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Und alle umarmen Meryl Streep

Neben dem ganz großen Star-Glamour bietet die Berlinale Filme, die etwas bedeuten - und zeichnet sie aus. Die Gewinner der 66. Berlinale stehen fest. Ein fröhlicher Abend mit gesellschaftspolitischer Verantwortung ist möglich.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Meryl Streep und Gianfranco Rosi

Wurde an diesem Abend sehr häufig umarmt: Jury Präsidentin Meryl Streep mit Gianfranco Rosi, Regisseur des Gewinners des Goldenen Bären "Fuocoammare".

Sexiness und Klick-Anreiz haben jetzt Pause. Dieses eine Mal reden wir über das, was wichtig und nicht "heftig" ist. Filme, die bedeutend, aber keine Kassenmagneten sind. Die Berlinale wie kein anderes Festival hat sich neben dem Filmfest-Glamour gesellschaftspolitische Relevanz auf die roten Fahnen geschrieben. Und die flattern an diesem Samstagabend besonders aufgeregt im Wind. Die George Clooneys und Julianne Moores, die Jude Laws und Elyas M'Bareks sind weg, aber Meryl Streep ist noch da - und mit ihr die Jury, die die Bären vergibt. Glücklich und stolz.

Also zum letzten Mal roter Teppich, zum letzten Mal Blitzlichtgewitter und Limousinenkolonne, zum letzten Mal Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der wie ein personifizierter Berliner Bär das französische Bisous durch eine kräftige Umarmung ersetzt hat. Und natürlich Anke Engelke, die orange-rosé wie ein Pfirsich durch die Preisvergabe führt. 

Der große Gewinner ist "Fuocoammare" ("Fire at Sea"), die italienische Dokumentation über die Insel Lampedusa, deren Name schon lange für die Flüchtlingstragödie steht. Der Film erzählt von denen, die ankommen und denen, die schon da sind. Wie so viele an diesem Abend geht Regisseur Gianfranco Rosi erstmal zu Jurypräsidentin Meryl Streep und umarmt sie. Dann widmet er seinen Preis den Menschen von Lampedusa, die so offen "alles annehmen, was vom Meer kommt".


Silberner Bär für Trine Dyrholm

Der Silberne Bär für die beste Schauspielerin geht an die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm für Thomas Vinterbergs "Die Kommune". Darin hat die charismatische Frau sogar Julia Jentschs eindrucksvollen Auftritt in "24 Wochen" an die Wand gespielt, der vielen als Favoritin galt. "Oh Gott, ich bin so ein Fan von Meryl Streep, und jetzt gibt sie mir den Preis", sagt Dyrholm begeistert. "Das ist das beste Festival der Welt, und ich kann es kaum erwarten, euch alle zu küssen!"

Als bester Schauspieler wird Majd Mastoura für das tunesische Drama "Hedi" geehrt. Die Darstellung eines Mannes, der seine Gefühle immerzu unter Kontrolle halten muss, so dass man jede Gefühlsregung mit ihm fühle, sei brillant, freut sich Jurymitglied Clive Owen. Für Mohamed Ben Attias Film über Liebe gegen Traditionen gibt es außerdem den Preis für den besten Erstlingsfilm. Es ist der erste tunesische Film im Wettbewerb seit 20 Jahren. Auch Mastoura kann nicht an Meryl Streep vorbeigehen, ohne die Hollywoodgöttin kräftig zu drücken.

Bestes Drehbuch aus Polen

Der Preis für die beste Regie geht an die französische Filmemacherin Mia Hansen-Løve für das Liebesdrama "L'avenir" ("Things to come") mit Isabelle Huppert. Für das beste Drehbuch wurde dem polnischen Regisseur Tomasz Wasilewski der Silberne Bär überreicht. In seinem "United States of Love" geht es um vier Frauen und deren Lebenskampf in der polnischen Provinz. "Ein verschlungenes Märchen" mit einem "großartigen Ensemble", so die Jury. "Jetzt muss ich noch mehr Filme schreiben", freut sich der Regisseur.

Und auch der philippinische Acht-Stunden-Film "A Lullaby to the sorrowful Mystery" wird belohnt und zwar mit dem Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Regisseur Lav Diaz widmete seinen Bären allen Filmemachern, die daran glauben, mit Filmen die Welt verändern zu können. Der große Preis der Jury schließlich geht an das Nachkriegsdrama "Death in Sarajewo" von Danis Tanovic. 

Allen Anwesenden ist klar: Hier geht es um etwas, auch wenn es nicht schillert und schreit. Und das ist gut so. "Wir vergessen so schnell, dass die Freiheit für uns selbstverständlich ist, für die unsere Eltern und Großeltern kämpfen mussten", sagt Regisseur Tomasz Wasilewski im Anschluss in der Pressekonferenz.

Gut, dass die Berlinale auf Filme setzt, die uns daran erinnern.

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