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14. Dezember 2006, 11:10 Uhr

Böses Blut

Simple Story, brutale Action: Nach seinem umstrittenen Bibel-Epos "Die Passion Christi" hat sich Regisseur Mel Gibson jetzt die Mayas vorgeknöpft. Ein Werk, das verstört. Auch wegen seines wirren Regisseurs. Von Matthias Schmidt

So viele nackte Hintern bekommt man selbst in der Sauna selten zu Gesicht© Constantin Film

Nein, die exakten Unterschiede zwischen den Maya und den Azteken erklären wir jetzt nicht. Letztere galten als blutrünstiger. Doch wer nach 140 Minuten mit mittelschweren Würgereflexen aus "Apocalypto" wankt, dem steht sowieso nicht der Sinn nach klärenden Gesprächen mit Historikern oder Archäologen. Eher nach ein paar Stunden Kika oder Rosamunde Pilcher.

Bis zum Abspann, in dem lauter unbekannte Schauspielernamen wie Rudy Youngblood, Raoul Trujillo und Espiridion Acosta Canche erscheinen, hat man Folgendes durchlitten: Zwei Männern wird bei vollem Bewusstsein das Herz aus der Brust gedolcht und der Kopf abgeschlagen, der dann munter die Pyramidenstufen hinabkullert. Einem Mann, der nicht Roy heißt, wird von einer Raubkatze das Gesicht zermalmt. Ein Mann, der nicht der "Jackass"-Star Johnny Knoxville ist, beißt in den Hoden eines frisch erlegten Tapirs.

Ja, es gibt viele Männer hier. Die in diesem Kostümfilm mit sehr wenig Kostüm oft nur Lendenschurz tragen. So viele nackte Hintern bekommt man selbst in der Sauna selten zu Gesicht. Von der Wassergeburt in Großaufnahme ganz zu schweigen.

Australier, Alkoholiker, Antisemit

Doch "Apocalypto" ist mehr als Soft- und Gewaltporno. Es geht um ein hehres Ziel: die Hochkultur der Maya kurz vor Ankunft der Spanier filmisch darzustellen. Dachten wir. Doch dazu sollte man wissen, dass der Regisseur ein gewisser Mel Gibson ist. Australier, Alkoholiker, Antisemit. So verkürzt darf man das natürlich nicht wiedergeben. Es beschreibt trotzdem treffend die vergangenen Monate des 50-Jährigen. Die Vorwürfe gegen "Die Passion Christi" - judenfeindlich! Gewalt verherrlichend! - waren gerade verklungen, da leistete sich Gibson bei einer Polizeikontrolle in Malibu 1,2 Promille und eine sehr eigenwillige Geschichtslektion: "Die verdammten Juden sind verantwortlich für alle Kriege in der Welt."

Ginge es nach Gibsons Weltsicht, gilt Ähnliches für das wenig glorreiche Ende der Maya. Sein Kino-Fazit, das ihm bereits werbewirksame Rassismus-Proteste von Nachkommen bescherte: selbst schuld. Sklavenhandel, Menschenopfer, vergewaltigte Landschaften: Im Regenwaldstaat war schon vor den Konquistadoren etwas faul.

Geradliniger Actionfilm

Abgesehen von solch fragwürdiger Zivilisationskritik ist "Apocalypto" nichts anderes als ein sehr geradliniger Actionfilm. Und ein sehr ungewöhnlicher: komplett im Dialekt Yucatec gedreht, was Untertitel nötig macht, Verfolgungsjagden zu Fuß, keine Stars - der Sympathieträger nennt sich "Pranke des Jaguars" und erinnert an den jungen O. J. Simpson. Von der Story muss man nicht viel verraten, es gibt fast keine. Dorfidylle wird überfallen, junge Männer werden ins Maya-Manhattan verschleppt, einer flieht.

Gehen die Leute dafür ins Kino? In den USA steht Mels Massaker gerade auf Platz 1. Vor dem blonden James Bond und steppenden Pinguinen. Uns wundert nichts mehr.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 51/2006

