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13. Februar 2011, 18:33 Uhr

Der Integrationsdebatte den Ton abgedreht

Auf der Berlinale feiert der Film "Almanya - Willkommen in Deutschland" Premiere, eine deutsch-türkische Migrationsgeschichte. Als Beitrag zur Integrationsdebatte ist er leider völlig unbrauchbar - weil die Autorinnen an der entscheidenden Stelle kneifen. Von Carsten Heidböhmer, Berlin

Berlinale 2011, 61. Filmfestspiele Berlin, Almanya, Berlinale, Film

Der Einwanderungsbeamte (Axel Milberg) überreicht zwei eingewanderten Neubürgern ihre deutschen Pässe - und ermahnt sie, immer schön sonntags den "Tatort" zu gucken© Christian Hartmann / RoxyFilm / Berlinale

Die Erwartungen waren nicht gering: Mit "Almanya - Willkommen in Deutschland" stand am Samstag ein Film im Berlinale-Programm, der das Zeug hat, den ganzen Irrsinn der Sarrazin-Debatte aufzuzeigen und ad absurdum zu führen. Der einmal vorführt, was Leitkultur bedeutet für Menschen, die seit mehreren Generationen im Land leben, aber immer noch nicht richtig dazugehören. Der als "Integrationsdebatte in Komödienform" ("Tagesspiegel") angekündigte Film stammt aus der Feder der deutsch-türkischen Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, selbst als Einwandererkinder im Ruhrgebiet geboren, die zuvor schon an der Serie "Türkisch für Anfänger" mitgearbeitet haben. Erzählt wird die Geschichte des anatolischen Einwanderers Hüseyn und seiner Familie von den 60er Jahren bis zur Gegenwart.

Die Voraussetzungen für einen relevanten Beitrag waren gut. Konnte also "Almanya" der eingefahrenen Diskussion neuen Schwung verleihen? Die Ansätze waren jedenfalls da. Schon der vorab gezeigte Trailer machte Lust: Dort sieht man Axel Milberg als Einbürgerungsbeamten, der einem alten türkischen Ehepaar seine neuen Pässe überreicht und es daran erinnert, was es bedeutet, Deutscher zu sein: zweimal die Woche Schweinefleisch, Sonntag abends "Tatort" gucken, und der Urlaub wird nur noch auf Mallorca verbracht.

Christen als Menschenfresser

In der ersten halben Stunde präsentiert der Film eine Fülle solch witziger Ideen. Indem er beispielsweise die Situation des kleinen Cenk schildert, den seine Lehrerin partout nicht als Deutschen sehen will, weil er einen türkischen Papa hat. Seine türkischen Mitschüler akzeptieren ihn aber auch nicht als einen der ihren - er ist viel zu gut integriert und spricht kaum ein Wort Türkisch.

Grandios auch der Einfall, die Sprachverhältnisse bei der Ankunft der türkischen Familie in Deutschland umzukehren. Während sich die Zugereisten in flüssigem Deutsch verständigen, sprechen die Eingeborenen alle ein unverständliches Kauderwelsch, das den Kinozuschauern mit Untertiteln übersetzt werden muss.

Auch die Religion wird thematisiert: Christen seien Menschenfresser, die sonntags in die Kirche gehen und dort den Leib und das Blut eines Toten verzehren. Dazu beten sie einen ans Kreuz genagelten Mann an - was für barbarische Sitten!

Melodram siegt über die Komödie

Man hätte sich gewünscht, noch mehr solcher Absurditäten und interkultureller Missverständnisse auf so humorvolle Weise präsentiert zu bekommen, doch ab der Mitte ändert der Film seine Tonlage und verwandelt sich in ein rührseliges Familiendrama. Es wird nun die Geschichte des Großvaters Hüseyn erzählt, der noch einmal in seine türkische Heimat aufbricht und dort stirbt. Das Melodram siegt über die Komödie.

Das ist schade. Denn am Schluss hätte der Film die Gelegenheit gehabt, unmittelbar in den Integrations-Diskurs einzugreifen. Kurz vor seinem Tod hat Hüseyn eine Einladung erhalten, in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel über das Thema Zuwanderung zu reden. Anstelle des Verstorbenen tritt nun der sechsjährige Cenk ans Mikrofon und hält genau die Rede, die sein Großvater einstudiert hatte. Gerade als er anhebt, dreht ihm die Regisseurin den Ton ab – und der Integrationsdebatte gleich mit. Die Kameras schwenken lieber auf die gerührten Gesichter der Familie.

Eine verpasste Chance: Man hätte doch gerne gewusst, was ein vor rund 50 Jahren eingewanderter Türke der deutschen Regierungschefin zu sagen gehabt hätte. Bei allem Spaß in dieser Komödie: So ernst war es den beiden Autorinnen dann offenbar doch nicht.

Von Carsten Heidböhmer, Berlin
 
 
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