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13. Februar 2006, 12:25 Uhr

Schlaflos in Berlin

Meryl Streep kam - und verzauberte die anwesenden Journalisten. Derweil rauben die vielen Partys dem Festivalbesucher die letzte Kraft.

Verzauberte die anwesenden Journalisten: Meryl Streep, die in Berlin den Film "A Prairie Home Companion" vorstellte© MJ Kim/Getty Images

Am vierten Tag der Berlinale wird es höchste Zeit, sich einmal den Festival-Feinheiten zu widmen. Sagen wir beispielsweise mal Stichworte wie Saalfüllungsgeheimnisse, Synchronisation und Starstreuung.

Das Phänomen, wie sich ein ausverkaufter Kinosaal füllt, hätte schon längst eine empirische Studie verdient. Da nämlich alle Zuschauer erst einmal beim Hinsetzen eine Anstandsabstand zu den bereits Sitzenden lassen, sind kurz vor Beginn nur noch die eigentlich besten Sessel frei: Die genau in der Mitte. Und zu denen darf man sich dann, vorbei an vielen schlecht gelaunten Knien und Schuhspitzen quetschen. Ein zwischenmenschliches Abenteuer für sich, das Gerüchten zufolge schon zu spontanen Eheschließungen geführt haben soll.

Sämtliche Filme, egal ob aus Mexiko, Malaysia oder Marokko, werden natürlich in der Originalfassung gezeigt. Mit deutschen Untertiteln. Wer aber bereits bei einer großen amerikanischen Produktion wie dem neuen Robert-Altman-Werk "A Prairie Home Companion" zahlreiche hanebüchene Übersetzungsfehler und Auslassungen bemerkt (Obwohl sogar mehrmals im Bild, schreiben die Untertitel die Abkürzung WLT beharrlich MLT, um nur ein winziges Beispiel zu nennen). Was passiert dann wohl erst bei einem koreanischen Beitrag? Oder einem österreichischen? Ja, geh schaß'n...

Promis gut dosiert

Apropos "Prairie Home": Altmans gleichzeitig subversives wie reaktionäres Country-Musical, eine Art nostalgischer Verbeugung vor einer der populärsten US-Radio-Shows, sorgte diesmal für das Idol des Tages. Vorgestern Clooney, gestern deutsche Allstars, heute Meryl Streep und dann kommt Natalie Portman. Merke: Willst du Fotografen-Geschrei und Medienecho konstant hoch halten, verteile deine Ehrengäste hübsch gleichmäßig über die elf Festivaltage. Bisher gelingt das Oberboss Dieter Kosslick ausgezeichnet.

Die abendliche Pressekonferenz von Streep und Altman, die auch noch Lindsay Lohan und Woody Harrelson an ihrer Seite hatten, geriet - ähnlich wie der Film - zur bestens gelaunten Unterhaltungsshow. Altman witzelte über sein Alter: "Ich vergesse nicht nur ihre Fragen, sondern auch meine Antworten". Die immer wieder und immer noch blendend schöne Streep über ihre Gesangskünste: "Ich musste keine gute Sängerin spielen, nur eine Sängerin". Darauf Altman: "Ich wusste nicht, dass du vorher geschauspielert hattest." Großes Gelächter. Zudem verriet Streep, warum sie auch in Zukunft nicht so viel Theater spielen wird: "Ich habe so viele Kinder. Und die haben alle ihre eigenen Dramen." Ihr weiterer Berlin-Plan: "Ich will alle fünf Museen für zeitgenössische Kunst sehen."

Gefeiert wird in Berlin übrigens dieses Jahr, als gäbe es kein morgen, keinen Morgen und keine 9 Uhr-Frühvorstellungen. Allein am Wochenende hatten Ausgeschlafene und Hartgesottene die Wahl zwischen mehr als 20 Partys größerer und intimerer Natur. Da lädt der Kulturkanal Arte zu einem Wir-steigen-uns-gegenseitig-auf-die-Füße-Empfang in einem italienischen Ristorante. Da lässt das so spröde-bürokratisch klingende "Medienboard Berlin-Brandenburg" bis weit nach Mitternacht im ersten Stock des Luxushotels Ritz-Carlton die Champagner- und Cocktailgläser blinken. Da geben sich die ausländischen Filmfirmen, die dieses Jahr im Martin-Gropius-Bau ihre Messestände aufgebaut haben, in angesagten Clubs die Kante. Da steigen Feten zu Ehren des Wettbewerbfilms "Elementarteilchen" und des Theater-Meisters Robert Wilson im noblen China Club und so weiter und so kurz die Nächte.

Das wichtigste Stichwort der Berlinale wird also bis auf weiteres dann doch schwofen bleiben. Und schlaflos.

Matthias Schmidt

 
 
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