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Die Geburt der Stadt aus Blut und Gewalt

Keine aufrechten Sheriffs, nirgends edle Siedlerfrauen. Stattdessen üble Typen und blutige Gemetzel - Martin Scorsese wirft einen Blick in die hässliche Vergangenheit Amerikas.

Frischer Schnee liegt in New York City. Auf Manhattans Lower Eastside hat ihn ein gutes Dutzend Aktivisten vor einem der zahlreichen Gerichtsgebäude zu Matsch zertrampelt. "No war", rufen sie gebetsmühlengleich, ein Polizist schaut gelangweilt zu. Er ist der einzige Zuschauer, hier am Rande von Chinatown, an einem Ort, der einst Five Points hieß, weil fünf Straßen sternförmig aufeinander zu liefen; in der Mitte ein Gärtchen: "Paradise Square". Vor rund 150 Jahren war dort Krieg und Mord und Totschlag, jeden Tag, jahrzehntelang.

Blut färbt den Schnee von Five Points, nachdem sich das Tor zur Hölle aufgetan und der irische Priester Vallon seine Gefolgschaft hinausgeführt hat aus dem Bauch der riesigen, alten Brauerei. Er vorneweg mit einer Standarte, an der ein totes Kaninchen baumelt. Die "Dead Rabbits", eine der "Gangs of New York", warten auf die "Native Americans", die gebürtigen Amerikaner. Es geht um die Herrschaft über Five Points, es geht um Macht. Am Ende der Schlacht ist der Priester tot, man ahnt: Dies ist der Auftakt zu einer gigantischen Metzelei, Martin Scorsese lässt von Anfang an keinen Zweifel daran.

Die Handlung seines epischen Filmes "Gangs of New York" ist schlicht und wenig ergreifend, ein bisschen Ödipus, ein bisschen Hamlet und Hollywood-Sirup obendrauf: Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), Sohn des Priesters und Bandenchefs, rächt den im Schneegestöber von "Bill the Butcher" (Daniel Day-Lewis) krude exekutierten Papa (Liam Neeson). Vollwaise Amsterdam kehrt nach Jahren im Heim in sein Viertel Five Points zurück. Er ergaunert sich unter falschem Namen das Vertrauen des Mörders, bewundert den sogar für Stärke und Kraft und verliebt sich in das gerissene Straßenmädchen Jenny Everdeane (Cameron Diaz).

Unseligerweise teilt sie ihr Laken auch mit dem Butcher, sie muss sich also entscheiden zwischen den beiden Machos, und selbstverständlich wählt sie den jungen Vallon. Ganz zum Schluss, nach zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten, darf der endlich den üblen Bill meucheln. Was insofern komisch wirkt, als DiCaprio trotz aller maskenbildnerischen Kniffe - gelbe Zähne, Stoppelbärtchen, das Fetthaar zum verwegenen Schwänzchen gebunden - eben immer noch so ausschaut wie DiCaprio: kein bisschen böse und gefährlich. Wohingegen der famose Day-Lewis den Butcher mit solcher Perfektion mimt, dass man dem auch jenseits des Sets jede erdenkliche Schweinerei zutraut.

"Gangs of New York" ist ein pompöser, großer Film, aber kein großartiger. Er ist an vielen Stellen unnötig brutal, an einigen unnötig sentimental und am Ende sogar idiotisch verkitscht. Er reicht nie heran an die Klasse von Scorseses Meisterwerken "Good Fellas", "Taxi Driver" oder "Wie ein wilder Stier".

Und doch: Es ist ein wichtiger Film, weil er die Geschichte New Yorks und damit auch die des Landes schonungslos erzählt: Die Geschichte von Armut, politischer Korruption, Klassen- und Rassenkampf, Verbrechen und Sozialdarwinismus - nur die Stärksten, die Skrupellosen kommen weiter. Five Points ist die Ursuppe des heutigen Amerikas. Das zeigt Scorsese und hält Amerika den Spiegel vor: Herrschaften, hat sich da wirklich so viel verändert?

