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Filme, Fremdschämen und ein Fußtritt von Elyas M'Barek

Zehn Tage lang waren der Potsdamer Platz und seine Kinos mein zweites Zuhause, das ich mit Stars, Sternchen und vor allem tausenden Kollegen teilte. Ein kurzer Blick zurück auf die Berlinale 2014.

Von Patrick Heidmann

Für einen Filmjournalisten wie mich stellen die Internationalen Filmfestspiele Berlin - auch bekannt als Berlinale - einen echten Ausnahmezustand dar. Mehr als 400 Filme werden gezeigt, zwischen denen man sich entscheiden muss, es gilt Interviews zu führen, Texte zu schreiben und nach Möglichkeit auch hin und wieder ein wenig feste Nahrung zu sich zu nehmen. Und all das mitten im Berliner Schmuddelwinter, der sich allerdings in diesem Jahr so mild und sonnig präsentierte, wie ich es in meinen 14 Jahren auf diesem Festival noch selten erlebt habe. Doch natürlich war das Wetter bei dieser Berlinale nicht das einzige Highlight der diesjährigen Berlinale war.

Die Filme: "Boyhood"... und der Rest

Es ging gut los in diesem Jahr, denn mit Wes Andersons entzückend skurrilem "Grand Budapest Hotel" hatte die Berlinale erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit einen Eröffnungsfilm im Programm, der nicht nur für Starauflauf auf dem roten Teppich sorgte, sondern auch wirklich sehenswert war. Aber das Beste kam trotzdem kurz vor Schluss.

Nichts hat mich dieses Jahr mehr berührt und erfreut als "" von Richard Linklater, eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die der Oscar-nominierte Regisseur ("Before Midnight") als Langzeitprojekt seit 2002 jeden Sommer für eine oder zwei Wochen stets mit den gleichen Schauspielern drehte. Eine unglaublich authentische, liebenswerte Studie einer ganz normalen amerikanischen Jugend, die gerade deswegen so großartig ist, weil nicht viel mehr passiert als das ganz normale Leben. Etwas Besseres gab es im Wettbewerb dieses Jahr nicht zu sehen. Fand nicht nur ich, sondern auch der Großteil der anwesenden Journalisten aus aller Welt. Nur die Jury war anderer Meinung - und speiste Linklater mit dem Regie-Bären ab.

Insgesamt schien die Filmauswahl überzeugender als in den vergangenen Jahren. Den japanischen Film "The Little House" fand ich auf altmodische Weise hinreißend, die vier deutschen Wettbewerbsbeiträge durch die Bank zumindest interessant ( "Kreuzweg" mit Abstand am meisten, Dominik Grafs "Die geliebten Schwestern" am wenigsten) und selbst Filmen wie "Praia do Futuro" und "Aloft", die andere als "pure Langeweile" oder "Eso-Quark" empfanden, konnte ich etwas abgewinnen. Auch in den Nebenreihen gab es Sehenswertes, darunter "Love Is Strange" (Panorama), "Snowpiercer" (Forum) oder "Zeit der Kannibalen" (Perspektive deutsches Kino). Die cineastischen Totalausfälle, so es sie denn gab, gingen zum Glück an mir vorüber. Zumindest bis kurz vor Schluss, als mit "Die Schöne und das Biest" die unfreiwillig komischste Peinlichkeit seit langem lief.

Ach, und der chinesische Noir-Krimi "Black Coal, Thin Ice", der am Ende den Goldenen Bären gewann? Über den kann ich leider gar nichts sagen, denn unfreiwillig blieb ich auch dieses Mal meiner eigenen Berlinale-Tradition treu und habe ausgerechnet den späteren Sieger verpasst!

Die Stars: Clooney, Brosnan... und Yvonne Catterfeld

Dass George Clooney die Berlinale mit einem Besuch beehrt hat, dürfte jeder mitbekommen haben. Und, ja, natürlich gehörten seine Aufritte auf dem roten Teppich, beim Fotoshooting oder in seinem Berliner Lieblingsrestaurant "Grill Royale" zu den Höhepunkten des Festivals. Der Kerl hat einfach Charme und Witz im Überfluss, was man von seinem neuen Film "Monuments Men" leider nicht behaupten kann. Überhaupt fiel die Promidichte in diesem Jahr ziemlich hoch aus, schließlich waren auch Pierce Brosnan oder Viggo Mortensen da, ganz zu schweigen von Tilda Swinton und Catherine Deneuve, die noch jedem Festival Glamour verleihen. Auf jeden Fall kamen so viele Gäste aus dem Ausland, dass von den deutschen Stars und Sternchen, die auf der Berlinale traditionell zehn Tage lang rund um die Uhr in Sachen Eigenwerbung unterwegs sind, vergleichsweise wenig die Rede war. Wofür Iris Berben beim Empfang des Medienboard Berlin-Brandenburg angesichts ihres fürchterlichen Kleides womöglich sogar dankbar war.

