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13. Februar 2008, 12:00 Uhr

Party-Hopping und Keuchhusten

Der sechste Tag der Berlinale: Pinkeln mit Panoramablick über Berlin, schlechte Musik auf Doris Dörries Premieren-Party und der unvermeidliche Jürgen Vogel. stern.de-Autor Matthias Schmidt schreibt sein Berlinale-Tagebuch über verpasste Vorstellungen und Kollegen mit Keuchhusten. Von Matthias Schmidt

Berlinale, Doris Dörrie, Jürgen Vogel, Premieren-Party

Jürgen Vogel ist Dauergast bei den Berlinale-Partys© Michael Kappeler/DDP

Tag 6
In Amerika ist es inzwischen nichts Ungewöhnliches, dass nicht nur die üblichen Medienverdächtigen - also Schreiberlinge von Zeitungen und Magazinen, Radio- und Fernsehreporter sowie eine steigende Zahl von Online-Redakteuren und anderen Lohnsklaven - von den Filmfestivals berichten, sondern auch Blogger. Die nicht bis zum Abend der langen und längeren Tage warten, bis sie einen cineastisch verbrämten, gerne etwas zu ausführlichen Brocken Fließtext ablaichen, sondern immer und immer wieder - also mehrmals am Tag - kleine Kritiken, Beobachtungen, Promi-Sichtungen und Selbstbefindlichkeiten verfassen. Mal hingerotzt, mal ausgefeilt bis in die Interpunktion. Sehr sexy das, sehr schnell und flexibel.

Am sechsten Tag der Berlinale war uns das auch mal einen Versuch wert.

00:14 Uhr
Ich pinkle auf Berlin. Wer an den Pissoirs im 21. Stock der Puro Sky-Lounge steht, blickt auf halb West-Berlin. Anfälle von Cameronschem King of the World-Größenwahn. Wie sahen eigentlich die Sanitäranlagen im Führerbunker aus? Sprudelwanne mit künstlich brechender Welle? Blondie-Kacheln? Eine Etage tiefer steigt gerade die Premierenparty von "Kirschblüten - Hanami". Viel Bürgertum, aufgeräumte Tanzfläche. Die Abifeier-Musikmischung aus Pia Zadora, Wham! und Eurythmics erinnert an die tiefsten 80er. Passt also alles ziemlich gut in die Welt von Doris Dörrie. Im Eingangsbereich leuchtet Karoline Herfurth.

01:05 Uhr
Weiter zur nächsten Sausenstation. Eigentlich wäre Bettruhe ratsam, schließlich warten tagsüber sechseinhalb Stunden Kinoprogramm, die durchwacht werden wollen. Wettbewerbsberichterstatterchronistenpflicht. Falsch abgebogen, fast verfahren, doch dann weisen brennende Fässer den Weg zum Empfang von Kinowelt. Fabrikhallen im Niemandsland nahe des Hauptbahnhofs. Kalkofe steht rum und kalkoft. Eine sehr blonde Schauspielerin, die Otto oder so ähnlich heißt, erzählt von ihrem ersten Drehbuch, für das sie morgen sehr früh nach Los Angeles fliegt. Eine tief ausgeschnittene Kollegin erzählt von ihrem ersten Roman, für den sie morgen sehr früh nicht nach Los Angeles fliegt. Kurze Beschämung angesichts der eigenen Unkreativität und Schaffenskargheit. Morgen, sehr früh, werde ich MySpace beitreten. Zählt das?

02:43 Uhr
Bett. Handywecker auf 7.30 Uhr. Zweieinhalbstündiges koreanisches Monster in der Frühvorstellung. Regisseur bekannt für baldrianlangsame Inszenierung und wenig Handlung. Sollte man eigentlich zum Einschlafen sehen, nicht danach.

08:37 Uhr
Handy hat wirklich nicht geklingelt. Echt jetzt. Keine dumme Ausrede. Für die erste Vorstellung ist es jetzt wirklich viiiiiel zu spät. Muss irgendwann Dankesbrief an Nokia schreiben. Trotz Bochum.

