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17. Februar 2008, 14:30 Uhr

Politik dominiert Pop

Die Stones waren da, Madonna, Patti Smith und Neil Young. Die Musik gab dem Festival ein Grundrauschen, das internationale Aufmerksamkeit sicherte. Und doch hat sich die Berlinale am Ende als ernst zu nehmendes politisches Filmfest behauptet. Von Sophie Albers und Kathrin Buchner

Zoom

Szenenbild aus "Tropa de Elite", dem Gewinner des Goldenen Bären 2008 aus Brasilien© DPA

Kurz vor der Preisverleihung brannte der Himmel über Berlin: Der Tag endet in knallorangenen Farben, während sich vor dem Berlinale-Palast langsam die Zuschauerränge am roten Teppich füllten. Allerdings: So überfüllt und euphorisch wie bei den Rolling Stones und bei Madonna war es nicht. Denn die Abschlussgala der 58. Internationalen Filmfestspiele von Berlin machte deutlich: Nach der anfänglich versteckten Kritik an Berlinale-Chef Dieter Kosslicks Glamour-Packung erwies sich die Wundertüte als Volltreffer. Die Mischung aus schönem Schein und cinematischem Tiefgang wirkt. Kosslicks Formel aus dem Stones-Konzertfilm "Shine a light" und dem aufrüttelnden Dokumentarfilm über Abu Ghraib "Standing Operating Procedure" ist aufgegangen.

Deshalb heißt der Gewinner des Goldenen Bären auch "Tropa de Elita". Der Favela-Thriller von José Padilha ist ein knallharter Trip durch Rios Elendsviertel, angesiedelt 1997, kurz vor dem Besuch des Papstes. Zu gleichen Teilen eine Melange aus Martin Scorseses "Mean Streets", Fernando Meirelles' "City of God" und Sidney Lumets Polizei-Dramen, schildert der Film den Alltag der Titel gebenden Spezialeinheit, deren Kampf im hügeligen Moloch aus Drogenhandel, Korruption und einer völlig desinteressierten Politik nur kosmetische Wirkung hat.

Bärenfilm hat nicht nur in Brasilien den Nerv getroffen

In Brasilien sorgte die Innenansicht der militärpolizeilichen Elite-Truppe "Bope", die zum Erreichen ihrer Ziele auch Foltermethoden anwendet, für hitzige Kontroversen, die bis in den Kongress hinein gefochten wurden. Padilha fand sich plötzlich zwischen den Fronten wieder. Die einen warfen seinem Werk wegen der realistischen Darstellung faschistoide Tendenzen vor, während die Bope-Führung ohne Erfolg juristische Schritte einleitete. "Tropa de Elita" hat auf jeden Fall einen Nerv getroffen: Er war in seinem Heimatland die erfolgreichste Produktion des letzten Jahres. Und lässt einen trotz der phasenweise holprigen Dramaturgie nicht kalt.

Auch in der Hinsicht blieb sich die Berlinale-Jury treu, dass als Favoriten andere heiß gehandelt wurden, aber es dann doch der Film wurde, mit dem kaum einer gerechnet hatte. Alle sprachen von "There will be blood", auch "Kirschblüte Hanami" wurden Bären-Chancen zugesprochen, doch letzter ging sogar völlig leer aus. Gab es im letzten Jahr noch einen Silbernen Bären für Nina Hoss in "Yella", blieb in diesem Jahr das frischgebackene Filmland Deutschland Trophäen-los. Ist zwar schade für Doris Dörries "Kirschblüte", doch dürfte die tragische Komödie an den Kinokassen durchaus Erfolg haben.

Eine Festival wie eine Wohnzimmer-Party

Für "There will be blood" gab es immerhin zwei Silberne Bären, einen für Paul Thomas Andersons Regie in diesem monumentalen Epos über einen Ölmogul Ende des 19. Jahrhunderts, den anderen für die Musik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, der den bombastischen Bildern ihren bedrohlichen Charakter verlieh. Anderson war es, der Kosslick an diesem Abend das wohl schönste Kompliment machte. Er leite ein Festival, als sei es eine Party in seinem Wohnzimmer, so der "Magnolia"-Regisseur.

Auch US-Regisseur Errol Morris bedankte sich bei Kosslick, wenn auch mit ganz anderem Hintergrund. Als erster Dokumentarfilmer des Festivals überhaupt durfte er im Wettbewerb seine schockierende Spurensuche nach den Folter-Vorfällen in Abu Ghraib präsentieren. Das Werk sorgte für Debatten über die Berlinale hinaus.

Was bleibt also vom 58. Filmfest Berlin - abgesehen vom abgewetzten roten Teppich. Sicherlich profitiert die Berlinale davon, mit dem Regiedebüt des größten lebenden Popstars untrennbar verbunden zu sein. Ein wenig von dieser Aufmerksamkeit kam auch anderen Filmemachern zugute. Madonna ist eben der Zuckerguss auf einer üppigen Torte, das Dressing, das die Salatblätter flutschen lässt.

Mitarbeit: Bernd Teichmann, Matthias Schmidt

Von Sophie Albers und Kathrin Buchner
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