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"Das obszönste Foto meines Lebens"

Auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist noch aus der Ruhe zu bringen: Ein Gespräch über seine Wut über Cinema for Peace, einen "Spontanbären" für Anke Engelke und den härtesten Film des Festivals.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Berlinale-Chef Dieter Kosslick und ein Foto von der Cinema for Peace Gala

"Sind die verrückt geworden?!" Berlinale-Chef Dieter Kosslick über die Rettungsdecken-Aktion auf der Cinema for Peace-Gala

Ich habe gerade Alex Gibneys Dokumentation über Stuxnet und Cyberkrieg, "Zero Days", gesehen. Was für ein Film!
Das ist einer der härtesten Filme des Wettbewerbs. Wenn man wirklich versteht, was der Film aussagt, dann ist das Abhören von Telefonen im Vergleich dazu Minigolf. Dass staatliche Hacker eine Nuklearanlage im Iran stilllegen können, ohne das Internet zu benutzen, ist einfach unvorstellbar. Und dann sagt eine Informantin am Schluss: "Das ist eine unserer leichtesten Übungen". Beängstigend! Passend dazu müssen Sie als nächstes noch "National Bird" gucken, ein Film über das Morden mit Drohnen.

Gibt es auch Schönes zu berichten? Was ist bisher Ihr Highlight?

Das ist nach wie vor Meryl Streep! Genau so habe ich es mir mit ihr in der Jury erträumt. Auch ihre Jury-Kleinfamilie ist offensichtlich sehr aufgeweckt. Ansonsten jagt ein Highlight das andere. Ich habe sieben rote Teppiche am Tag, da verliert man schon mal den Überblick - da folgt ein Highlight dem anderen.


Gibt es auch Tiefpunkte?

Nicht bei uns, aber die obszönste Geschichte, die ich seit meinem Amtsantritt hier erlebt habe, ich glaube, überhaupt in meinem Leben, ist ein Foto von einer Veranstaltung, mit der die Berlinale nichts zu tun hat und bei der sich Tausend Partygäste beim Essen goldene Kälteschutzplanen  über die Schultern stülpen. Sind die eigentlich verrückt geworden. Fremdschämen.

Sogar Charlize Theron hat mitgemacht.

Also, wenn das durchgeht, ohne dass es einen Kommentar in der Öffentlichkeit gibt, dann ist Cinema for Peace der neue Standard von Idioten, die sich auf Kosten von Flüchtlingen mit den geschmacklosesten Dingen bereichern, die man mit armen Menschen machen kann. Ich werde gern so zitiert! Nächstes Thema, bitte.

Es gibt diesen deutschen Zynismus, dass man Pop und Politik nicht zu mischen hat. George Clooney hat am Abend strahlend Premiere gefeiert und am nächsten Morgen mit Kanzlerin Merkel über die Flüchtlingskrise gesprochen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich finde das gut. Als George Clooney das erste Mal bei der Berlinale war, war ich auch frisch auf dem roten Teppich. Und es war der erste Teppich, auf dem die Stars angefangen haben, sich politisch zu äußern. Clooney war einer der ersten überhaupt. Damals ging es gegen die Invasion der USA im Irak. Auch Richard Gere und Spike Lee haben sich dagegen ausgesprochen. Damit ist genau das passiert, was ich mir gewünscht habe, und was auch intendiert war: dass wir hier Glanz und Glamour machen - und zwar nicht von schlechten Eltern -, aber dass wir immer auch um die Verantwortung wissen, für das, was neben dem Teppich abläuft. Es ist schade, aber die Nutzung der Stars, um auf etwas aufmerksam zu machen, ist heute oft der einzige Weg. Clooney setzt sich schon sehr lange ein - von Syrien bis Dafur, auch schon bevor er mit Amal verheiratet war. In unserer Medienwelt ist es leider so: Wenn du keinen Lärm machst, wirst du nicht gehört.


Ist es ein typisch deutsches Problem, damit nicht klarzukommen?

Viele Deutsche haben ein Problem, Ernsthaftigkeit mit Humor zu mischen. Das hat Tradition. Aber Anke Engelke und ich haben bei unseren Eröffnungen klar gemacht, dass wir das nicht so sehen.

Diese Eröffnung war die beste überhaupt.

Und das, obwohl die Show, wie sie geplant war, aus logistischen Gründen eine Minute vorher geändert wurde. Anke Engelke musste das alles aus dem Stegreif machen. Sie sollte mit dem "Spontanbären" ausgezeichnet werden. Wissen Sie, wir haben die größten Stars hier, aber wir wissen auch, dass das Lageso keine zwei Kilometer weit weg ist. Die Berlinale ist geerdet und ein Festival, das sich mit Filmen für Toleranz und Vielfalt einsetzt.

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