Apropos jener Empfang im Ritz-Carlton: dort war es, wo mir an der Bar #link;v;# mit voller Wucht auf den Fuß trat. Unabsichtlich natürlich - und dabei so frech grinsend, dass ich nicht nur von meiner Begleitung um meine schmerzenden Zehen beneidet wurde. Weitere Stars, die bei mir bleibenden Eindruck hinterließen: Christian Bale, der das grummelige Schlechte-Laune-Interview von vor zwei Jahren mit viel Witz vergessen machte; Jennifer Connelly, die in Wahrheit noch viel atemberaubender aussieht als auf der Leinwand; und Toni Collette, die im Gespräch sehr offen herzig durchblicken ließ, wie erleichtert sie darüber ist, dass ihre TV-Serie "Hostages" gerade mangels Erfolg nach nur 15 Folgen eingestellt wurde.

Die größte Überraschung war aber ohne Frage Yvonne Catterfeld. Damit, dass ich das Ex-"GZSZ"-Sternchen mal auf der Berlinale interviewen würden, hätte ich im Leben nicht gerechnet. Dass sie in "Die Schöne und das Biest" neben Vincent Cassel und Léa Seydoux durchaus mithalten kann, ebenfalls nicht. Aber vor allem weiß ich jetzt: die Dame ist nicht nur hochschwanger. Sondern auch ausgesprochen sympathisch!

Die lieben Kollegen: Peinlichkeiten und schlechter Geruch

Was die Hochachtung vor der eigenen Profession angeht, ist die Berlinale meist eine harte Prüfung. Nicht so sehr, weil es immer wieder erschreckend ist, in welcher Windeseile sich die Meute in egoistische Rüpel verwandelt, sobald es beim Schlangestehen vorm Kino auch nur für den Bruchteil einer Sekunde so aussieht, als käme man womöglich nicht mehr ins "Grand Hotel"-Screening. Und auch nicht aufgrund der fiesen Mischung aus Schweiß, Knoblauch und kaltem Rauch, die einem ab dem zweiten Festivaltag schon morgens um 8.30 Uhr im Kino umgibt. Nein, mir geht es schlicht und einfach um Professionalität.

Sich mal zu irren, wie der Berliner Radio-Kollege, der live on air behauptete, Wes Andersons jungen Hauptdarsteller Tony Revolori kenne man bereits aus "Slumdog Millionär", ist noch verzeihlich (wenn auch peinlich, schließlich ist die einzige Gemeinsamkeit der beiden jungen Männer, dass sie indisch-stämmig sind). Aber die journalistischen Zustände auf der Pressekonferenz von George Clooney ließen mich vor Fremdscham fast im Boden versinken. Und apropos, liebe Kollegen: Shia LaBeouf ist nicht aus der "Nymphomaniac"-PK gestürmt, sondern in aller Ruhe (und von langer Hand geplant) aufgestanden und gegangen. Ganz zu schweigen davon, dass es dem derzeit etwas angeschlagenen Schauspieler sicher ganz gut tun würde, die Presse würde ihn einfach mal eine Weile ignorieren. Und wo kein Skandal ist, wird auch keiner draus, in dem Lars von Triers tollen neuen Film kurzerhand als "Sexfilm" betitelt!

Die Zukunft: Eine Berlinale ohne Kosslick?

Auf der Berlinale wird immer wieder gerne in die Zukunft geblickt. Meistens geht da nur um drei Monate, denn spätestens zum Ende des Hauptstadt-Festivals schwärmen die Journalisten davon, wie sehr sie sich auf die Konkurrenzveranstaltung in Cannes freuen - und welche Filme uns dort wohl erwarten werden. Woody Allen, David Cronenberg, Fatih Akin, Mike Leigh - mir fallen da für dieses Jahr bereits einige ein!

In diesem Jahr ist man nun aber sogar schon auf die 65. Berlinale- Ausgabe im kommenden Winter gespannt. Denn gerade macht das Gerücht die Runde, Festivaldirektor Dieter Kosslick könnte vielleicht neuer Kulturstaatssekretär in Berlin werden. Was mir wie eine Win-Win-Situation erscheint. Die Kultur der Hauptstadt könnte von Kosslicks ökonomischen Talent profitieren, mit dem er auch die Berlinale zu einem riesigen Erfolgsunternehmen aufgeblasen hat, das auch in diesem Jahr wieder neue Rekorde in Sachen verkaufter Eintrittskarten und Merchandise-Artikel verzeichnen konnte. Und dem Festival würde nach 13 Jahren vielleicht eine neue künstlerische Leitung mal ganz gut tun. Doch ganz gleich, wie es kommt: ich bin auch 2015 wieder am Start!

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