Frauen im realen Leben einschüchtert.

Darum muss ich darüber reden. Die Mädchen und Frauen sollen wissen, dass diese Glamour-Frauen, die sie sehen, alle Ersatzteillager sind. Ich will niemandem zu nahe treten, aber zum Beispiel Jeanette Biedermann - die ist knapp über 20, wirkt aber wie eine geliftete 40-Jährige. Aber die Mädchen, die ihre Platten kaufen, wollen wie Jeanette Biedermann aussehen...

Dabei sieht Jeanette Biedermann selber nicht aus wie Jeanette Biedermann!

Genau, eher wie eine Barbiepuppe. Total unecht. Ich will so was nicht. Ich will kein Model, ich will ein "role model" sein.

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