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15. Februar 2006, 15:52 Uhr

Gurkenmasken und Walross-Schnauzer

Halbzeit bei der Berlinale: Nach Charity-Galas und langatmigen Filmen beschleicht einen ein "alles so schön verzerrt hier"-Gefühl. Aufgerüttelt wird man durch packende Dokus wie "The Road to Guantanamo".

"I'm the walrus" - Ewan McGregor mit neuem Look auf der Berlinale© Oliver Lang/DDP

Halbzeit. Schichtwechsel. Während Kollege Schmidt seinem nach fünf schlafreduzierten Festivaltagen zunehmend ins Horst-Tappert'sche übergehende Gesicht eine Gurkenmaske gönnt, geht's hinein in die zweite Runde. Adäquater Einstieg: Cinema for Peace, der schwer Euro-beladene Charity-Anhänger der Berlinale-Lokomotive. Zum fünften Mal wurde zum Reden halten, Preiseverteilen und Versteigern zugunsten Unicef und Liz Taylors Aids-Stiftung geladen - und nicht alle kamen. Voll war's schon im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, 674 Gäste, um genau zu sein, die je 660 Euro für’s Ticket hinlegten, aber die richtigen Stars konnten, wollten oder sonst was nicht. Sharon Stone holte ihren Preis entgegen des Veranstalters Hoffnung nicht ab. George Clooney hatte seinen Preis für den "Most Valuable Movie of the Year", nämlich "Good Night, And Good Luck" schon vor einigen Tagen entgegen genommen.

Richard Gere, der die Hauptrede halten sollte, ward ebenso wenig gesehen (sein Flieger war wegen eines Blizzards auf dem New Yorker Boden geblieben), wie Italo-Alt-Diva Ornella Muti und Ewan McGregor, der es vorzog, seinen neuen Walross-Schnauzer lieber auf der Party seines Panorama-Beitrages "Stay" spazieren zu tragen.

Ewan McGregor auf "Stay"-Party

Sollte besagte Feier dem Film angemessen abgelaufen sein, hat jeder Gast am Eingang eine LSD-Pille eingeworfen und den Abend entsprechend dem Credo "Alles so schön verzerrt hier, aber irgendwie auch egal" durchlebt. Dieses Gefühl jedenfalls beschlich den Betrachter von Marc Forsters ("Finding Neverland") Psycho-Thriller bereits nach ungefähr 20 Minuten. McGregor spielt darin einen New Yorker Psychiater mit unerklärlich chronisch zu kurzen Hosen, dem eines Tages ein Unfallopfer (Ryan Gosling) in die Praxis schneit, das unter Amnesie leidet und offensichtlich Geschehnisse vorhersagen kann. Natürlich wird das Puzzle am Ende zusammengesetzt, aber das interessiert dann schon keinen mehr, was an der unverminderten Distanz zu den Figuren und der penetrant manirierten Inszenierung liegt. Sollte Panorama-Chef Wieland Speck auf die Idee kommen, einen Award für die bemüht originellsten Übergänge zu verleihen - wir hätten da einen Kandidaten…

"Invisible Waves" als Psycho-Thriller deklarierter Langweiler

In die gleiche Kategorie fällt auch der thailändische Wettbewerber "Invisible Waves", ein gleichermaßen als Psycho-Thriller deklarierter Langweiler von Pen-ek Ratanaruang, der mit – in diesem Fall brillanten – Bildkompositionen des Wong Kar-Wai-Kamermannes Christopher Doyle vom Nichtgeschehen ablenken will. Worum geht's? Ein japanischer Koch bumst die Frau seines Chefs, der ihn dazu nötigt, sie umzubringen, um dann wiederum seine Häscher auf ihn anzusetzen. Das muss man nicht in 115 Minuten erzählen, vor allem nicht, wenn sie sich wie 190 anfühlen.

Generationsbilderreigen zwischen Rock und Halbstarkendasein

Ein wenig straffer hätte auch Dominik Grafs "Der Rote Kakadu" ausfallen können, eine 129 Minuten messende "Jules und Jim"-Variante in der DDR, vier Monate vor dem Mauerbau. Die Dreicksgeschichte zwischen dem Neu-Dresdener Siggi (etwas blass: Max "Napola" Riemelt), der jungen Lyrikerin Luise (großartig: Jessica Schwarz) und ihrem klobig-lebenslustigen Ehemann Wolle (merkenswert: Ronald Zehrfeld) spielt nur selten im rasanten Takt des Jazz und Rock'n'Roll, der im titelgebenden Nachtclub gespielt wird. Ein hübscher, recht schleppend daher kommender Generations-Bilderreigen zwischen Rock Around The Clock, Stasi-Spitzelei und Die Halbstarken, der zurecht nicht das Votum als Wettbewerbsbeitrag bekommen hat.

"The Road to Guantanamo" tiefenwirksames Pamphlet gegen groteske Demokratievorstellung

Ohne Zweifel einer der Favoriten für einen der Hauptpreise ist indes Michael Winterbottoms und Mat Whitecross "The Road to Guantanamo", ein Doku-Drama über die sogenannten "Tipton Three", drei Engländer pakistanischer Herkunft, die zwei Jahre unschuldig im amerikanischen Stützpunkt Guantanamo inhaftiert waren. Winterbottom, vor drei Jahren Gewinner des Goldenen Bären mit seinem Flüchtlingsdrama "In This World", lässt die echten Ex-Häftlinge in die Kamera sprechen und die Schilderungen mit Darstellern nachspielen. Zusätzliche Dokumentar-Schnipsel machen den Film insgesamt zu einem tiefenwirksamen Pamphlet gegen die grotesk-menschenverachtende Demokratie-Definition der konservativen US-Regierung, die sich in einem Interview-Ausschnitt mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verdichtet: "In Guantanamo werden alle Häftlinge, gemäß der Genfer Konvention, vernünftig behandelt. Größtenteils."

Eine erste Auszeichnung durfte Winterbottom schon gestern Abend von der Bühne tragen: den Cinema for Peace Ehrenpreis. Und dann wurde gefeiert. Letztes Bild so gegen 2 Uhr: Cherno Jobatey am Wasserglas. Darauf zwei Aspirin und eine Gurkenmaske.

Bernd Teichmann
 
 
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