11:17 Uhr
Gewissensbisse. Bei meinem Glück gewinnt der verschlafene Koreaner den Goldenen Bären und alle zeigen auf mich für die Jubelrezension. Den hast du doch gesehen, nicht wahr? Schnell dem Kollegen vom befreundeten Nachrichtenmagazin auf die Mailbox sprechen, um doch noch zu erfahren, wie der Film war. Die brillante Idee, dass die irgendwann unser Berlinale-Tagebuch schreiben und wir ihres und wir dann mal warten, ob die Chefs das merken, wurde leider immer noch nicht eingetopft.

12:22 Uhr
Jetzt doch Kino. Der Kollege links von mir riecht nach Altöl, die Rothaarige rechts hat eine schwere Bronchitis oder Keuchhusten. Dann doch lieber einen der vielen Kinoschnarcher.

14:37 Uhr
Überraschung. Ein Gute-Laune-Film, nach dessem Genuß die Berlinale gern sofort zu Ende sein kann. Und das vom britischen Muffelbären Mike Leigh, der mit seiner biederen Mutter Courage-Abtreibungsgeschichte "Vera Drake" selbst alte Fans verschniefte. Nun bekommt er mit "Happy-Go-Lucky" sogar Szenenapplaus. Vor allem, als seine Hauptfigur, die gut gelaunte Grundschullehrerin Poppy, auf eine feurige Flamenco-Lehrerin trifft. Poppy, 30, ist eine Frohnatur, die sich selten den Tag vermiesen lässt. Nicht von ihrem rassistischen Fahrlehrer, nicht von aggressiven Schülern. Als ihr Fahrrad geklaut wird, meint sie nur: Ich konnte mich nicht mal von ihm verabschieden. Poppy muss man sich ungefähr so vorstellen wie eine erwachsene Pippi Langstrumpf, die sich plötzlich neben Herrn Nilsson auch für andere Männer interessiert. Farbenfrohes Outfit, Schepper-Schmuck und eine Liebe für die Details des Alltags. In Leighs Film passiert herzlich wenig, aber das ist nach dieser Dosis Lebensglück so egal wie der Goldene Bär für einen langsamen Koreaner und die Tophits der 80er.

15:47 Uhr
Schnell ein Fischbrötchen. Jetzt wird zurückgehustet.

17:59 Uhr
Stell Dir vor, jemand zeigt dir sein Fotoalbum. Bilder mit dreckigen, blutenden, nackten Männern. Zu einer Pyramide gestapelt, an einer Hundeleine, mit Handschellen, Säcke über dem Kopf. Geschundene Kreaturen, quälende Motive. Und dennoch ist meist ein lächelnder Bekannter im Bild, Daumen nach oben, siegessicher. Die Herrenrasse, auch von Frauen dargestellt. Und du hast jetzt die Aufgabe zu rekonstruieren: Wann genau sind die Fotos entstanden, mit welcher von drei verschiedenen Digitalkameras, wer ist auf dem Bild und genauso wichtig: Wer nicht. Und ist der Kapuzenmann auf der Kiste mit den Elektrodrähten an den Fingern schon eine krimineller Akt oder nur ein Standardvorgehen, um Gefangene im Irakkrieg weich zu klopfen? "Standard Operating Procedure" heißt denn auch der beklemmende Dokumentarfilm von Errol Morris, eine Art Michael Moore zum Schlechtfühlen. Eine investigative Meisterleistung, die viele Fragen beantwortet und noch mehr aufwirft.

20:45 Uhr
Abendessen beim Japaner mit Kollegen eines befreundeten Gesellschaftsmagazins. Haben den Koreaner auch nicht gesehen. Wir reden nur über Madonna und verlorene Handschuhe.

23:40 Uhr
Empfang von Senator. Die Filmfirma, die neben "Fireflies in the Garden" (Familiendrama mit bösem Vater und verunfallter Mutter) noch "Feuerherz" (Kindersoldaten-Bestseller) und "Be Kind Rewind" (Videotheken-Schwank) im Hauptprogramm laufen haben. Das Unternehmen mausert sich gerade zu einem deutschen Miramax. Gut also, dass zu später Stunde noch Harvey Weinstein seinen imposanten Bauch durch die Menge schiebt. Kalkofe haben wir nicht mehr entdeckt. Dafür Jürgen Vogel (unvermeidlich auf jeder Art von Berlinale-Party) im Tratsch mit Marusha. Das muss reichen für heute.

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Von Matthias Schmidt
 
 
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