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Abtreiben oder nicht abtreiben?

Die Spätabtreibung eines behinderten Kindes ist ein Tabuthema. Dabei entscheiden sich mehr als 90 Prozent der betroffenen Mütter dafür. Julia Jentsch und Bjarne Mädel zeigen im Berlinale-Film "24 Wochen" einen Entscheidungsweg. Am Ende hat das ganze Kino geweint.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Berlinale zeigt 24 Wochen: Auftritt, der lange nachwirkt: Julia Jentsch und Bjarne Mädel

Ein Auftritt, der lange nachwirkt: Julia Jentsch und Bjarne Mädel im Berlinale-Film "24 Wochen" 

Als der Abspann läuft, ist Stille im Kino. Und es ist einer der seltenen Momente im Leben, in dem man sehr genau weiß, was alle anderen denken. Dasselbe wie man selbst: "Was hätte ich getan?" "24 Wochen" ist der einzige deutsche Film im Berlinale-Wettbewerb, und er ist definitiv einer, den die Zuschauer nicht so schnell vergessen werden. Das liegt natürlich am Thema, vor allem aber an den Hauptdarstellern.

Julia Jentsch ("Die fetten Jahre sind vorbei","Sophie Scholl") und Bjarne Mädel ("Mord mit Aussicht", "Stromberg", "Der Tatortreiniger") spielen ein glückliches Paar: Astrid ist eine erfolgreiche Komikerin (irgendetwas zwischen Carolin Kebekus und Anke Engelke) und schwanger, Markus ihr Manager und bedingungsloser Unterstützer. Sie haben bereits eine neunjährige Tochter, für die der Vater gerade ein Baumhaus ohne Baum baut (dafür auf Stelzen). Mit der gleichen Entschlossenheit reagiert Markus auf die Diagnose, dass das zweite Kind am Down-Syndrom leidet. "Wir kriegen das hin!" wird zum Credo, das auch Familie und Freunde unterstützen. 

Dann wird bei einer Kontrolluntersuchung auch noch ein schwerer Herzfehler entdeckt, und während Markus' sich in seiner Entscheidung bestärkt fühlt, wachsen in Astrid Zweifel. Auch die Zustimmung im Umfeld beginnt zu bröckeln, und ein Radiosender plaudert aus, dass die Komikerin ein behindertes Kind erwarte. Der Bauch wächst. Der Kreis der Entscheidungsmöglichkeiten zieht sich zu. Und am Ende sperrt Astrid auch Markus aus.

Beim Sex und beim Fußnägelschneiden

Der Zuschauer ist dem Paar so nah wie mit der Kamera möglich. Wir sehen Astrid und Markus beim Sex, aber auch beim Fußnägelschneiden. Zwei Mal blickt Astrid direkt in die Kamera. Das hier ist persönlich.

"Ich würde mich für den Rest meines Lebens schuldig fühlen", sagt der Vater. "Ab einem gewissen Punkt sollte man die Macht der Natur akzeptieren", sagt ein Arzt. "Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin", traut sich die werdende Mutter erst sehr spät zu sagen. Sie scheint auf ein Zeichen zu warten. Doch das einzige, was die Hebamme ihr sagen kann, ist: "Die Entscheidung kann einem niemand abnehmen, und niemand kann darüber urteilen."

"Ich habe selbst abgetrieben"

"24 Wochen" stellt die Frage, was pränatale Diagnostik möglich macht und was es für die Eltern bedeutet. Mehr als 90 Prozent der betroffenen Frauen entscheiden sich dafür, berichtet die Regisseurin Anne Zohra Berrached. "24 Wochen" ist ihr beeindruckender Abschlussfilm. Warum das Thema? Sie habe selbst einmal abgetrieben, sagt sie. "Seitdem hat das Thema mich nicht mehr losgelassen. Ich weiß, wie alt mein Kind heute wäre und wann es Geburtstag hätte."

Er habe sofort zugesagt, nachdem er das Drehbuch gelesen habe, sagt Bjarne Mädel. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Wahl, aber er gibt seinem Markus die brillante leichte Tiefe von einem, der weiß, dass sich hinter jedem Lacher auch Angst und Trauer verstecken. "Für mich macht es keinen Unterscheid, ob ich Drama oder Komödie spiele, aber ich bin froh zeigen zu können, dass ich auch ernst kann."

Natürlich habe es ihr geholfen, dass sie selbst Mutter ist, sagt Julia Jentsch, die eine ihrer bisher stärksten Vorstellungen liefert: eine knallharte Frau, die mit den Erwartungen kämpft. Vor allem den eigenen. Ihr sei die Entscheidung, "24 Wochen" zu machen, nicht so leicht gefallen wie ihrem Kollegen. "Meine Agentin hat gesagt, das ist ein tolles Buch, aber das willst du eher nicht machen." Verblüfft habe sie in der Vorbereitungsphase, wie viele Menschen um sie herum sich plötzlich geöffnet hätten: "Ja, ich habe das auch erlebt." Und wirklich alle hätten sie darin bestärkt, den Film zu machen, egal welche Entscheidungen die Betroffenen selbst getroffen hätten.

Eines der letzten Tabus in "24 Wochen"

Anne Zohra Berracheds Film ist harter Tobak und definitiv ein Preisanwärter. Und wir dachten, es gäbe in diesem Land keine Tabus mehr, die nicht längst in der Öffentlichkeit zertreten worden sind. "24 Wochen" ist zwei Kindern gewidmet: einem, das überlebt hat, und einem, das gestorben ist.

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