Von Matthias Schmidt
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Christina1979 (15.12.2006, 18:31 Uhr)
Wissen
... sollte man vielleicht auch als voreingenommener Leser einer subjektiven Rezension, dass selbst der Herr Gibson fiktiv arbeitet. Was er abbildet, muss so nicht gewesen sein. Über die Lebensweise, die Riten und den Umgang beider Kulturen miteinander ist bis heute wenig herausgefunden und viel spekuliert worden. Wer also annimmt, dass Mel Gibson in einem Unterhaltungs-, keinem Dokumentarfilm, tatsächlich geschehene Ereignisse abbildet und über eine Art Zeitmaschine/Hoheitswissen etc. verfügt, dem genügen wahrscheinlich auch die Historienschinken einer Frau Durst-Benning als Quelle für die persönliche Bildung im Fach Geschichte.
hevosenkuva (15.12.2006, 00:35 Uhr)
Mels Massaker - Schmidts Scharmützel(chen)
Ich schließe mich inhaltlich meinen Vorkommentatoren an. Simple Schreibe, brutale Vergleiche. Ein Bericht, der verstört scheint. Wegen seines wirren Schreibers?
Entweder die herbeigezogenen ach so amüsanten Parallelen à la "Roy" oder "Jackass" sind beim gerade Stern groß in Mode oder der Autor ist ein geistiger Bruder des "Rückseite der Reeperbahn" Bloggers Matthias Wagner. Fatale Verhältnisse so oder so ; )
Bauzeichner (14.12.2006, 21:27 Uhr)
Schlechter Bericht durch schlechten Stil
Wer ist hier "uns"? Aber mich hat nach der Lektüre dieses voreingenommenen und tendentiösen Berichts allerdings nicht mehr gewundert, das der Autor zu diesem schlechten stilistischen Mittel griff, um der Leserschaft zu vermitteln zu versuchen, das ganz viele Leute seine Meinung teilen, frei nach dem Motto "Millionen Fliegen können nicht irren". Man kann zu Mel Gibson und seinen privaten Äußerungen stehen wie man will, aber davon auf die Qualität dieses Films zu schliessen ist unstatthaft. Nackte Hintern und blutige Gewalt war dort damals der graue Altag, der aufgklärte Mensch von heute hat das Recht, die Geschichte der Menschheit so unverfälscht wie möglich sehen zu dürfen. Wir leben nicht mehr in den 50er des letzten Jahrhunderts.
S.H. (14.12.2006, 20:38 Uhr)
Danke
Danke, Kallikles, daß ich mir nicht mehr die Mühe machen muß meinen eigenen Kommentar zu formulieren. Volle Zustimmung!
Kallikles (14.12.2006, 16:49 Uhr)
Wer ist eigentlich Matthias Schmidt?
"Doch dazu sollte man wissen, dass der Regisseur ein gewisser Mel Gibson ist. Australier, Alkoholiker, Antisemit." Ja, es ist schon ein Verbrechen, Mel Gibson zu heißen sowie ein Australier und ein Alkoholiker zu sein und im Vollrausch unkontrolliert als Alkoholkranker antisemitsche Sprüche von sich zugeben.
Und "fragwürdige Zivilisationskritik": die von Ihnen aufgezählten Tatbestände Sklavenhandel, Menschenopfer, vergewaltigte Landschaften lassen mich zu dem Schluss kommen, dass man so einer Gesellschaftsform keine Träne hinterher weinen muss, die Gewaltdarstellung führt uns vielleicht einmal vor Augen, wie grausam Menschenopfer gewesen sind, da gibt es nichts zu beschönigen.
"Gehen die Leute dafür ins Kino? In den USA steht Mels Massaker gerade auf Platz 1. Vor dem blonden James Bond und steppenden Pinguinen. Uns wundert nichts mehr." Wer ist uns - die Matthias Schmidts dieser Welt?
Leben Sie damit, dass Mel Gibson eine schwierige Person ist, aber ein sehr guter und ERFOlGREICHER Filemmacher, der nicht einem linksliberalen Gutmenschentum und Mainstream hinterherhechelt, sondern aus eigener Tasche ungewöhnliche Filme, meist in längst untergegangen Sprachen und Dialekten, finanziert und inszeniert, die harte Kost sind, aber anscheinend ihr Publikum finden und bei diesen mehr Nachdenklichkeit auslösen als bei Filmkritikern, die sich höchstwahrscheinlich bei Gewaltexessen a´la Tarantino genüsslich auf die Schenkel klopfen, aber wenn Realität abgebildet wird und jegliche ironische Brechung flöten geht dann das große Flattern bekommen.
Christus ist grausamst gefoltert, gekreuzigt und umgebracht worden - eine Tatsache und keine antisemitsche Verschwörung, es sei denn, mann bezeichnet das Neue Testament als antisemitisch. Und auch die lateinamerikanischen Urvölker haben, damit am nächsten Tag die Sonne wieder aufgeht, absolut barbarische Menschenopfer zugelassen.
Man muss lernen, damit zu leben: Sowohl mit Mel Gibson als auch mit der Wahrheit.
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