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Im Zeichen der Zunge

Der Berlinale-Eröffnungsfilm "Shine a Light" verspricht viel. Schließlich hat Kultregisseur Martin Scorsese die Rolling Stones inszeniert. Nach zwei Stunden weiß man: Große Namen sind nicht alles. Da hilft auch Jaggers persönliche Fürsprache nichts.

Von Sophie Albers

Die ersten Minuten dieses Films sind großes Kino: großartige Darsteller, grandioser Schnitt und eine Geschichte elaborierten Humors, wenn nämlich Regie-Titan Martin Scorsese und Popmonster Mick Jagger versuchen zusammen zu kommen, ohne auch nur einen Hauch ihrer Kontrollfreakigkeit preiszugeben. Das ist lustig, entspannt, und es macht großen Spaß zuzusehen. Besonders wenn Scorsese dann auch noch die wunderbaren Zeilen sagt: "Der Effekt würde Mick Jagger verbrennen? So richtig in Flammen aufgehen? Hm, wir wollen den Effekt, aber wir können doch nicht Mick Jagger verbrennen. Schade." Leider sind es aber eben nur die ersten Minuten.

Mit "Shine a Light" als Eröffnungsfilm hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick vielleicht sich und anderen Rolling Stones-Fans einen Wunsch erfüllt, doch eigentlich sind die 122 Minuten Konzertfilm mit ein paar dokumentarischen Einsprengslern ein bisschen mau und definitiv kein "bigger bang" zur Eröffnung. Vor allem nicht im Vergleich zu einem anderen Musikfilm, mit dem im vergangenen Jahr das Festival begann: "La vie en rose" hatte in großer Erzählung das Leben der Edith Piaf nachgezeichnet. Das war Kino mit allen Gefühlen. Dagegen ist "Shine a Light" eine ziemlich groß produzierte Live-DVD. Ein Film für Fans.

Robert DeNiro's waiting

Nun waren sie also da die Stones. Alle vier Mitglieder der legendären Rockband haben sich in der Pressekonferenz aufs Podest gesetzt und Regisseur Scorsese in ihre Mitte genommen. Das Turbowrack Keith Richards hat ihm sogar noch den Stuhl gerückt. Wie zu Beginn des Films machte Jagger sofort klar, dass er keine Götter neben sich duldet und hätte sich und Scorsese wohl am liebsten auch gleich selbst die Fragen gestellt. Durfte er aber nicht, ging ja schließlich um die Promotion des Films. Also war er nach einer kurzen Dankesrede auch kurz ruhig.

Das nutzte Scorsese, um zu berichten, dass er zuletzt 1981 in Berlin gewesen sei, um sein Meisterwerk "Wie ein wilder Stier" vorzustellen. Wehmütig denkt man an die Theorie, dass Scorsese einen Robert DeNiro an seiner Seite braucht, um sein Genie scheinen zu lassen. Aber vielleicht darf man nicht zu hart urteilen über diese jüngste Koproduktion, denn der Regisseur verrät auch, dass der Sound der Rolling Stones ihn in seiner gesamten Karriere inspiriert habe. Und das schließt ja "Mean Streets" und "Taxi Driver" mit ein. "Ihre Musik ist eine Arbeitsbasis in meinen Filmen. Deren Wesen ist zeitlos. Sie hat Bilder in meinem Kopf geschaffen" Nagut.

In den 70ern habe er erstmals einen Auftritt der Band gesehen und damals beschlossen, einst einen Film daraus zu machen. "Das ist 47 Jahre her", so Scorsese. Und es war ein Haufen Arbeit, denn 17 Kameras hatte der Filmemacher auf und um die Bühne des Beacon Theaters in New York herum postiert, um die Show den Bildern in seinem Kopf anzupassen. Immerhin: Der dauergrinsende Richards brummelt, dass sie die Kameras gar nicht bemerkt hätten bei ihrem Auftritt. Das zu glauben, ist ein Grundproblem des Konzertfilms: Drei Tage haben die Aufnahmen gedauert, natürlich gab es ein Storyboard, und Scorsese ist nicht gerade bekannt dafür, die Dinge einfach so laufen zu lassen. "Wir haben versucht, so nah wie möglich an die Live-Show heranzukommen", sagt er. Das Konzerterlebnis mit anderen Mitteln also?

Abhaken und ins Regal stellen

"Es ging darum, diesen Moment, diese Nacht, in Bernstein zu gießen", sagt Jagger dann sehr poetisch und leckt sich über die großen Lippen. Ja. Und deshalb kann man die Stones jetzt theoretisch abhaken und ins Regal stellen. Aber natürlich nur, wenn man kein Fan ist.

Keine Frage, es hat immer wieder nicht sonderlich begeistert aufgenommene Eröffnungsfilme gegeben. Doch wird man bei "Shine a Light" einfach das Gefühl nicht los, dass es vor allem darum ging, diese alten Männer auf der Bühne sitzen zu haben. Und deshalb ist die Kritik hiermit auch zu Ende, denn zum Festivalglamour taugen die energisch-faltigen Bühnenveteranen allemal.

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