Die Konservativen trieb der Regisseur damit auf die Zinnen. Patriotismus wollen die, und in diesen Zeiten ganz besonders ein uneingeschränktes Ja zu Amerika. Sie nannten Scorsese einen "Nestbeschmutzer" und seinen Film "historischen Nonsens", nur weil er Fakten, Figuren und Fiktion munter mischt.

Einige mochten sich gar nicht darüber einkriegen, dass jemand die Chuzpe besitzt, hinabzusteigen in den Sumpf und Schmutz und den faulen Gestank der amerikanischen Geschichte - und sich nicht aufhält mit dem großen Treck westwärts und Pioniergeist und all den gängigen Klischees. Diese Seite ist bekannt und erzählt. Die andere nicht: Es war einmal in Amerika, und dieses Amerika war eben arm, verlaust, dreckig und auch stolz.

Die Kreuzung Five Points existiert heute nicht mehr, Martin Scorsese ließ sie deshalb in den Cinecittà-Studios in Rom nachbauen. Und zwar mit solcher Präzision, dass der Historiker Tyler Anbinder, Autor des Buches "Five Points", ins Schwärmen geriet: "So muss es wirklich ausgesehen haben damals".

Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, als das Viertel der schlimmste Slum Amerikas war, in dem sich Immigranten aus Irland, Deutschland und Schwarze niederließen und unter Bedingungen hausten, die ein Zeitzeuge so beschrieb: "Die Schweine auf der Straße müssen sich wundern, warum die anderen Schweine auf zwei Beinen gehen." Die alte Brauerei, Zentrum des Filmes, beherbergte von 1837 bis zum Abriss 1852 bis zu 1200 Menschen auf fünf Stockwerken und wenigstens ebenso viele Ratten.

Herbert Asbury, dessen 1927 erschienenes Buch "Gangs of New York" den jungen Scorsese faszinierte und letztlich zum Film inspirierte, schrieb, dass ganze Familien über Jahre die Sonne nicht sahen und im Keller des Gebäudes auf winzigem Raum ein modriges Schattenleben führten. Charles Dickens, einiges gewöhnt an Armut und Scheußlichkeiten in seiner englischen Heimat, notierte schockiert: "Aus jeder Ecke, wenn du in die dunklen Refugien starrtest, kamen Figuren gekrabbelt, halbwach, als wäre die Stunde des jüngsten Gerichts gekommen und jedes dunkle Grab würde seine Toten freigeben..."

Als Abraham Lincoln 1857 New York besuchte, bestand er auf einer Tour durch Five Points. Er sah erschütternde Armut. Er sah aber auch, dass Schwarze und Weiße neben- und miteinander wohnten. Derselbe Lincoln ließ sechs Jahre später Truppen einrücken, um die legendären "Draft Riots" niederzuschlagen, eine Revolution der Straße, ausgehend von Five Points.

Die Geknechteten erhoben sich erstmals gegen das Establishment, zogen nordwärts in die feinen Viertel der Upper Eastside, wo die Reichen und Einflussreichen residierten. Die ihre Söhne nicht in den Bürgerkrieg schicken mussten, weil sie sich die 300 Dollar Ablass für die Freistellung von der Armee leisten konnten. Am Ende der schlimmsten Unruhen in der Geschichte New Yorks waren Hunderte tot. Genau vor dieser Folie spielt der Film, Arm gegen Reich, Ohnmacht gegen Macht.

An der Stelle des früheren Five Points stehen heute Gerichtsgebäude, die Straßen verlaufen anders und heißen anders. Die Immigranten kommen immer noch und warten in Schlangen vor dem Federal Plaza Building mit der Einwanderungsbehörde. Schnee ist gefallen in New York. Er wandelt sich unter den Füßen der Friedensdemonstranten in Matsch. Sie haben sich einen symbolischen Ort ausgesucht. Der Polizist schaut gelangweilt. Was können die schon machen? Bald ist Krieg.

Michael Streck

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